Cyborg-Debatte: Wenn Technik unter die Haut geht und die Genschere kommt

Der Biohacker Patrick Kramer fordert Mikrochip-Implantate, um RFID-Karten zu ersetzen. Eine Bischöfin warnt vor paradoxen Nebeneffekten der Selbstoptimierung.

Lesezeit: 6 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 189 Beiträge
Von
  • Stefan Krempl

Patrick Kramer, selbsternannter Chief Cyborg Officer, will mehr Menschen das Implantieren von Mikrochips unter die Haut schmackhaft machen. Derzeit seien Milliarden von RFID-Karten im Umlauf, um etwa Haustüren zu öffnen oder Motorräder und Autos zu starten, gab der Biohacker am Donnerstag bei einer Debatte über die "Schnittstelle Mensch – Maschine" im Telefónica-Basecamp in Berlin zu bedenken. Diese stellten einen "großen ökologischen Faktor" dar.

Mit Mikrochip-Implantaten ließe sich eine große Menge an Plastikmüll vermeiden. Er selbst habe sich ein funkendes "Reiskorn" in die Fingerkuppe einsetzen lassen, um die Haustür aufzumachen, berichtete Kramer. Er wolle nie wieder zum klassischen Schlüssel zurück. Die neue Variante "beruhigt sehr die Nerven".

Biohacker Patrick Kramer

Er wisse aber auch, wie umstritten das Thema sei: Eine Berliner Bank habe mit einem Werbespot für eine Baufinanzierung mit einem solchen implantierten Sesam-öffne-Dich per NFC (Near Field Communication) nicht nur "über eine Million Klicks" generiert, sondern auch "fast genauso viele Hater-Kommentare". Dabei gehe es in dem Clip eigentlich um Toleranz.

Es sei mittlerweile auch möglich, sich einen Tesla-Chip, eine Bezahllösung oder die Dauerkarte fürs Fußballstadion einsetzen zu lassen, führte der Futurist aus. Ein Münchner Unfallchirurg habe betont, wesentlich mehr Leben retten zu können, wenn Patienten ein Mikrochip-Implantat mit lebenswichtigen Notfallinformationen hätten. Andere experimentierten mit "North Sense" in der Brust und so mit einem Kompass, der nach Norden zeige, oder mit leuchtenden Fireflye- und LCD-Implantaten.

"Wir haben die Mensch-Maschine-Verschmelzung gefeiert in den 70ern", erinnerte sich Kramer. Besser, stärker, schneller sei das Motto der TV-Serie "Six Million Dollar Man" mit dem operativ rundum erneuerten fiktiven Charakter Steve Austin gewesen. Hollywood-Filme mit Darth Vader, Robocop, Iron Man & Co. hätten die Fantasie massiv befeuert.

Heute lebten Cyborgs mit "Camouflage-Technik" unter uns, verwies er auf vor allem ältere Menschen, die etwa dank Prothesen wieder laufen, sehen oder hören könnten. Dazu kämen immer wieder kolportierte Kuriositäten über Bodyhacker wie den Audio-, Earth-, Eye- oder Echoborg.

"Sie sind längst unter uns", war eine der Botschaften.

Der limitierende Faktor etwa beim Bedienen von Smartphones seien "oft unsere Finger", spann der Gründer der Plattform "Digiwell – Upgraded Humans" den Faden weiter. Es liege daher nahe, sich direkt mit der digitalen Technik zu verbinden, um "wesentlich schneller und effizienter" Daten auszutauschen. Kommunikationsmöglichkeiten bestünden von Gehirn zu Gehirn über Synapsen mit elektromagnetischen Schwingungen, die über eine Elektrode angezapft werden könnten. So ließen sich aus Gedanken, Gefühlen und Zuständen des Gehirns Bits und Bytes generieren. Eine Deep Brain Stimulation in diese Sinne werde schon bei Parkinson-Kranken angewandt, damit sie nicht soviel zitterten. "Die Miniaturisierung wird enorm voranschreiten", prognostizierte Kramer.

Schon 2018 hätten sich auch drei Menschen mit ihren Hirnen zusammengeschaltet, um gemeinsam Tetris zu spielen. 190 Elektrode könnten derzeit pro Minute eingestanzt werden, der Empfänger werde ans Ohr angeheftet. Das Gehirnupgrade dürfte so bald so einfach sein wie heute das Botox-Spritzen. Die nicht erst von Corona-Impfgegnern verbreiteten Verschwörungstheorien, wonach mit tiefgehenden Chips die Menschen ferngesteuert werden könnten, hält der Insider nicht für plausibel.

Mit Datenschutz habe das "überhaupt nichts zu tun", Informationen und Passwörter seien im Körper besser abgesichert "als auf dem Handy oder auf der Karte". Künftig müsse die Sicherheitstechnik aber soweit voranschreiten, damit es nicht möglich werde, "jemand seine Gedanken zu klauen". Die Natur habe sich mit dem Gehirn aber bereits "etwas ganz Perfektes" ausgedacht, das schwer simulierbar und noch schwieriger auslesbar sei.

Für Petra Bahr, Regionalbischöfin im Sprengel Hannover, werfen Biohacker die große Frage auf, "was bedeutet Technologie für unser Bild vom Menschen?". Sie schaue sich die Entwicklungen mit "großer Neugier" an, mit dem Wissen, dass das "harte Leiden" an den beschränkten Fähigkeiten von Hirn und Verstand die Menschen permanent kränke und die "Sehnsucht nach Überschreitung" wecke. Schon allein die Existenz des Felds der Künstlichen Intelligenz (KI) offenbare: "Der Mensch ist der Fehler im System."

Sie selbst trage – wie viele andere – einen Fitness-Tracker und lebe damit bewusster, erklärte das Mitglied im Deutschen Ethikrat. Die damit einhergehende Option der Selbstverbesserung habe aber oft einen paradoxen Nebeneffekt. Wenn sie REM-Schlafphasen überprüfen könnten, steige oft die Angst bei Menschen, "dass an ihrer Schlafkultur etwas nicht stimmt". Aus dem "Enhancement" werde so rasch ein "schlafloser Albtraum".

Petra Bahr, Mitglied im Deutschen Ethikrat

Viele angehende Cyborgs wollten freier sein, mehr Partizipation erleben und sich selbst ermächtigen, ist Bahr nicht entgangen. Doch für sie bleibt offen: "Wie souverän bleiben wir in Bezug auf unseren eigenen Körper und unser Wissen sowie die menschlichen Daten, die verarbeitet werden können?" Die Macht der hinter der Technik stehenden Plattformen könne auch mit einer "subtilen Unterwerfung" einhergehen.

Bodyhacker wollten die Vulnerabilität des Menschen verringern, bekommen der Kolumnistin zufolge aber neue Schwachstellen. Diese wanderten nur an andere Stellen wie Sicherheits- und Manipulationsfragen und würden über systemische Fehler eher noch größer. Bahr forderte daher einen "Gesellschaftsvertrag für digitale Transformation" in Form von Body-Enhancement. Jede Veränderung sollte zumindest "reversibel sein, ohne Vertragslaufzeiten oder Begründung". Zugleich stellte die Kirchenfrau klar: "Vieles an uns ist vermutlich niemals optimierbar. Wir sind sterblich." Der "Superhuman" erscheine so oft nur "als Variante des Übermenschen Nietzsches", mit dem die Einbindung der "leibhaften Vernunft" in den sozialen Kontext gesprengt werden solle.

Einig waren sich Kramer und Bahr, dass mit der Genschere Crispr/Cas ethische Grenzen besonders einfach überschritten werden könnten, sich die DNA damit quasi am Küchentisch manipulieren lasse und Deutschland diese Debatte verschlafe. Mulmig wurde Kramer auch angesichts von Berichten, dass China nicht nur Social Scoring einführen wolle, sondern auch DNA-Daten in Serverfarmen speichere. Beide Bestände könnten dann miteinander abgeglichen werden, um herauszufinden, wer der beste Bürger im Lande sei. Dies würde auch die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Staaten tangieren.

(kbe)