"Devot und naiv": Deutsche Forschung zugunsten des chinesischen Militärs

Der Rechercheverbund "China Science Investigation" wirft europäischen Wissenschaftlern vor, bereitwillig High-Tech-Know-how an die chinesische Armee zu liefern.

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(Bild: muhammadtoqeer/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Europäische Forscher insbesondere aus Großbritannien und Deutschland gehen zu freimütig in Kooperationen mit Partnern in China, über die letztlich die Volksbefreiungsarmee mit technischem Fachwissen versorgt werde. Die Wissenschaftler würden dabei oft gelockt von Prestige, Geld und besseren Karrierechancen. Diesen Vorwurf erheben Rechercheure von Follow the Money, Correctiv, Süddeutsche Zeitung, Deutsche Welle, Deutschlandfunk und weiteren europäischen Medien im Rahmen des Projekts "China Science Investigation".

Besonders problematisch ist laut den Untersuchungen der wissenschaftliche Austausch mit der chinesischen National University of Defence Technology (NUDT). Sie untersteht direkt der Zentralen Militärkommission der Volksrepublik. Bekannt ist sie für ihre Forschung etwa zu Hochleistungscomputern, autonomen Fahrzeugen und Hyperschallraketen. Ein spezielles Forschungszentrum kümmert sich um sogenannte Dual-Use-Basistechnologien wie Robotik und Künstliche Intelligenz (KI), die sich für zivile und militärische Zwecke verwenden lassen.

Bei der Analyse stellte sich heraus, dass seit dem Jahr 2000 mindestens 230 wissenschaftliche Texte allein in Zusammenarbeit zwischen deutschen Forschern und Kollegen der NUDT entstanden sind. Die Liste wird angeführt von der Universität Hamburg, gefolgt vom Max-Planck-Institut, der Uni Magdeburg und der Uni Bonn.

Insgesamt werteten die Journalisten über 350.000 Datensätze aus. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind demnach knapp 3000 wissenschaftliche Arbeiten zwischen europäischen und chinesischen Universitäten entstanden, die dem dortigen Militär nahestehen. Die meisten Kooperationen verteilen sich auf Hochschulen in Großbritannien, gefolgt von Deutschland und den Niederlanden.

Der Rechercheverbund entdeckte darunter mindestens 349 wissenschaftliche Veröffentlichungen, in denen Forscher deutscher Hochschulen mit chinesischen Kollegen aus Militäreinrichtungen gemeinsame Sache gemacht haben. Wissenschaftler von mindestens 48 deutschen Hochschulen kooperieren demnach mit der NUDT.

Nach Informationen aus deutschen Sicherheitskreisen interessiert sich die kommunistische Führung besonders für das Wissen in Bereichen wie IT allgemein und KI im Speziellen, Luft- und Raumfahrttechnik sowie Agrartechnologie. Die Geheimdienstler warnen, dass die im Grundgesetz verankerte Forschungsfreiheit die Wissenschaft "zu einem besonders einfachen Ziel" chinesischer Interessen mache. Sie werfen in Gesprächen mit dem Rechercheverbund dem Hochschulbetrieb vor, sich "ein bisschen devot und naiv" zu verhalten.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz etwa schreibt auf seiner Webseite: Es werde "teils enormer Aufwand betrieben, um die Herkunft der Forscher und damit ihr eigentliches Interesse, Know-how für das chinesische Militär heran zu schaffen, zu verschleiern". Es gebe "überraschend viele Fälle, in denen eine simple Internetrecherche genug Anlass" für Hochschulen geboten hätte, "um Verdacht zu schöpfen und sorgfältiger zu prüfen". Manche ignorierten das Problem offenbar vorsätzlich.

Die China-Expertin Mareike Ohlberg, die im Asienprogramm der US-Stiftung "German Marshall Fund" forscht, mahnt: Es sei wichtig im Blick zu haben, dass Dual Use auch Verwendungen im inneren Sicherheitsapparat bedeuten könne. Forscher müssten sich bewusst machen: Wenn sie etwa an Methoden zur biometrischen Stimm-, Gang- und Gesichtserkennung oder an genetischer Sequenzierung arbeiteten, könnten die Ergebnisse nicht nur militärisch eingesetzt werden, sondern etwa auch zur Überwachung ethnischer Minderheiten wie die Uiguren in China direkt.

Eines von vielen Beispielen: 2011 kam ein chinesischer Forscher an die Uni Bonn. Dort machte er seinen Doktor, arbeitete etwa an besserer Auflösung für 3D-Karten und der 3D-Erfassung von Mimik. "Sein damaliger Doktorvater war begeistert. Dass das Ausnahmetalent bereits enge Beziehungen zur NUDT hatte, dort nun Professor ist und "eher so militärische Sachen" mache, "konnte keiner ahnen". Auch ein weiterer Bonner Doktorand ist aus Bonn zurück nach China und arbeitet an der NUDT weiter an Robotern und KI. Die Hochschulleitung sieht darin kein Problem: Es handele sich um Grundlagenforschung ohne Dual-Use-Charakter.

Die chinesische Führung, die in Schlüsseltechnologien wie KI binnen weniger Jahre an die Weltspitze will, verfolgt aber offen eine Politik der zivilen-militärischen Integration: Dual Use ist damit weitgehend vorgeschrieben. Forschungsergebnisse etwa aus dem Bereich Maschinenlernen zu leistungsfähigeren Algorithmen können und sollen damit – soweit möglich – automatisch auch militärisch genutzt werden.

Viele deutsche Hochschulen bauen auf interne Risiko-Checks und wollen Richtlinien wie die der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) einhalten. Diese ruft dazu auf, Projekte streng auf Missbrauchspotenzial zu überprüfen. Doch die internen Verfahren reichen offensichtlich nicht aus. Die Bundesregierung will Hochschulen daher stärker für solche Belange sensibilisieren. Politiker wie der Grüne Kai Gehring, der den Forschungsausschuss im Bundestag leitet, fordert darüber hinaus klare rote Linien.

Zuvor hatte heise online mit Fokus auf das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und dessen Unterstützung für ein Artificial Intelligence Technoloy Center (AITC) in Peking beleuchtet, wie wissenschaftliche Kooperationen mit der KI-Macht China in einer Zeit zunehmender Spannungen auch in der Technologiepolitik zum heißen Eisen werden. Eine Sprecherin des Bundesforschungsministeriums beteuerte damals, dass ein "unkontrollierter Know-how-Abfluss in sensiblen Bereichen verhindert werden muss". Das DFKI erklärte daraufhin, "zur Zeit keine neuen Aktivitäten in China mit wirtschaftlichen Partnern" zu unternehmen.

(mho)