Die erste digitale Bibliothek: Project Gutenberg feiert 50. Geburtstag

Vor einem halben Jahrhundert wurde erstmals ein Schriftstück digitalisiert und frei verfügbar gemacht. Entstanden ist daraus das Project Gutenberg.

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(Bild: tomertu/Shutterstock.com)

Mit dem Project Gutenberg feiert die älteste digitale Bibliothek am heutigen Mittwoch 50. Geburtstag. Jedenfalls steht der 1. Dezember 1971 als Veröffentlichungsdatum des "E-Books Nr. 1" auf der Seite des Projekts, auch wenn die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung bereits zum Nationalfeiertag Monate vorher digitalisiert worden war. Der Gründer des Projects Gutenberg, Michael Hart, hatte über Freunde Zeit an einem der ersten Mainframe-Computer zugestanden bekommen, der ans Arpanet angeschlossen war. Er hatte dann das Gründungsdokument der USA abgetippt und digital verfügbar gemacht. Durch seine Fleißarbeit in den Jahrzehnten danach wuchs das Project Gutenberg mit zunehmender Geschwindigkeit. Gegenwärtig umfasst es über 60.000 freie E-Books.

Der 2011 verstorbene Hart startete das Project Gutenberg als Student an der Universität von Illinois, als er am 4. Juli 1971 die US-Unabhängigkeitserklärung an einem Terminal abschrieb und abspeicherte. Warum inzwischen der 1. Dezember als Veröffentlichungsdatum angeben wird, ist verloren gegangen. Hart machte sich danach daran, systematisch Texte zu digitalisieren, die frei von Urheber- und Copyright-Rechten als Güter der "Public Domain" angesehen wurden. Das Project Gutenberg gewann richtig an Fahrt, als Hart in der ganzen Welt Freiwillige fand, die beim Einscannen und Korrigieren der Texte halfen. Bis zu seinem Lebensende war Hart optimistischer Futurist, der fest daran glaubte, dass eines Tages jeder Mensch eine Kopie des Project Gutenbergs mit sich führen wird.

Das zweite digitalisierte Buch beim Project Gutenberg ist die Bill of Rights, hier nennt das Portal den 1. Dezember 1972 als Veröffentlichungsdatum. Elf Monate später folgte demnach die Antrittsrede von US-Präsident John F. Kennedy, es folgten weitere Reden und Gründungsdokumente der Vereinigten Staaten. Als erstes wirkliches Buch folgt als E-Book Nummer 10 die King-James-Bibel. Danach taucht mit "Alice's Adventures in Wonderland" und "Through the Looking-Glass" von Lewis Carroll erstmals Belletristik auf. Aktuell führt Frankenstein von Mary Wollstonecraft Shelley die Liste der beliebtesten Titel an. Bei den Autoren landet Charles Dickens auf dem ersten Platz. Unter den Top 20 befindet sich die englische Übersetzung von "Die Verwandlung" von Franz Kafka, als beliebtester deutschsprachiger Autor wird aktuell Friedrich Nietzsche geführt.

In Deutschland war das Project Gutenberg zuletzt in die Schlagzeilen geraten, weil im Zuge eines Urheberrechtsstreits Nutzer und Nutzerinnen mit einer deutschen IP-Adresse jahrelang ausgesperrt worden waren. Der S. Fischer Verlag hatte den Verantwortlichen der Seite vorgeworfen, mit der Veröffentlichung digitalisierter Werke Heinrich Manns, Thomas Manns und Alfred Döblin Urheberrechte verletzt zu haben. Erst vor wenigen Wochen wurde die Sperre dank einer außergerichtlichen Einigung beider Seiten wieder aufgehoben. Der Verlag hatte die Aussperrung von der kompletten Seite kritisiert und dem Projekt vorgeworfen, deutsche Interessierte damit zu instrumentalisieren.

(mho)