DIHK: Fachkräftemangel behindert Digitalisierung, Klimaschutz und E-Mobilität

Deutsche Betriebe melden mehr Personalengpässe als vor der Corona-Krise. Sie müssen laut DIHK neben der Energiewende nun auch eine "Fachkräftewende" meistern.

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Manager, Gehälter, Vorstand, Arbeitsplätze

(Bild: Gerd Altmann, gemeinfrei)

Von
  • Stefan Krempl

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schlägt Alarm: Mit 51 Prozent können mehr als die Hälfte der hiesigen Unternehmen derzeit offene Stellen zumindest vorübergehend nicht besetzen, geht aus dem neuen Fachkräftereport der Wirtschaftslobby hervor. Sie fänden keine passenden Arbeitskräfte. Die fehlenden Fachkräfte seien "spürbar mehr als ohnehin schon vor Ausbruch" der Coronavirus-Pandemie. Lockdowns und Kurzarbeit hätten den Fachkräftemangel nur zeitweise in den Hintergrund gedrängt.

Für die am Montag veröffentlichte Studie befragten die Industrie- und Handelskammern (IHKs) rund 23.000 Firmen. Die Ergebnisse verweisen gegenüber Herbst 2020 auf einen starken Anstieg des Problems: Damals hatten lediglich 32 Prozent der Unternehmen von Fachkräfteengpässen berichtet. Auch gegenüber der Zeit vor der Corona-Krise hat sich die Lage nicht entspannt: Im Herbst 2019 hatten 47 Prozent der Betriebe Schwierigkeiten bei der Akquise neuer Mitarbeitender gemeldet.

Nach Wirtschaftsbereichen stammen die Antworten zu 44 Prozent aus dem Dienstleistungssektor, zu 28 Prozent aus der Industrie und zu 22 Prozent aus dem Handel. Die Bauwirtschaft macht sechs Prozent aus. Die Untergliederung nach Firmengröße weist 50 Prozent kleine, 40 Prozent mittlere sowie acht Prozent mittelgroße Unternehmen aus. Zwei Prozent der Antworten entfallen auf Konzerne mit mehr als 1000 Mitarbeitern. Die IHKs gestalten ihre Stichprobe nach eigenen Angaben so, dass ein repräsentatives Stimmungsbild der gewerblichen Wirtschaft vor Ort abgebildet ist.

Die größten Engpässe bestehen laut dem Bericht in der Bauwirtschaft (66 Prozent), die von der Krise nicht so stark getroffen wurde. Den stärksten Anstieg der Stellenbesetzungsprobleme von 29 auf 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr melden die Industrieunternehmen. 57 Prozent der Firmen, die Stellen nicht besetzen können, suchen erfolglos Personen mit dualer Berufsausbildung. Hier haben die Engpässe merklich zugenommen. Hochschulabsolventen werden besonders in Branchen mit IT-Bezug gesucht, was die Knappheit der Experten in diesem Bereich dokumentiert.

Der Fachkräftemangel stellt laut der Analyse nicht nur die direkt betroffenen Unternehmen vor Herausforderungen, sondern die Volkswirtschaft insgesamt. Zukunftsprojekte wie Digitalisierung, Klimaschutz, E-Mobilität oder Infrastruktur- und Wohnungsbau seien auf ausreichend Spezialisten angewiesen. Zur Knappheit bei Rohstoffen und Vorprodukten wie Halbleitern sowie Lieferkettenproblemen kämen immer häufiger Engpässe bei Spezialisten hinzu.

EU-Digitalindex

Der Fachkräftemangel sei "schneller und in größerem Umfang als von vielen erwartet" zurück, zeigt sich der Vize-DIHK-Geschäftsführer Achim Dercks besorgt. "Fehlen beispielsweise IT-Experten, betrifft dies auch Mittelständler, die Geschäftsprozesse digitalisieren oder sich um eine bessere Cybersicherheit kümmern möchten." Mangelten Fachkräfte etwa zur Verlegung von Glasfaserkabeln, verlangsame sich der dringend erforderliche Ausbau der Breitbandinfrastruktur. Zuvor hatte sich das Problem auch im EU-Digitalisierungsindex niedergeschlagen.

Das Fachkräfteproblem in der Wertschöpfungskette schmälert Dercks zufolge die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Davon sind vorwiegend innovationsaktive Zweige wie etwa Kfz-Hersteller und ihre Ausrüster (35 Prozent), Programmierer und die Medizintechnik (je 37 Prozent) betroffen. Insgesamt liege die Zahl der aktuell nicht besetzten Stellen dadurch wohl eher bei 1,7 bis 1,8 Millionen. Das bremse die Wertschöpfung grob geschätzt um rund 90 Milliarden Euro – also circa 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Auf den Fachkräftemangel reagieren 53 Prozent der Unternehmen mit dem Versuch, ihre Arbeitgeberattraktivität generell zu steigern. 46 Prozent wollen die eigene Ausbildung intensivieren, um perspektivisch die Fachkräftebasis zu sichern. Platz drei der möglichen Maßnahmen teilen sich mit je 34 Prozent eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.

Einwanderung

Etwa jede dritte Firma mit Stellenbesetzungsproblemen will in Weiterbildung allgemein, 29 Prozent der Betriebe wollen speziell in Mitarbeiterkompetenzen zur Bewältigung von Digitalisierung beziehungsweise Strukturwandel investieren. Mehr als jedes vierte Unternehmen sieht einen Ansatz in der verstärkten Beschäftigung älterer Mitarbeiter. Der DIHK empfiehlt, die Allianz für Aus- und Weiterbildung fortzusetzen, damit dem Arbeitsmarkt kein Jugendlicher verlorengehe. Die technische Ausstattung sowie die Arbeits- und Lernbedingungen in den Berufsschulen sollten verbessert werden.

(jk)