Digitale Souveränität: Deutsches Start-up Aleph Alpha baut an OpenAI für Europa

Die Heidelberger erhalten 23 Millionen Euro zur Gründerfinanzierung für KI-Forschung, als europaweiter Pionier treiben sie das Unsupervised Learning voran.

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(Bild: sdecoret/Shutterstock.com)

Von
  • Silke Hahn

Der ehemalige Apple-Manager Jonas Andrulis hat für sein KI-Start-up Aleph Alpha 23 Millionen Euro von europäischen Technologie-Investoren erhalten, unter anderem von Lakestar (Zürich), Earlybird Venture Capital (Berlin) und UVC Partners (München). Die Investoren wollen mit ihrem Engagment die KI-Grundlagenforschung in Europa stärken und sehen in Aleph Alpha offenbar großes Potenzial, zu einem Marktführer auf dem Gebiet transformativer Plattformtechnologie und generalisierbarer Künstlicher Intelligenz (KI) zu werden. Insgesamt hat das deutsche Unternehmen nach einer Anschubfinanzierung im Januar diesen Jahres bereits 28,3 Millionen Euro an Beteiligungskapital empfangen.

CEO Andrulis und der Mitgründer Samuel Weinbach haben das Start-up 2019 in Heidelberg gegründet. Zuvor hatte er gemeinsam mit dem Heidelberger KI-Experten Dr. Daniel Kondermann (derzeit CEO von Quality Match) das Start-up für Computer-Vision "Pallas Ludens" gegründet, das 2016 von Apple aufgekauft wurde. Andrulis leitete anschließend eine Zeit lang in Kalifornien die Special Projects Group (SPG) von Apple, einen Teilbereich der KI-Entwicklungsabteilung. Dennoch zog es ihn zurück nach Deutschland, um erneut etwas Eigenes aufzubauen und selbst wieder unternehmerisch tätig zu sein. Ihm zufolge ist Aleph Alpha das zurzeit einzige in Europa ansässige Unternehmen, das aktiv die Forschung und Entwicklung für eine neue Generation generalisierender KI vorantreibt, und die Ergebnisse sollen ausdrücklich dem privaten und öffentlichen Sektor in Europa zugute kommen.

Ziel von Aleph Alpha ist laut Andrulis, die Technologie für Machine Learning in Europa souverän zu erstellen. Als strategisch denkendem Europäer und überzeugtem Demokraten tue es ihm weh, wenn im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) die Wertschöpfung und Kontrolle sonst weitgehend aus Europa abfließe, sagte der KI-Forscher und Unternehmer im Gespräch mit heise Developer. Aleph Alpha ist unter anderem auch an Gaia-X beteiligt, einem Projekt zur Errichtung einer europäischen Cloud-Infrastruktur.

Die Aleph-Alpha-Gründer wollen "eine neue Generation der Basistechnologie schaffen", es gehe um ein neues Verhältnis von Mensch und Maschine. Fairness, demokratische Werte und ethische Kriterien abseits der "rein technischen Korrektheit" von KI-Modellen stehen für den KI-Forscher Andrulis im Zentrum, das Unternehmen streckt zurzeit die Fühler nach Brüssel, Frankreich sowie in weitere Nachbarländer aus und soll in den kommenden sechs Monaten verstärkt in Europa Fuß fassen.

Ziel sei es, Alternativen zu den meist jenseits von Europa verankerten Projekten wie DeepMind und OpenAI zu schaffen. Unter der Haube geht es bei Aleph Alpha um sogenanntes Unsupervised Learning, also um KI-Modelle "beyond Supervision", die nicht mehr auf menschengemachte Labels und designte Targets angewiesen sind. Die Komplexität der Welt – so Andrulis – lasse sich nicht auf Label reduzieren. Wo bisherige Modelle alle Informationen, die nicht im Outputsignal enthalten sind, mit Absicht vergessen, geht das neue Konzept über die alte Generation der repräsentativen Datensätze hinaus und strebt "Maschinen mit Weltwissen" an.

Auf Nachfrage schränkt der KI-Forscher jedoch ein, dass es hierbei nicht um "Bewusstsein" gehe, denn die Systeme, an denen Aleph Alpha arbeitet, besitzen ihm zufolge keine eigenen Ziele oder eigenständiges Vorgehen (Agency). Allerdings verfügen sie wohl bereits über ein "Weltmodell": Ein Konzept davon, welche Implikationen ihre Handlungen haben (werden), und welche Struktur sich in komplexen Zusammenhängen findet. Wie man der hieraus erwachsenden ethischen Verantwortung gerecht werden kann, ist eine große Frage, die die Entwicklung neuer Technologien begleitet: Fragen der Fairness und Gerechtigkeit lassen sich nicht alleine technologisch lösen, sondern nur demokratisch, bilanziert der Aleph-Alpha-Geschäftsführer.

Beyond Supervision bedeutet für ihn, dass Maschinen künftig ein Weltverständnis jenseits der von Menschen zugeführten "willkürlichen und arbiträren Signale" erwerben können. Die neue Generation der KI soll Maschinen in die Lage versetzen, flexibel auf Situationen und Kontexte zu reagieren, die nicht vordefiniert sind und die das System zuvor noch nicht gesehen hatte. Zurzeit herrsche im Machine Learning noch ein Fokus auf Texte und Bilder, die künftigen Systeme hingegen werden voraussichtlich komplexe inhaltliche Aufgaben über Mediengrenzen hinaus lösen können aus ihrem "Verständnis" der Struktur der Welt und ihrer Daten. Laut Andrulis steckt darin das Potenzial zu einer nächsten industriellen Revolution.

Die Sponsoren haben sich in Stellungnahmen gegenüber dem Technologie-Portal TechCrunch zuversichtlich geäußert. So geht Hendrik Brandis (Earlybird Berlin) davon aus, dass das Team von Aleph Alpha "zwischen bahnbrechender Forschung und Real-World-Anwendungen eine Brücke bauen" kann, und Klaus Hommels von der Züricher Beteiligungsgesellschaft Lakestar zeigt sich beeindruckt von den bisherigen Daten und Ergebnissen des Start-ups, dem er ähnliche Innovationskraft wie dessen US-amerikanischen oder chinesischen Äquivalenten zutraut. Beim Umsetzen der ehrgeizigen Pläne dürften dem Unternehmen bestehende Netzwerke zu international aufgestellten Innovationspartnern, Beratungsunternehmen und Start-ups im KI-Bereich zupass kommen, wo neue Basistechnologien derzeit mit Spannung erwartet werden.

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Hintergründe zum Unternehmen und zur ersten Anschubfinanzierung lassen sich einer Heise-Meldung aus dem Januar 2021 entnehmen: "Aleph Alpha erhält 5,3 Millionen Euro für europäischen OpenAI-Konkurrenten". Ergänzende Informationen zur aktuellen Finanzierungsrunde stehen beispielsweise in einem Bericht bei TechCrunch. Jonas Andrulis und Aleph Alpha engagieren sich im Open-Source-Bereich bei dem Grassroots-Projekt EleutherAI, das zurzeit 61 Repositories auf GitHub bereithält. Wer sich für das Projekt und seine Arbeit interessiert, findet weiterführende Informationen auf der EleutherAI-Website.

[Update-Hinweis 04.08.2021: Hinweis zur Open-Source-Aktivität für EleutherAI ergänzt.]

(sih)