Coronakrise: Zahlreiche Ärzte setzen auf Videosprechstunden

Die Pandemie treibt die Nachfrage nach Software für Videosprechstunden schlagartig nach oben. Die Technik sei nicht in jedem Fall sinnvoll, betonen Experten.

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(Bild: Menahem Yani from Pixabay)

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Aufgrund der Coronakrise setzen nun auch deutsche Ärzte vermehrt auf Videosprechstunden. Die Nachfrage habe mit der Ausbreitung des Virus zugenommen, sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gegenüber c't. "Ärzte berichten uns, dass sie dieses Angebot nun durchaus stärker nutzen und auch ihre Patienten darauf aufmerksam machen."

In Ländern wie Schweden oder der Schweiz ist die Technik seit Langem etabliert. In Deutschland wurde sie laut KBV bis vor Kurzem jedoch kaum genutzt. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2019 hätten die rund 170.000 Vertragsärzte im Bundesgebiet insgesamt nur 1400 Videosprechstunden durchgeführt. Jüngere Zahlen liegen noch nicht vor – die Ärztevertreter rechnen nun aber mit einem steilen Anstieg.

Anbieter von Software für Videosprechstunden berichten von einem regelrechten Boom. Innerhalb eines Tages seien allein aus Unikliniken 100 Registrierungen eingegangen, teilte am Mittwoch der Softwarekonzern CGM mit. Peter Zeggel, Chef des Anbieters Arztkonsultation GmbH, sagte gegenüber c't, man erlebe gerade "eine unglaubliche Akzeptanz bei Ärzten und Psychotherapeuten".

Das schwedische Start-up Kry teilte mit, die Zahl der europaweit durchgeführten Videosprechstunden habe sich seit Februar mehr als verdoppelt. Man stehe mit den Ärzten in engem Austausch, um auf einen weiteren Ansturm vorbereitet zu sein. Zahlreiche Firmen bieten ihre Videosoftware aufgrund der Pandemie aktuell kostenlos an.

Ein zentraler Vorteil der Technik ist unumstritten: Ärzte können ihre Patienten ohne jede Ansteckungsgefahr beraten. Allerdings reiche dafür in vielen Fällen auch das Telefon, betonte ein KBV-Sprecher. Zum Beispiel, wenn es darum gehe, bei Verdacht auf eine Corona-Infektion die nächsten Schritte abzuklären. Via Webcam könnten Ärzte aber zum Beispiel den Verlauf von Wundheilungen kontrollieren.

Die Technikanbieter sehen noch andere Vorteile: Der Patient sehe einen Menschen, der keine Schutzmaske trägt, sagte ein CGM-Sprecher. "Den Betroffenen gibt das die Zuversicht, dass sich wirklich um sie gekümmert wird." Jameda betonte, dass auch Ärzte mit Kindern, die nun zu Hause bleiben müssen, Sprechstunden teilweise von zu Hause aus führen könnten. Kry verweist darauf, dass man Patienten in Quarantäne besonders gut unterstützen könne.

Viele Untersuchungen sind allerdings über Video schlicht nicht möglich, auch können Ärzte keinen Rachenabstrich für einen Virustest nehmen. "Bei vielen Erkrankungen ist eine direkte Untersuchung durch den Arzt zwingend notwendig", unterstrich der KBV-Sprecher.

Ein wichtiger Punkt in der Coronakrise ist, dass Ärzte durch die Technik in der Regel keine Zeit sparen, im Vergleich zu einer Sprechstunde in der Praxis. Und die Zeit des medizinischen Personals dürfte in den nächsten Wochen immer kostbarer werden. "Ich persönlich würde deswegen ein Anliegen, das nicht akut ist, für den Moment hinten anstellen", sagte Katharina Jünger, Geschäftsführerin von Teleclinic.

Die Kosten für Videosprechstunden werden in vielen Fällen von den Krankenkassen übernommen, auch von den gesetzlichen. Die Anbieter der Technik müssten dafür technische und datenschutzrechtliche Anforderungen erfüllen und Zertifikate vorweisen, erklärte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

Zum Beispiel müsse der Server des Anbieters im Europäischen Wirtschaftsraum stehen. Die Inhalte der Videosprechstunde dürften durch den Anbieter weder eingesehen noch gespeichert werden können. Eine Liste der zertifizierten Anbieter hat die KBV veröffentlicht (PDF-Datei).

Der Streit um die bundesweite Einführung einer App für das E-Rezept ist noch nicht beigelegt.

Seit April 2019 kann die Videosprechstunde im Prinzip bei allen Krankheiten und sonstigen Behandlungsgründen zum Einsatz kommen. Der Arzt muss im Einzelfall entscheiden, ob darüber hinaus ein persönlicher Kontakt nötig ist. Erst seit Oktober 2019 ist die Abrechnung auch bei sogenannten „unbekannten Patienten“ möglich, die zuvor noch nicht in der Praxis waren.

So weit ist das deutsche Gesundheitssystem bei anderen E-Health-Themen noch nicht: Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Rezepte können noch nicht flächendeckend digital ausgestellt werden, es gibt nur einige kleine Pilotprojekte. (cwo)