Corona-Warn-App: "Alles ist Made in Germany, alle Daten, alle Projekte"

Die Telekom und SAP werten die Kooperation bei der Mobilanwendung als großen Erfolg auch für Open Source. Grüne und Aktivisten fordern ein Begleitgesetz.

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(Bild: Corona-Warn-App)

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"Wie die Jungfrau zum Kinde" seien die Deutsche Telekom und SAP nach einem Restart der Pläne für die nationale Lösung zum Nachverfolgen von Corona-Infektionsfällen gekommen, erinnerte Telekom-Chef Timotheus Höttges bei der Präsentation der offiziellen Corona-Warn-App am Dienstag in Berlin an schwierige Startbedingungen. Über "Scrum-Teams, Sprints" und die Zusammenarbeit mit Startup-Initiativen wie Gesundzusammen habe sich das Projekt aber binnen 50 Tagen zu einem "Rockstar" nicht nur bei der Geschwindigkeit aufgeschwungen.

"Alles ist Made in Germany, alle Daten, alle Projekte, alle Clouds liegen hier in Deutschland", hob Höttges hervor. Binnen weniger Stunden hätten sich schon über 100.000 Nutzer gefunden, in den App-Stores von Apple und Google rutsche die Anwendung ständig weiter nach oben. Für ältere Menschen ohne die erforderliche Geräteausstattung werde die Telekom in ihren Shops "Extra-Handys" anbieten, nutzte er die Gelegenheit für Werbung. Alle Dax-Unternehmen seien aufgerufen, die App intern zu bewerben.

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"Open Source hat wirklich als Stützpfeiler gedient", ergänzte SAP-Vorstandsmitglied Jürgen Müller. Über 100.000 verschiedene Personen hätten die Seite besucht und 1500 "konkrete Code-Veränderungsvorschläge" gemacht. Es habe wohl noch nie ein öffentliches Projekt gegeben, "in das so oft hineingeschaut wurde".

"Wir haben alles getan, um Datenschutzbedenken aus dem Weg zu räumen", warb Müller auch um vorsichtige Nutzer. Es werde "mit maximaler Datensparsamkeit gearbeitet", sodass sich jeder fragen müsse: "Vor welchem Datenmissbrauch habe ich denn Angst?" Jeder Online-Einkauf oder jede Social-Media-Nutzung verrate mehr persönliche Informationen als die Anwendung. Das Team werde nun auch "ganz genau sicherstellen, dass das, was wir veröffentlichen als Open Source, auch genau das ist, was auf dem Telefon landet".

Bei der Bluetooth-Genauigkeit zur Abstandsmessung sei er noch vor vier Wochen sehr skeptisch gewesen, ließ der SAP-Cheftechniker durchblicken. Zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft und auf Basis eines Modells vom Robert-Koch-Institut habe man dann aber "viele Möglichkeiten" bis hin zu Cocktail-Partys und Restaurantbesuchen simuliert. Bei den letzten Testreihen sei es dann mit verschiedenen Mobilfunkgeräten gelungen, "rund 80 Prozent der Begegnungen korrekt" einzuschätzen. Ein gefährlicher Kontakt sei dabei als "näher als zwei Meter über 15 Minuten hinweg" bewertet worden.

Parallel habe man "auf Augenhöhe mit Chefentwicklern von Google und Apple zusammengearbeitet" und auch diesen "viel beibringen" können, um deren Bluetooth-Schnittstelle zu verbessern, berichtete Müller. Da alle zweieinhalb bis fünf Minuten verschlüsselte Gerätecodes versendet würden und diese sich alle zehn bis 20 Minuten änderten, sei es "fast unmöglich, Geräte zu tracken".

Hinter dem Benachrichtigungsmechanismus bei einem potenziell gefährlichen Kontakt "steht ein sehr komplexes Modell", erläuterte RKI-Präsident Lothar Wieler. Über einen Algorithmus, den Wissenschaftler des die Apps herausgebenden Instituts erarbeitet hätten, werde ein Risikoscore ermittelt. Darin fließt die Zeit ein, wie lange es her ist, dass ein Nutzer eine "Corona-positive Person" getroffen hat, wie lang der Kontakt bestanden hat, wie nah sich die Personen gekommen sind und welches Übertragungsrisiko voraussichtlich durch Tröpfchen und Aerosole bestand. Überschreitet dieser Wert eine Schwelle, bekommt der Anwender eine Warnung auf dem Bildschirm angezeigt mit erläuternden Hinweisen zum weiteren Verfahren.