"Die Wasserstoffgesellschaft ist unausweichlich"

Ohne Wasserstoff ist die Klimakrise nicht zu bewältigen, meint Bosch-Forschungsleiter Thomas Kropf. Die Zeit für das saubere Gas sei gekommen.

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2019 testete die US-Brauerei Anheuser-Busch Wasserstoff-Lkws von Nikola. Mitte der 2020er-Jahre sollen sie als Serienmodell auf den Markt kommen.

(Bild: Nikola)

Von
  • Robert Thielicke

Keine Förderung für Verbrennungsmotoren, dafür 7,7 Milliarden Euro für die Elektromobilität – für die deutschen Autozulieferer war das Konjunkturpaket der Bundesregierung eine herbe Enttäuschung. Bosch-Forschungsleiter Thomas Kropf hält das Konjunkturpaket dennoch für richtig. "Aus der weiteren Förderung der Elektromobilität und dem Fokus auf die Wasserstoffwirtschaft ergeben sich Chancen für den Wirtschaftsstandort Deutschland", sagte er im Gespräch mit der Oktober-Ausgabe von Technology Review, die im heise shop bestellt werden kann und im gut sortierten Zeitschriftenhandel verfügbar ist.

Zum einen strebe Bosch die Marktführerschaft in der Elektromobilität an. Zum anderen setzt der Konzern auf Wasserstoff. Deutschland habe einen Energieverbrauch von 2500 Terawattstunden pro Jahr, und 60 Prozent bestünden in Wärme zum Heizen, Prozesswärme für Stahl, für die chemische Industrie sowie für die Düngemittelherstellung. "Diesen Bedarf an Energie und chemischen Einsatzstoffen werden wir unmöglich auf Basis von in Deutschland erzeugtem Strom decken können", so Kropf.

Zweitens brauche es gigantische Energiespeicher. Lege man die weltweit prognostizierte Jahresproduktion von Batteriezellen für Elektrofahrzeuge für das Jahr 2022 zugrunde, ließe sich nicht einmal genug Strom speichern, um den Strombedarf in Deutschland 2,5 Tage lang zu decken. Wer eine CO2-neutrale Gesellschaft will, könne auf Wasserstoff nicht verzichten. "Es ist unausweichlich, dass wir eine Wasserstoffgesellschaft werden."

Die Infrastruktur sei vorhanden, die Gasnetze seien "mit Nachrüstungen an ein paar Stellen wasserstofffähig". Hinzu kämen Kostenfortschritte in der Erzeugung von regenerativem Strom. Die billigste Kilowattstunde kostet derzeit 1,47 Cent bei Solaranlagen in Portugal. "Niemand hat erwartet, dass der Preis so schnell fällt. Wenn ich mit diesem Strompreis Wasserstoff erzeugen kann, kann ich die Effizienzverluste, die der Prozess natürlich mit sich bringt, in Kauf nehmen." Als eine der ersten Anwendungen sieht er den Schwerlastverkehr.

TR 10/2020

"Wir können uns vorstellen, dass jeder achte Schwertransporter im Jahr 2030 mit Brennstoffzelle fährt." Den US-Hersteller Nikola, der Mitte der 2020er-Jahre einen Wasserstoff-Lkw auf den Markt bringen will und beim Börsengang im Sommer kurzzeitig einen Wert von 21 Milliarden Dollar hatte, nimmt Kropf ernst. "Nikola ist einer unserer Entwicklungspartner, und Bosch wählt seine Partner sehr gewissenhaft aus."

Weitere frühe Anwendungen sieht der Bosch-Forscher in der dezentralen Stromerzeugung. "Da gibt es eine sehr große Nachfrage, etwa von Rechenzentren abseits urbaner Zentren, weil es sehr aufwendig sein kann, dort die nötigen Stromleitungen hinzulegen." Für derartige Anwendungen entwickle man gerade eine stationäre Brennstoffzelle mit Festoxid-Technik. "Sie kann Erdgas und Wasserstoff nutzen. Ich kann die Brennstoffzelle also kaufen und zunächst mit Erdgas betreiben. Sobald aus regenerativen Energien erzeugter Wasserstoff verfügbar ist, kann ich sie mit wenig Aufwand umrüsten. (bsc)