Der ewige Thronfolger

Netzbetreiber und Internet Service Provider zögerten bisher, auf die bereits vor zehn Jahren standardisierte Internet Protocol Version 6 umzusteigen. Rückt der Neustart im Internet jetzt näher?

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Von
  • Jürgen Kuri
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Lange Zeit war es recht still um die Runderneuerung der Internet-Kommunikation. „Es gibt kein Geschäftsmodell für IPv6 an sich“, begründete Ives Poppe vom indischen Netzbetreiber Tata Communications auf dem „Deutschen IPv6-Gipfel“ in Potsdam, warum das Thema bisher aus Expertenzirkeln nicht herauskam (die Vorträge sind als Podcast hier abrufbar). Zwar gibt es Router, die zwischen den beiden Welten übersetzen können, und gängige Betriebssysteme wie Vista, Linux und Mac OS X beherrschen beide Protokolle, doch bislang standen IPv4-Adressen ausreichend zur Verfügung, sodass Netzbetreiber, ISPs, Content-Anbieter und Anwender keine unmittelbare Notwendigkeit sahen, die organisatorischen Mühen eines Umstiegs auf sich zu nehmen.

In jüngster Zeit sind aufgrund von alarmierenden Studien über die bevorstehende Verknappung von IPv4-Adressräumen die Dinge allerdings in Bewegung geraten. „Seit 2005 haben wir jährlich rund 160 Millionen IPv4-Adressen verbraucht, und was im Pool der nicht vergebenen IPv4-Adressen noch übrig ist, wird für kaum mehr als drei weitere Jahre reichen“, schrieb der australische Experte Geoff Huston von der für Asien und den pazifischen Raum zuständigen IP-Adressvergabestelle APNIC im April in einer vielbeachteten Analyse. Auf penrose.uk6x.com zählt schon eine Uhr die noch verbleibenden Tage bis zum prognostizierten Datum: Hustons Berechnungen zufolge werden die Internet Assigned Numbers Authority (IANA) als weltweit oberste Vergabestelle im Januar 2011 und die fünf nachgeordneten Regional Internet Registries wie APNIC oder RIPE im November 2011 keine ungebrauchten Adressräume mehr zu verteilen haben. Unsicherheit der Prognose: ±18 Monate.

„Wir erwarten die Erschöpfung der globalen Ressource „IPv4-Adresse“ spätestens Ende 2012“, erklärte Henning Grote von der Deutschen Telekom auf der Veranstaltung in Potsdam. Deutschlands größter Provider hat bereits 2003 in einem Strategiekonzept acht Meilensteine zur IPv6-Einführung definiert. „Wir befinden uns heute zwischen M3 und M4“, also zwischen dem Beginn der technischen Einführungsprozesse und dem „Ready for Rollout“, umreißt Grote den Stand der Dinge. „Zurzeit bereitet sich jede Geschäftseinheit der Deutschen Telekom gezielt auf den Übergang zu IPv6 vor.“

Als Auslöser für die Entscheidungen über das weitere Vorgehen haben die Telekom-Strategen einen „Satz von Triggerelementen“ festgelegt, zu dem die „IPv4-Adressverknappung“ ebenso gehört wie die Parameter „Wettbewerber und Produkte“, „Entwicklung des Gesamtmarktes“ oder „Verfügbarkeit von IPv6-fähiger Ausrüstung“. Das Ob steht jedenfalls schon längst nicht mehr zur Diskussion: „Wir reden nur noch über das Wie“.

Ebenfalls aus dem Jahr 2003 datiert ein Beschluss des Verteidigungsministeriums, die Nutzung von IPv6 „schrittweise einzuleiten“. Gute Gründe dafür gab es genug. So kommen die konfliktfreien Adressierungspläne der häufigen Reorganisation von Bundeswehr-Einheiten entgegen; Multicast-Adressierung und die Flexibilität bei der mobilen Ad-hoc-Vernetzung gelten aus der Sicht einer netzwerkzentrierten Operationsführung sogar als Killerapplikation für IPv6. „Dennoch tun wir uns schwer, unsere Informations- und Führungssysteme auf IPv6 umzustellen“, räumte Carsten Hatzig vom Bundeswehrbeschaffungsamt ein. Verzögernd hat sich unter anderem die Auslagerung von Teilen der Bundeswehr-IT in dem Ende 2006 angelaufenen Großprojekt Herkules ausgewirkt; seither liegt die Verwaltung der IT-Systeme im Heimat- und im Einsatzland nicht mehr in einer Hand und erfordert zusätzliche Abstimmungsprozesse.

Die Bundesregierung betrachte das E-Government-Vorhaben Deutschland Online auch als ein Projekt zur Einführung von IPv6, erklärte der IT-Direktor im Bundesinnenministerium, Martin Schallbruch, vor den rund 50 Fachleuten. Von der IT-Umsetzung der EU-Dienstleistungsrichtlinie bis zur bundeseinheitlichen 115-Behördenrufnummer, von der Einrichtung des Bundesmelderegisters bis zu der geplanten Einführung der biometrischen Personalausweise – fast jedes Projekt zur Verwaltungsmodernisierung sei heute ein Integrationsprojekt unter Beteiligung mehrerer Verwaltungsebenen und Behörden und deshalb auf „eine funktionsfähige, sichere und zukunftsfähige Netzinfrastruktur“ angewiesen. „Für uns ist die Einführung von IPv6“, betonte Schallbruch, „eine schiere Notwendigkeit“.

Eine bundesweite Bestandsaufnahme der Kommunikationstechnik in den Behörden und Dienststellen im vergangenen Jahr habe ein sehr heterogenes Bild ergeben, „das uns ein Stück weit erschreckt hat“. Als Konsequenz soll nun einem gemeinsamen Beschluss der für die IT zuständigen Staatssekretäre von Bund und Ländern zufolge mit dem Vorhaben „Deutschland Online Infrastruktur“ (DOI) ein nationaler Backbone für die behördliche Kommunikation über alle föderalen Ebenen hinweg geschaffen werden. IPv6 schaffe angesichts der absehbaren Verknappung von IPv4-Adressen dafür „die Planungssicherheit, die wir brauchen“. Die technische Basis des Backbones zur Vernetzung der öffentlichen Verwaltungen wird eine Dual-Stack-Lösung sein, die intern die neue IPv6-Konnektivität einführt, nach außen hin jedoch die alte IPv4-Konnektivität bis auf weiteres gewährleistet. Im Herbst soll die Ausschreibung erfolgen.

Ein zweites strategisches Projekt wird innerhalb der Bundesverwaltung der bis 2010 angestrebte Aufbau einer neuen Netzplattform als Nachfolger des als Informationsverbund Berlin–Bonn gestarteten IVBB sein. „Auch da“, betont Schallbruch, „wird IPv6 verwendet werden“. Eine Local Internet Registry auf Bundesebene werde künftig die IPv6-Adressvergabe für alle öffentlichen Verwaltungsnetze in Bund, Ländern und Gemeinden übernehmen. Mit den beiden Projekten wolle die öffentliche Hand „ein Signal für die technische Erneuerung über den öffentlichen Bereich hinaus“ setzen. Immerhin geben Bund, Länder und die 13 000 Kommunen nach Schallbruchs Angaben insgesamt rund 2,4 Milliarden Euro jährlich für ihre Netzinfrastrukturen aus.

Ob die Signalwirkung ausreicht, die Migration von Firmennetzen und kleineren ISPs in Gang zu bringen, muss sich zeigen. Direkte ökonomische Anreize zum Umstieg auf IPv6 gibt es nicht. „Die Migration bringt kein Geld herein – sie kostet nur, um von A nach B zu kommen“, beschreibt Yves Poppe nüchtern die Lage. „Ein herkömmlicher Business Case funktioniert hier nicht“, meint auch Henning Grote – die Telekom betreibt die Vorbereitungen des Umstiegs als Teil der Zukunftssicherung. Die meisten Unternehmen schieben die Migration jedoch auf die lange Bank. „Später, aber nicht jetzt“, beschreibt Detlef Eckert von der Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien der EU-Kommission die typische Reaktion in Befragungen. Die Entscheidung zum Umstieg hängt für jeden einzelnen Akteur von den Entscheidungen der anderen ab und so wartet einer auf den anderen. „In solch einer Situation kann die öffentliche Hand einen Unterschied machen“, meint Eckert.

Die EU-Kommission hat in den vergangenen acht Jahren schon mehr als 100 Millionen Euro in die Förderung zahlreicher IPv6-Projekte wie 6INIT, GEANT2, Euro6IX oder Eurov6 investiert. Den entscheidenden Anstoß hofft sie nun mit einem Aktionsplan zu geben, den sie Ende Mai vorlegte. Geplant sind gemeinsame Kampagnen mit Verbänden und großen Unternehmen für den Umstieg bei Inhalte- und Diensteanbietern; bis Ende 2010, so die Zielmarke, sollen 25 Prozent der Nutzer via IPv6 ins Internet gehen. Die Kommission selbst will, dem Beispiel der US-Regierung folgend, IPv6 künftig zur Grundlage der Beschaffung von Netzwerkausrüstung machen. Sie empfiehlt allen 27 Mitgliedsstaaten ebenso zu verfahren.

Die Europäer sind spät dran. Auch die Regierungen in Japan, Korea und China haben das Internet der nächsten Generation längst zur Chefsache erhoben. Vor allem das als Spätstarter bei der Zuteilung von IPv4-Adressen zu kurz gekommene China, das im Februar mit 220 Millionen Internetnutzern in absoluten Zahlen die USA (216 Millionen) überholte, möchte – oder muss – sich mit IPv6 an die Spitze der Entwicklung setzen. Wenn Pekings Führung den Anteil der Internetnutzer an der Bevölkerung von 17 Prozent dem Niveau der USA (71 Prozent) angleichen will, bleibt ihr auch gar nichts anderes übrig. (jk)