Digitale Nachhaltigkeit: EU-Kommissionsberater für kostenlose Smartphones

Smartphone-Hersteller sollten nur noch Begleitdienste verkaufen, lautet eine Idee von der EuroDig. Alle wären so daran interessiert, Geräte länger zu behalten.

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(Bild: zixia/Shutterstock.com)

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Ilias Iakovidis, Berater für gesellschaftliche Herausforderungen in der Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien der EU-Kommission, will das Geschäftsmodell für Smartphone-Hersteller konsequent auf die Kreislaufwirtschaft ausrichten. Apple, Samsung, Huawei & Co. "sollten den Leuten keine Geräte mehr verkaufen, sondern Dienstleistungen", forderte der Vertreter der Brüsseler Regierungsinstitution am Freitag auf der Online-Konferenz EuroDig zur künftigen Internetregulierung.

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Smartphones wie iPhones müssten kostenlos an die Nutzer abgegeben werden, beteuerte Iakovidis bei dem Panel. Dann wären alle Seiten daran interessiert, die Mobiltelefone "länger zu behalten" und der digitalen Obsoleszenz in Form frühzeitig veralteter Hardware gemeinsam entgegenzusteuern. Derzeit würden Verbraucher oft gezwungen, sich ein neues Handy zu kaufen, da es für das alte keine Sicherheitsupdates oder aktualisierte Apps von Drittanbietern wie Facebook mehr gebe.

Eine Umfrage in Europa hat laut dem in Angewandter Medizinmathematik Promovierten aber ergeben, dass die Mehrheit der Bürger ihre Smartphones bei verfügbaren Updates fünf Jahre oder länger nutzen wolle. Derzeit liege der Standard bei rund zwei Jahren. Zugleich warb der Grieche für ein "automatisiertes Recycling" im großen Stil. Entscheidend dafür seien digitale Produktpässe, die von sich aus darauf aufmerksam machten, welche Teile man wiederverwerten könne.

Von allen Müllkategorien wachse Elektroschrott am schnellsten, führte Iakovidis aus. "Wir schmeißen Millionen iPhones weg", beklagte er. Nur 20 Prozent der Mobiltelefone würden recycelt, der Großteil davon versauere "in unseren Schubladen". Die Kommission habe daher neben ihrer "Bibel" in Form des "Green Deals" auch bereits etwa ein breites Recht auf Reparatur und weitere Maßnahmen zum Ankurbeln der Kreislaufwirtschaft auf den Weg gebracht.

Aus Klimaschutzperspektive seien nicht Rechenzentren "die größten Sündenböcke", sondern Smartphones, Smart-TVs und andere vernetzte Geräte mit Milliarden Nutzern, pflichtete Olivier Vergeynst, Direktor des Beratungshauses GreenIT Belgium, dem Behördenvertreter bei. Die Devise müsse daher lauten, weniger digitale Geräte zu kaufen und diese länger zu betreiben sowie ihnen möglichst ein "zweites Leben" einzuhauchen wie sonst etwa bei Gebrauchtwagen. Letztlich sei es auch eine Frage der Gewohnheit, nicht mehr immer das neueste Gadget haben zu wollen. Er sei momentan dabei, für Green IT mit Gleichgesinnten einen europäischen Verband zu gründen.

Chris Adams von der Initiative ClimateAction.tech monierte, dass es noch keine klaren CO2-Preise für Hard- und Software gebe. Jeder müsse befähigt werden, die Treibhausgas-Emissionen vernetzter Geräte oder Dienste einzuschätzen. Die gegenwärtigen Geschäftsmodelle einschlägiger Anbieter gäben Nutzern keinen Hinweis auf den CO2-Fußabdruck etwa von Streaming, bekräftigte Emma Freyer vom Branchenverband TechUK. Hier habe die Industrie eine Informationspflicht.

Weitgehend einer Meinung waren sich Adams und Freyer auch, dass Rechenzentren grüner werden müssten. Es sei einfacher, das Stromnetz für die Versorgung mit Datendiensten CO2-frei zu machen und diese mit erneuerbaren Energien zu füttern, "als Milliarden Nutzer umzuerziehen", meinte Adams. Die Digitalbranche könne die Verantwortung für ihre Treibhausgas-Ausstöße nicht "auf den Endverbraucher abschieben". Zudem müsse das milliardenschwere öffentliche Beschaffungswesen klare Vorgaben für den Einsatz klimafreundlicher Technologien machen.

Adams sprach sich zudem dafür aus, die Möglichkeit, etwa über das Domain Name System (DNS) und HTTPS digitale Zertifikate auszustellen, mit der physikalischen Welt zu verbinden. Nutzern könnte so etwa nicht nur angezeigt werden, dass sie per verschlüsselter Verbindung mit einem Webserver kommunizierten, sondern auch, ob dieser mit Grünstrom laufe.

Es sei auch teils möglich, Rechenzentren nach Skandinavien zu verlagern, wo es viel erneuerbare Energien gebe und weniger Kühlung nötig sei, ergänzte Freyer. Oft entscheiden etwa für den Betrieb von Datenknoten aber lokale Cluster und Ökosysteme. Bits und Bytes zusätzlich über weite Strecken zu verschicken, sei zudem ebenfalls umweltschädlich, konstatierte Iakovidis. Für viele Staaten spielten ferner der Aspekt der digitalen Souveränität und Resilienz bei der Standortfrage eine wichtige Rolle.

"Bisher hatte die Digitalisierung einen negativen Nettoeffekt wegen Rebound", verwies Beat Estermann von der Berner Fachhochschule auf Basis einer Studie für das eidgenössische Umweltministerium auf den gängigen Effekt, dass eine erhöhte Energie-Effizienz bei Netztechnologien durch deren verstärkte Nutzung wieder aufgefressen wird. Nötig sei daher ein konzertiertes Gegensteuern durch internationale Kooperation etwa durch das Teilen von Umweltdaten. Von einer absoluten Wachstumsstrategie müsse sich die Wirtschaft verabschieden, um den Energieverbrauch zu reduzieren.

5G dürfte zu einem Paradebeispiel für einen solchen Rebound-Effekt werden, schätzte Iakovidis. Der neue Mobilfunkstandard sei an sich zwar sehr energieeffizient. Für eine gute Abdeckung seien aber mehr Basisstationen nötig. Die deutlich höhere Bandbreite dürfte ferner zu einer ebenfalls gesteigerten Datennutzung führen.

Lea Elsemüller von der Grünen Jugend Baden-Württemberg machte sich dafür stark, Entwickler und Forscher an einen Tisch zu bringen. Informatiker allein könnten die Umweltauswirkungen ihrer Techniken wie Maschinenlernen selbst oft nicht berechnen. Deren CO2-Abdruck müsse möglichst auf kommunaler Ebene verdeutlicht werden. Dann werde es auch einfacher, etwa mithilfe Künstlicher Intelligenz den Klimawandel zu bekämpfen.

(tiw)