Dynamische Stromtarife fĂŒr Elektroautos: Nachfrage zum Angebot locken
Dynamische Stromtarife fĂŒr E-Autos an LadesĂ€ulen verbinden Ad hoc-Zahlen ohne Vertrag mit schnellem Laden. Das funktioniert in der Praxis erstaunlich gut.
UnspektakulĂ€r am StraĂenrand in Hannover steht ein in dieser Kombination einzigartiges Pilotprojekt: Der lokale Energieversorger enercity verbindet an elf Standorten das schnelle Gleichstromladen mit einem dynamischen Stromtarif und dem Ad hoc-Zahlen ohne Vertrag oder Registrierung.
(Bild: Christoph M. Schwarzer / heise Medien)
- Christoph M. Schwarzer
Wer keinen Stellplatz mit Wallbox hat, ist von einigen Vorteilen des Elektroautos ausgeschlossen â vor allem von gĂŒnstigen Strompreisen: Im Durchschnitt sind zu Hause pro Kilowattstunde laut BDEW 39,6 Cent fĂ€llig. In diesem Preis ist eine monatliche GrundgebĂŒhr einberechnet. Neukunden zahlen zum Teil deutlich weniger, ein Preisvergleich ĂŒber die gĂ€ngigen Portale lohnt sich unter UmstĂ€nden sehr.
Am gĂŒnstigsten fĂ€hrt ein Elektroauto mit Energie aus einer abgeschriebenen Fotovoltaikanlage. Aber auch ohne Solarstrom gibt es reduzierte Netzengelte. ZusĂ€tzlich mĂŒssen die Versorger seit 1. Januar ein Angebot fĂŒr einen dynamischen Stromtarif machen, in dem es zu bestimmten Uhrzeiten besonders billig sein kann. In einem Pilotprojekt bei enercity in Hannover wird diese Idee auf die öffentliche Ladeinfrastruktur ĂŒbertragen: An elf zentralen Standorten in der niedersĂ€chsischen Landeshauptstadt sind unter dem Stichwort FlexLaden LadesĂ€ulen mit stĂŒndlich wechselnden Tarifen in Betrieb. Grund genug fĂŒr heise Autos, das in der Praxis auszuprobieren. Bringt das was?
(Bild:Â Fraunhofer ISE / energy charts)
Potenziell höherer Umsatz
Was enercity hier macht, vereint mehrere AnsĂ€tze, die das öffentliche Laden zukĂŒnftig attraktiver machen können. Diese Ladestationen arbeiten mit Gleichstrom und bieten 150 kW Leistung. Solche SchnellladesĂ€ulen kosten zwar bei der Investition mehr Geld, weil sie ans Mittelspannungsnetz angeschlossen werden mĂŒssen. Aus der Perspektive der Betreiber sind sie aber wirtschaftlicher, weil pro Zeiteinheit mehr Kilowattstunden verkauft werden können. Das rechnet sich bei entsprechender Auslastung. AuĂerdem wird der öffentliche Raum besser genutzt: Wenn langfristig der deutsche Fuhrpark vorwiegend auf Elektroautos umgestellt ist, mĂŒssen die LadeplĂ€tze zĂŒgig fĂŒr andere freigemacht werden. DC-SĂ€ulen sind die logische Antwort.
Der Strom an diesen LadesĂ€ulen kann ohne Vertrag oder Registrierung freigeschaltet werden. In der Branche heiĂt das Ad hoc-Laden. Eine zusĂ€tzliche Besonderheit beim Pilotprojekt von enercity ist der Partner ev pay: Das auf Software spezialisierte Unternehmen erledigt die Abrechnung eichrechtskonform. ev pay kann unter anderem dynamische Tarife integrieren. Aus Sicht der Elektroautofahrer ist das Bezahlen mit Smartphone oder Kreditkarte besonders niederschwellig. Hierzu stellt ev pay auch den Terminal bereit.
(Bild:Â Christoph M. Schwarzer / heise Medien)
Netzdienliches Laden
Dynamische Stromtarife sind selbstverstĂ€ndlich kein Selbstzweck. Vielmehr folgen sie dem Prinzip des netzdienlichen Ladens. Die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien liegt im bisherigen Jahresverlauf laut Fraunhofer ISE bei 62,5 Prozent â und sie schwankt. Zugleich ist die Nachfrage volatil. Mit der Lenkungswirkung eines dynamischen Stromtarifs werden Elektroautofahrer dazu bewegt, zu einem sinnvollen Zeitpunkt zu laden. Die Nachfrage wird zum Angebot gelockt. So entsteht potenziell eine Win-Win-Situation.
Also auf nach Hannover. Als Testfahrzeug steht ein Xpeng G6 zur VerfĂŒgung, der mit bis zu 451Â kW Leistung laden kann. Wie viel geben die Alpitronic-SĂ€ulen, die auf 150Â kW ausgelegt sind, in der Wirklichkeit her? Dazu mĂŒssen sie erst mal gefunden werden. Enercity gibt wegen datenschutzrechtlicher Auflagen zwar die StraĂe des Standorts, nicht aber die Hausnummer an. Die SĂ€ule in der RitterstraĂe war trotzdem gut zu sehen â und sie war frei.
Freischalten am Bezahlterminal
SelbstverstĂ€ndlich können an dieser DC-SĂ€ule auch Kunden mit einer Ladekarte oder einer Lade-App den Strom freischalten. Der Clou bleibt das Ad hoc-Zahlen mit Kreditkarte. Eine gut erkennbare Grafik macht klar, dass die Kreditkarte vors Bezahlterminal gehalten werden muss. An dieser Stelle wiederum kann es zu MissverstĂ€ndnissen kommen: Im Bedienfeld muss zuerst durch DrĂŒcken und BestĂ€tigen die Funktion aktiviert und der gewĂŒnschte von zwei Ladepunkten an der SĂ€ule gewĂ€hlt werden.
(Bild:Â Christoph M. Schwarzer / heise Medien)
AnschlieĂend wird die Kreditkarte mit einer imaginĂ€ren VorabgebĂŒhr von 80 Euro auf Deckung geprĂŒft. Auch das kann irritierend sein, wenn man es nicht gewohnt ist. Abgerechnet wird nur der Strom, der wirklich geflossen ist. Der flieĂt dann ziemlich âschnellâ. Der Ladestand des Xpeng G6 bei Ankunft an der enercity-SĂ€ule lag bei 78 Prozent. Die Leistung ging sofort auf 149 kW hoch. Das dokumentiert zum einen die immense SchnellladefĂ€higkeit des Xpeng und zum anderen, dass die Alpitronic-Station die volle Leistung freigibt, falls am zweiten Ladepunkt kein Fahrzeug steht â und das war der Fall.
(Bild:Â Christoph M. Schwarzer / heise Medien)
Konkurrenz zu GroĂbetreibern
Das Ad hoc-Laden ohne Registrierung, so viel ist offensichtlich, hat besonders an den Ladeparks von Discountern und BaumĂ€rkten ein sehr groĂes Potenzial. FĂŒr diese Betreiber ist es nicht wichtig, die Nutzer in einen Vertrag mit monatlicher GrundgebĂŒhr zu nötigen. Mit dem Bezahlterminal klappt die Abrechnung niederschwellig und simpel. In diesem Zusammenhang muss nochmals die Ist-Situation im öffentlichen Lademarkt geschildert werden: Die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur sagt, dass mehr als 95 Prozent der Elektroautos per Vertrag geladen werden, sofern das an einer öffentlichen SĂ€ule geschieht. Das Ad hoc-Zahlen hat bisher eine nur geringe Bedeutung.
Der Grund sind Angebote wie der L-Tarif des MarktfĂŒhrers EnBW: An den Standorten dieses Betreibers, und wohlgemerkt nur dort, kostet die Kilowattstunde 39 Cent, wenn 11,99 Euro monatliche GrundgebĂŒhr bezahlt werden. Bei anderen Betreibern kann der Kurs auf bis zu 89 Cent steigen. Vertragsnutzer werden also nach Möglichkeit die EnBW-SĂ€ulen nutzen und so besser auslasten.
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Der Markt beginnt zu funktionieren
Die Folge ist eine Oligopolbildung. Wenige Teilnehmer bestimmen das Marktgeschehen. Eine ernstzunehmende Konkurrenz entsteht gerade durch die Super- und BaumĂ€rkte, fĂŒr die das Ad hoc-Laden besonders attraktiv ist. Mit Softwarelösungen wie von ev pay ist es problemlos möglich, die LadevorgĂ€nge ins bestehende Kassensystem zu integrieren. So können niedrige Preise realisiert werden.
(Bild:Â enercity)
Von den besonders niedrigen Strompreisen wie bei Aldi (29 bis 47 Cent) oder der EnBW ist enercity noch ein StĂŒck entfernt: enercity gibt jeweils um 13 Uhr die stundenweisen Tarife fĂŒr den Folgetag bekannt und garantiert zugleich eine Höchstgrenze von 67 Cent pro Kilowattstunde. Beim Experiment von heise Autos waren es 59 Cent. Weniger als 50 Cent sind selten zu sehen.
Um Dumpingpreise geht es in diesem ersten Schritt vielleicht auch nicht. Vielmehr zeigen enercity und ev pay die lebenspraktische Machbarkeit eines Prinzips â und das lĂ€uft. Meine, vielleicht zu gewagte Prognose: Wenn es nachts um zwei Uhr DC-Strom fĂŒr 29 Cent pro Kilowattstunde gibt, stehen die Leute auf. Das ist die neue Interpretation der Suche nach der Tankstelle mit dem niedrigsten Spritpreis.
(mfz)