Die Zukunft des freien Grafikprogramms Gimp: Endlich 16-Bit und zeitgemäße Filter

Das freie Grafikprogramm Gimp wird derzeit komplett überarbeitet. Mit neuen Features wie höheren Bittiefen und modernen Filter wollen die Entwickler den Abstand zu Photoshop & Co verringern. Wir haben die aktuelle Developer Version getestet.

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Von
  • Isolde Kommer

Das letzte stabile Release von GIMP war die Version 2.8. Sie wurde bereits im Jahr 2012 veröffentlicht, einen für den Produktiveinsatz tauglichen Nachfolger gibt es bis heute nicht. Die nur zu experimentellen Zwecken freigegebene Version 2.9.2 zeigt schon jetzt, in welche Richtung sich Gimp entwickeln wird. Auf ihr wird später die Version 2.10, also die nächste für den produktiven Einsatz vorgesehene Version, basieren.

Wir haben uns die Entwicklerversion 2.9.2 angesehen und erläutern wichtige neue Funktionen, die ihren Weg in das Major-Release GIMP 2.10 finden werden. Der Quellcode für Windows, MacOS X oder Linux kann von der Website des GIMP-Projekts heruntergeladen werden. Allerdings müssen Sie diesen Code selbst kompilieren.

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Die Entwicklerversion 2.9.2. basiert bereits in weiten Teilen auf der neuen Grafikbibliothek GEGL. Sie bietet unter anderem 16-/32-Bit-Unterstützung pro Kanal, hardwarebeschleunigte Darstellung und eine direkte Bildfenster-Vorschau für zahlreiche Filter. Auch Metadaten sollen künftig in GIMP unterstützt werden: In Version 2.9.2 gibt es bereits ein experimentelles Dialogfeld für die Anzeige von EXIF-, XMP- und IPTC-Metadaten; das Hinzufügen und Bearbeiten ist jedoch noch nicht möglich.

Zudem wurde das bisherige Farbmanagement-Plugin ersetzt; statt der internen GIMP-Bibliothek libgimpcolor wird GIMP 2.10 die LittleCMS2-API für genaue Farbraumkonvertierungen und den Zugriff auf ICC-Profile nutzen.

Gimp 2.9.2 - Die neuen Funktionen des freien Grafikprogramms (4 Bilder)

Höhere Farbtiefen als 8-Bit

Gimp 2.9 unterstützt endlich auch höhere Farbtiefen als das bisherige Maximum von 8-Bit.

Die wichtigste Errungenschaft der neuen GIMP-Entwicklerversion ist zweifellos die weit fortgeschrittene Portierung auf GEGL. Zwar waren bereits in GIMP 2.6 die ersten Ergebnisse der GEGL-Integration zu sehen und in GIMP 2.8.14 sind weitere Funktionen hinzugekommen: Sie finden sich in dieser Version unter dem GEGL-Operator im Menü Werkzeuge. In GIMP 2.9.2 wurde nicht nur ein guter Teil der Filter portiert; es sind auch zahlreiche neue, GEGL-basierte Filter hinzugekommen. Eine Besonderheit dieser Filter ist unter anderem, dass die Funktionsvorschau stets direkt im Bildfenster erfolgt – ein großer Vorteil, wenn man an die winzigen, oft unbrauchbaren Teilvorschaufenster der bisherigen Filter denkt. GEGL ermöglicht aber noch viel mehr, unter anderem die von ambitionierten GIMP-Usern lang ersehnte Möglichkeit zur zerstörungsfreien Bildbearbeitung. Leider ist diese noch lange nicht in Sicht – auch nicht im geplanten Release 2.10.

GIMP 2.9.2 enthält verschiedene neue Werkzeuge; zwei davon sind bereits stabil und werden es wohl mit Sicherheit in die Version 2.10 schaffen:

Die Vereinheitlichte Transformation vereinigt Verschieben, Skalieren, Drehen, Scheren und Perspektive in einem einzigen Werkzeug und ermöglicht somit vielfältige Ebenenmanipulationen. Sobald das Tool aktiv ist, erhält man durch zahlreiche Griffe am Bildfenster die Möglichkeit, unterschiedliche Funktionen in Echtzeit und in einem einzigen Durchgang auszuführen. Außer auf Ebenen lässt sich die vereinheitlichte Transformation auch auf Auswahlbereiche und Pfade anwenden.

Ebenfalls stabil ist die neue Warp-Transformation, die an den Verflüssigen-Filter von Photoshop erinnert. Im Gegensatz zum bisherigen, altbekannten IWarp-Plugin im Menü Filter > Verzerren lässt sich die Warp-Transformation im Werkzeugkasten direkt und ohne Filterdialog auf das aktuelle Bild anwenden.

Die “Vereinheitlichte Transformation” fasst fünf Standardwerkzeuge zusammen und bietet in den Werkzeugeinstellungen zusätzliche Funktionen.

Neben diesen beiden stabilen Werkzeugen finden sich es in der Kategorie Spielplatz des Befehls Bearbeiten > Einstellungen weitere experimentelle Tools. Mit ihnen gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch einige Probleme, deswegen werden sie vermutlich auch nicht als stabile Werkzeuge in GIMP 2.10 Eingang finden. Die interessantesten sind N-Point-Deformation zum natürlichen Verbiegen von Objekten (Photoshop-Nutzer werden an das Formgitter denken), sowie Seamless Clone, das nahtlose Montagen mit angepassten Tonwerten und Farben ermöglichen soll.

Gimp 2.9.2 verarbeitet Bilder mit bis zu 64 Bit Farbtiefe. Vom RAW-Konverter erzeugte 16-Bit-Bilder lassen sich also ohne Konvertierungsverluste direkt in GIMP laden und bearbeiten. Alternativ legt man die gewünschte Farbtiefe nach dem Öffnen fest. Die benötigten Funktionen finden sich unter Bild > Precision.

Eine Farbtiefe von 16 Bit ermöglicht nicht nur echte HDR-Bilder, sondern bietet auch eine Reserve für die Bildbearbeitung: Feine Details in den Lichtern und Tiefen können besser erhalten, Funktionen wie Entrauschen oder Schärfen praktisch ohne sichtbare Artefakte angewandt werden.

Die Portierung der vorhandenen Filter auf das GEGL-Framework ist in der Entwicklerversion noch nicht abgeschlossen, wie ein Blick in die verschiedenen Filter-Menüs zeigt: Ob ein Filter bereits auf GEGL portiert wurde, erkennen Sie am stilisierten „G“-Symbol vor dem jeweiligen Filternamen.

Durch die Portierung entstand auch eine ganze Reihe neuer Filter. In GIMP 2.8 erhielt man mit dem Befehl Werkzeuge > GEGL-Operationen eine Liste sämtlicher GEGL-Filter. In GIMP 2.9.2 werden dort nur noch die vorher nicht vorhandenen Filter auf GEGL-Basis aufgelistet, die portierten Filter sind bereits in die entsprechenden Menüs einsortiert.

Schließlich sollte noch erwähnt werden, dass GIMP 2.9.2 ein internes Suchsystem implementiert hat. Dieses lässt sich über den Befehl Hilfe > Search and Run a Command öffnen. Nachdem man in das Textfeld einen Suchbegriff eingegeben hat, erhält man eine Liste mit den dazu passenden Funktionen. Mit einem Doppelklick auf einen Eintrag wird die zugehörige Funktion aktiviert beziehungsweise ihr Dialogfeld geöffnet. Da sich in GIMP im Lauf der Jahre eine unüberschaubare Fülle von Funktionen angehäuft hat, ist dies nicht nur für den Neueinsteiger eine sehr sinnvolle Lösung.

Die Suchfunktion für Aktionen suchen ist eine praktische Hilfe auch für versierte GIMP-Anwender.

Auch wenn manche Funktionen noch instabil und/oder langsam sind, lohnt sich das Experimentieren mit GIMP 2.9.2 durchaus: Die Entwicklerversion zeigt deutlich, dass das GIMP-Team mit dem nächsten Major-Release 2.10 in den professionellen Bereich vorstoßen möchte. Die Entwickler wollen sich nach eigener Aussage auf die bereits implementierten Funktionen konzentrieren und die stabile Version 2.10 baldmöglichst veröffentlichen. Ein Datum hierfür steht freilich nicht fest.

Erst nach dieser Version will man sich mit einer zeitgemäßen Gestaltung der Benutzeroberfläche und umfassender Grafiktabletunterstützung für MacOS X und Windows beschäftigen. Die von ambitionierten Fotografen lang ersehnte Möglichkeit zur zerstörungsfreien Bildbearbeitung soll allerdings erst in Version 3.2 implementiert werden – wann das sein wird, steht noch in den Sternen.

Alles in allem sind die neuen Funktionen von Gimp durchaus vielversprechend. Jetzt fehlt eigentlich nur eine stabile Version, die für den Produktiveinsatz geeignet ist. (sts)