Digitales Corona-Chaos: Föderalismus stößt in Pandemie an Grenzen

Deutschland hat beim digitalen Corona-Management Nachholbedarf, meint der Bitkom und untermauert das mit Ergebnissen zweier Umfragen zu Impfung und Corona-App.

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(Bild: FabrikaSimf/Shutterstock.com)

Von
  • Ariane Rüdiger

Impf-Management und Corona-Warnapp zeigen, dass Deutschland beim Umgang mit digitalen Technologien weit hinter anderen Ländern zurückhängt, kritisiert der Branchenverband Bitkom. Nur ein Viertel der 356 deutschen Gesundheitsämter nutze ein hierzulande entwickeltes System zur Kontaktnachverfolgung (Sormas), das in anderen Ländern wie Nigeria erfolgreich laufe. "Die meisten Gesundheitsämter verwenden noch immer selbstgestrickte Lösungen – hier wurde im Sommer viel Zeit verschenkt", monierte Bitkom-Präsident Achim Berg am Dienstag bei der Vorstellung von zwei aktuellen Umfragen zu den Themen Corona-Impfung und Corona-Warn-App.

So gibt es laut Bitkom-Recherche keine bundesweite Statistik über bereits erfolgte Corona-Impfanmeldungen. Lediglich in einigen Bundesländern werden diese Daten landesspezifisch vorgehalten. "Niemand weiß also ganz genau, wo wie viele Menschen für eine Impfung anstehen", sagte Berg. "Wie unter solchen Gegebenheiten eine wirksame Impfstoffverteilung erfolgen soll, ist mir ein Rätsel."

Die Anmeldeprozedur ist laut Bitkom für viele eine Tortur: Nur sechs Prozent der über 1000 Befragten konnten sich problemlos anmelden, weitere 43 Prozent schafften es mit oft beträchtlichen Schwierigkeiten. Nur 14 Prozent derjenigen, die sich am Ende anmelden konnten, brauchten maximal 15 Anrufe. 29 Prozent mussten mehr als 50 Versuche starten, bis sie durchkamen, fünf Prozent sogar über hundert. 50 Prozent der Befragten haben bisher nicht versucht oder nicht geschafft, sich anzumelden. "Das Terminmanagement hat sich nicht bewährt", bilanzierte Berg. "Wir brauchen eine Lösung auf Basis bestehender Systeme, ergänzt durch Call Center."

Gefragt, wie sie sich am liebsten für einen Impftermin anmelden würden, dominieren bei allen unter 65-Jährigen eindeutig die digitalen Medien: Die Werte lagen hier durchwegs über 60 Prozent, von den 16- bis 19-Jährigen wollen sich sogar 79 Prozent vorzugsweise mittels App oder Website anmelden. Menschen über 65 präferieren dagegen nur zu 30 Prozent digitale Anmeldewege. Hier liegt das Telefon mit 57 Prozent vorn. Brief oder Fax wünschen sich altersübergreifend nur sechs Prozent.

Immerhin ist die Impfbereitschaft inzwischen bei 72 Prozent angekommen, wobei wenig verwunderlich die über 65-Jährigen mit 79 Prozent eine besonders hohe Impfbereitschaft zeigen. 85 Prozent wünschen sich ein höheres Impftempo, interessanterweise auch die Hälfte der 26 Prozent, die sich gar nicht impfen lassen wollen. "Sie wollen, dass die anderen sich schneller impfen lassen, damit sie besser geschützt sind", kommentierte Berg.

(Bild: Bitkom)

Abgefragt wurde auch die Haltung zu einem digitalen Impfpass. Den würden 64 Prozent nutzen, 33 Prozent nicht. Die Zustimmung erreicht bei allen Altersgruppen außer den Über-65-Jährigen um die 70 Prozent, bei den über 65-Jährigen immerhin 48 Prozent. Als Vorteile werden vor allem die schnelle Impf-Nachweismöglichkeit (84 Prozent) und automatische Erinnerungen, beispielsweise an Auffrisch- oder Ergänzungsimpfungen (64 Prozent) genannt. Weitere wichtige Gründe: ein digitaler Impfpass ist immer griffbereit und der Impfstatus auch für Helfer schnell einsehbar.

Von denen, die keinen digitalen Impfpass wollen, haben 31 Prozent kein Smartphone, 29 Prozent favorisieren Papier. Dominierende 60 Prozent fürchten aber um den Datenschutz. Dieser scheidet also auch beim Impfthema die Geister, wie die Antworten auf eine weitere Frage zeigten: 47 Prozent möchten den Datenschutz auf keinen Fall einschränken, 59 Prozent glauben, dass der Datenschutz die Pandemiebekämpfung erschwert und 10 Prozent stimmen beiden Aussagen zu.

Nach aktuellen Daten der Bundesregierung vom 22. Februar wurde die Corona-Warn-App 25,8 Millionen Mal heruntergeladen. 32 Prozent der über 1000 Befragten sagten dem Bitkom, dass sie die App nutzen, weitere 17 Prozent haben das zumindest vor. 26 Prozent lehnen die App an und 20 Prozent der Befragten haben kein Smartphone. Immerhin 83 Prozent wünschen sich Zusatzfunktionen und 57 Prozent mehr Anreize für die Nutzung der App. 56 Prozent etwa möchten sie um einen digitalen Impfpass ergänzt sehen.

Wer die App nicht nutzt, wurde gefragt, bei welchen Zusatzinfos die App doch noch interessant werden könnte. Hier wünschten sich 63 Prozent Hinweise auf Infizierte in der Nähe, 54 Prozent automatische Push-Meldungen bezüglich des eigenen Risikos, 46 Prozent Hinweise dazu, wo und 44 Prozent dazu, wann eine Risikobegegnung stattgefunden hat. Weitere Ideen waren Informationen darüber, ob Risikobegegnungen drinnen oder draußen stattfanden, lokale Warnungen zu Hotspots oder Inzidenzen und kurzfristige Testterminbuchung aus der App heraus. "In der App steckt also jede Menge ungenutztes Potential", betonte Berg.

"Wir brauchen neben einem professionellen digitalen Terminmanagement eine effiziente digitale Verarbeitung von Patientendaten und eine digitale Impfdokumentation, ein digitales Monitoring von Nebenwirkungen, Infektionen und Krankheitsverläufen sowie einen digitalen Impfausweis", bilanzierte der Bitkom-Präsident. Für die kostenlos aus Apples und Googles App-Stores herunterladbare App SaveVac 2.0 zum Monitoring von Impf-Nebenwirkungen werde viel zu wenig Werbung gemacht. Daneben sei aber als Übergangslösung auch ein Impf-Zertifikat wie das in Israel eingeführte möglich.

Außerdem kritisierte Berg die Tauglichkeit des Föderalismus für die Bewältigung der aktuellen Krise: "Der Föderalismus hat viele gute Seiten. Aber in Situationen wie dieser brauchen wir eine stärkere Zentralisierung der Entscheidungen. Alles andere dauert zu lange. Wir tun uns hier keinen Gefallen."

(vbr)