Digitalisierung in Deutschland: Luft nach oben, Corona ändert nicht alles

Deutschland kriecht bei der Digitalisierung voran, ist dem Index des Fraunhofer-Instituts Fokus zu entnehmen. Über 9 Prozent der Bundesbürger bleiben offline.

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(Bild: RUKSUTAKARN studio / Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Der Deutschland-Index der Digitalisierung, den das Kompetenzzentrum Öffentliche Informationstechnologie (ÖFIT) am Fraunhofer-Institut Fokus alle zwei Jahre erstellt und dafür mehrere Subindizes zusammenrechnet, erreicht 2021 einen Wert von 70,2 Punkten. Er fällt damit etwas höher aus als 2019, als er noch bei 68,3 Zählern lag. Damit setze sich auch jenseits kurzfristiger Corona-Effekte der langfristige Trend fort, dass Deutschland langsam aber sicher digitaler werde, erklärte ÖFIT-Leiter Peter Parycek.

Das "alte Breitbandziel" einer Versorgbarkeit mit mindestens 50 MBit/s sei nun zumindest bei deutlich über 90 Prozent der Haushalte erreicht, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. Zugleich nehme das Angebot an Gigabit-Anschlüssen "mit hoher Dynamik" zu. Trotz der "erheblichen Anstrengungen und ihrer Erfolge" gebe es im Bereich der digitalen Infrastruktur mit einem Zählerstand von 81,6 Punkten aber weiterhin Luft nach oben.

In den verschiedenen Bundesländern empfinden rund 52 bis 72 Prozent derjenigen, die von schnelleren Angeboten für ihren Anschluss wissen, ihre Internetgeschwindigkeit als ausreichend. Zu teuer erscheint ein schnelleres Netz etwa 37 bis 56 Prozent der Nutzer. Ein notwendiger Anbieterwechsel stellte sich mit 7 bis 26 Prozent als geringere Hürde heraus.

Auch nach dem ersten Corona-bedingten Lockdown nutzen 9,1 Prozent der Bevölkerung laut der Analyse das Internet überhaupt nicht. In einigen Bundesländern werden noch deutlich höhere Werte erreicht: Im Saarland, in Schleswig-Holstein sowie in den ostdeutschen Flächenländern ist der prozentuale Anteil der Offliner zweistellig, wobei der Anteil in Mecklenburg-Vorpommern mit 20,3 Prozent sogar mehr als dreimal so hoch ist wie in Bayern.

Im Bereich "Digitales Leben" landet der Index bei 83,5 Punkten. Populärster Online-Dienst ist Videostreaming. Der Anteil der Bevölkerung, der das Internet zum Gucken von Serien & Co. nutzt, ist überall höher als die Anteile beim Musikstreaming und Online-Gaming. Bei der Nutzung des Netzes für Homeoffice liegen Hamburg und Berlin mit etwa 70 Prozent vorn. Telemedizin-Angebote bleiben im einstelligen Nachfragebereich.

Weniger als die Hälfte der Bürger sieht Künstliche Intelligenz (KI) als Bereicherung, die Spannweite reicht von 46,5 Prozent in Berlin bis 34,5 Prozent in Sachsen-Anhalt. Eine generell offene Einstellung gegenüber der Technik geht nicht zwangsläufig mit einer optimistischen Erwartung einher. Insgesamt sehen 40,7 Prozent Deutschen KI als Mehrwert und 26,5 Prozent als Gefahr, 32,8 Prozent sind neutral. Im Vergleich zu 2017 wird KI mittlerweile von mehr Bürgern als Bedrohung (plus 3,6 Prozentpunkte) wahrgenommen.

Im Vergleich zu früheren Jahren sind beim "Digitalen Leben" die regionalen Unterschiede kleiner geworden. Der Wert stagnierte insgesamt aber: "Die Corona-bedingte Omnipräsenz digitaler Lösungen führt nur partiell zu höheren Nutzungsraten und -zeiten, nicht jedoch zu einer generellen Veränderung des Onlineverhaltens über alle betrachteten Aspekte", geben die Forscher zu bedenken. Die Bevölkerung befinde sich auf einem "kontinuierlichen Digitalisierungspfad".

Während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland gegenüber dem vorigen Betrachtungszeitraum um etwa 3 Prozent gestiegen ist, waren es bei den IT-Beschäftigten mehr als 13 Prozent. Spitzenreiter bleibt hier bezogen auf die Zahl der Einwohner mit 2,4 Prozent Hamburg. Etwa ein Drittel der Länder erreicht eine Quote von rund 1,5 IT-Beschäftigten pro 100 Einwohner, der Rest liegt zum Teil deutlich unter einem Prozent.

Der Durchschnittsverdienst in der IT-Dienstleistungsbranche ist 2018 und 2019 insgesamt um 9 Prozent gestiegen. Bayern kommt auf ein Plus von 25 Prozent, erreicht jedoch die Höhe des Durchschnittsverdienstes in Hessen noch nicht, das mit rund 6500 Euro pro Monat der Spitzenreiter ist. Nach wie vor haben alle Länder mit niedrigem Verdienst hohe Werte bei den offenen IT-Stellen, auch im Verhältnis zu den IT-Beschäftigtenzahlen.

Der bundesweit zu beobachtende Trend zu einer gestiegenen Zahl der Infomatikstudienanfänger gilt nicht für alle: In Bremen, Berlin und Schleswig-Holstein sank diese Zahl, in den Stadtstaaten aber jeweils von einem hohen Niveau. Die Zahl der IT-Auszubildenden ist erneut in allen Ländern gestiegen, besonders stark in Thüringen. Die Zahl der IT-Neugründungen war in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen – im Gegensatz zu den übrigen Ländern – wieder rückläufig.

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Bei den Bürgerservices liegen Bayern, Bremen und Nordrhein-Westfalen auf den Spitzenplätzen. Landeseigene Anwendungen, die die eID-Funktion des Personalausweises nutzen, standen 2020 in 10 von 16 Ländern bereit. Keine solchen Dienste betrieben Hessen, Sachsen- Anhalt, Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Der Anteil der Bürger, die 2019 elektronisch Formulare an die Verwaltung übermittelt hat, rangiert zwischen 15 Prozent in Brandenburg und Thüringen und 26 Prozent in Bayern. 2020 stiegen diese Werte auf eine Spannweite von 34 bis zu 50.

Die Zahl der Informationsfreiheitsanfragen ging stark nach oben, während der Anteil ihres Erfolgs insgesamt sank. Daher reichen Erfolgsquoten von über zwanzig Prozent in Hamburg, Thüringen und Nordrhein-Westfalen für die vordersten Ränge. Die niedrigsten Werte liegen in Berlin, Niedersachsen und Hessen bei etwa zehn Prozent. Am bundesweiten Open-Data-Portal GovData beteiligten sich im vorigen Jahr Niedersachsen, Bremen, Sachsen-Anhalt, Bayern und das Saarland nicht. Diese Länder betreiben zudem teils kein eigenes Open-Data-Portal.

Einen Schwerpunkt legten die Forscher auf den Stand der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) in Städten und Gemeinden. Dazu erweiterten sie die regelmäßige Analyse des Angebots von gut 300 ausgewählten kommunalen Webportalen um einschlägige E-Government-Aspekte. Eine regional jeweils repräsentative Bevölkerungsumfrage mit mehr als 5500 Teilnehmern beleuchtet zusätzlich die Nachfrage nach digitalen Dienstleistungen.

Die OZG-Umsetzung in der Fläche geht demnach nur schleppend voran. Im Schnitt bieten die betrachteten Kommunen mittlerweile 1,2 der fünf untersuchten häufig nachgefragten Verwaltungsleistungen vollständig digital an. Das sind nur 0,3 Leistungen mehr als vor zwei Jahren.

Die größte Dynamik gab es bei der Kfz-Zulassung. Fast in der Hälfte aller untersuchten Gemeinden kann diese mittlerweile online erfolgen. 2019 war dies nur in etwas mehr als jeder zehnten Kommune möglich. Die Nutzung erfordert aber einen Personalausweis mit aktivierter eID-Funktion sowie einen Fahrzeugschein mit verdeckten Sicherheitscodes, die bislang kaum verbreitet sind. Die einfache Melderegisterauskunft kann in 40 Prozent der Kommunen online eingeholt werden, was einem Zuwachs von neun Prozentpunkten entspricht.

Im Durchschnitt hat sich der Subindex Digitale Kommune um rund 6 Punkte verbessert. Im Vergleich löst Berlin in diesem Bereich Hamburg an der Spitze ab. Bremen holt auf und bildet mit den anderen Stadtstaaten die vordere Gruppe. Hessen und Schleswig-Holstein können sich am stärksten nach oben arbeiten. Die Voraussetzungen für den schnellen Ausbau von E-Government-Angeboten haben sich laut der Untersuchung mittlerweile trotz der "ernüchternden" Bestandsaufnahme deutlich gebessert.

Einen jährlichen Digital-Index erstellt die Initiative D21. Laut ihrer jüngsten Berechnung stieg dieser im vorigen Jahr um zwei auf 60 von 100 Punkten. 2020 sind demnach zwei Prozent mehr Bundesbürger online gegangen. Die Nutzung digitaler Anwendungen und Dienste stieg bei den Onlinern deutlich an – sowohl im Privaten als auch im Berufsleben. Eine digitale Kluft bleibt weiter bestehen.

(bme)