Corona-Warn-App: Erst "entschlacken", dann erweitern

Bei einer Gesprächsrunde der Grünen waren sich alle einig, dass bei der Corona-Warn-App etwa mit einer Cluster-Erkennung noch Luft nach oben ist.

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(Bild: dpa, Sven Hoppe/dpa)

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  • Stefan Krempl

Die Corona-Warn-App (CWA) könnte im Winter der Pandemie "sehr viel helfen", doch sie funktioniere trotz bereits millionenschwerer Investitionen nicht richtig. Davon geht die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt, aus. Grund genug, um Experten zu einem "digitalen Austausch" über sinnvolle mögliche Weiterentwicklungen zu laden. Die waren sich sicher: Die mobile Prestigeanwendung überfordert die Nutzer aktuell, braucht aber auch mehr Funktionen.

Zunächst sei es nötig, das Basisverfahren der Kontaktnachverfolgung via Bluetooth sowie den eigentlichen Warnmechanismus besser zu erläutern, betonte Jutta Gurkmann vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Derzeit stoße der Anwender auf "ganz viele Bleiwüsten, muss sich durchklicken, wird auf Hotlines verwiesen". Er lande etwa bei einer Frage-Antwort-Liste der Bundesregierung, die ihm aber auch nach zehn Minuten Lektüre noch nicht wirklich verdeutlichen könne, was verschiedene Formen von Risikobegegnungen tatsächlich besagten. Keiner habe Lust, sich da durchzuarbeiten. "Erst mal entschlacken", empfahl Gurkmann daher. Der Nutzer müsse "mit weniger Klicks wirklich gute Informationen finden".

Es gelte, etwa die Warnungen und die sich daraus ergebenden Rechte und Pflichten klarer zu definieren, verlangte auch Elisa Lindinger von der Denkfabrik Superrr Lab. Derzeit werfe die App viele Fragen auf und betreibe so "eher Anti-Nudging". Die Anwender stumpften dabei ab. Ein Alarmhinweis zu einem niedrigen Risiko im Zusammenhang mit zwei Begegnungen verunsichere mehr, als dass er helfe, hieb Ansgar Gerhardus vom Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Uni Bremen in die gleiche Kerbe. Erläuterungen seien für Laien nicht verständlich. Wenn jemand mit einer "roten App" zum Hausarzt gehe, aber keine Symptome habe, könne er zudem allenfalls unbezahlten Urlaub nehmen. Viele Arbeitnehmer würden die Anwendung daher erst gar nicht laden. Dazu komme das "diffuse Loch", dass 40 Prozent der Nutzer ein positives Ergebnis eines Corona-Tests nicht weitergäben und viele Warnungen so unterblieben.

Die unbegründete Angst vor negativen Konsequenzen sei offenbar groß. Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC) erläuterte sein Plädoyer, die CWA mit einer Option zur dezentralen Cluster-Erfassung anzureichern. Das heuristische Bluetooth-Verfahren, über die Signalstärke den Abstand zu Dritten zu messen und ein Infektionsrisiko zu berechnen, habe seine Grenzen und könnte auch nur auf Basis der alternativlosen Schnittstelle von Apple und Google ausgebaut werden. Es sei daher ratsam, zu anderen, epidemiologisch sinnvollen Tracing-Methoden überzugehen.

Momentan sendeten Einzelpersonen Codes, die auf den Handys gespeichert werden, führte Neumann aus. Beim Clustern etwa über den CrowdNotifier stehe eine solche Kennung für eine Zusammenkunft mehrerer Personen und gäben später manuell ein, dass sie den Ort verlassen hätten. Alle anderen scannten den Identifier über einen QR-Code und legten ihn auf ihrem Smartphone ab. Zugleich generiere das Handy des Veranstalters einen zweiten Code, um gegebenenfalls alle Beteiligten zu alarmieren. Dieses Verfahren lasse sich auf Check-ins für Restaurants übertragen und sei "datenschutzfreundlicher und schneller als ein Kontakt-Tagebuch".

"Infektionen finden an Orten statt, wo sich viele Menschen aufhalten", berichtete Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Eine Cluster-Erkennung sei daher wichtig, Veranstalter müssten QR-Codes bereitstellen fürs Ein- und Ausloggen. Anders als etwa in Südkorea sei dabei der Aspekt der Freiwilligkeit aber zu wahren. Die Bundesregierung hat hier Bedenken, sodass sie die CWA nicht als Instrument zum Check-in etwa für Restaurants zulassen will. Die Verbraucherschützerin Gurkmann könnte sich so einen Ansatz dagegen vorstellen, wenn dieser an der "strikten Zweckbindung" festhalte. Kontaktdaten müssten ja eh angegeben werden. Testlabore müssten ihre Meldungen zudem zu 100 Prozent digital in die App einspeisen können, betonte Zeeb.

Die Gesundheitsämter beklagten ferner, dass sie so gut wie keinen Zugewinn von Erkenntnissen durch die CWA-Nutzer hätten. Derzeit lasse sich nicht einmal klären, ob das Ziel erreicht werde, die Zeit zwischen einem Risikokontakt und einem Test zu verkürzen. Patrick Hennig vom Startup Nexenio erläuterte, dass die Firma im Rahmen der Luca-App einen offenen Standard für einen sicheren, datensparsamen Austausch mit den Gesundheitsbehörden schaffen und so die Kontaktnachverfolgung vereinfachen wolle. Dabei gebe es keine zentrale Auswertungseinheit. Das System setze vielmehr auf dezentrale, auf verschiedenen Geräten aufzubringende Schlüssel, die neben dem Bürger oder einem Veranstalter auch das Gesundheitsamt in einem bestimmten Zeitraum nutzen könnten. Wenn der Nutzer sehe, dass dieses etwa um 9:30 Uhr Daten entschlüsselt habe, sei dies ein Hinweis darauf, Teil einer Infektionskette gewesen zu sein. Zudem bestehe die Möglichkeit, sein Kontakt-Tagebuch aus den Check-ins freiwillig mit der Behörde zu teilen.

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Als Alternative zum Smartphone brachte Stefan Köpsell, Leiter der Arbeitsgruppe Datenschutz und Sicherheit am Barkhausen-Institut der TU Dresden, den dort entwickelten Corona-Warn-Buzzer ins Spiel. Dieser habe den Vorteil, nicht von Google und Apple abhängig zu sein. Auch dabei würden nicht mehr Informationen erfasst als notwendig. Der Professor warf aber die Frage auf, wie stark die Akzeptanz einschlägiger Anwendungen mit dem Datenschutz verknüpft sei: "Wir sehen auch nicht hunderttausende Leute auf der Straße, weil die Verschlüsselung aufgeweicht werden soll."

Auch mit hohem Datenschutz könne die CWA ausgebaut werden etwa "zu einem echten Corona-Informationskanal", unterstrich Göring-Eckardt. Für die Grünen sei eine Cluster-Erkennung zudem "das A und O". Der Bund kündigte derweil nach dem Online-Treffen der Regierungschefs der Länder mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) drei weitere "Updates" für die CWA an. Damit würden etwa automatische Erinnerungen nach einem positiven Test an eine noch nicht erfolgte Warnung der eigenen Kontaktpersonen implementiert, ein Mini-Dashboard mit aktuellen Informationen zum Infektionsverlauf integriert und die Messgenauigkeit durch die Migration auf die neue Schnittstelle von Apple und Google verbessert. Zudem sollten die Intervalle für die Benachrichtigung über eine Warnung erheblich reduziert werden. Andere Erweiterungen wie ein Kontakt-Tagebuch würden aktuell geprüft und – wenn möglich – "zeitnah in 2021 umgesetzt".

(emw)