E-Biker auf Wanderwegen: Zunehmende Anzahl gefährdet Wanderer

Das E-Mountainbiken im Wald nimmt zu. Doch nicht alle bleiben auf den ausgewiesenen Trails und gefährden so Wanderer, wie das Beispiel Hessen zeigt.

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Auf ausgewiesenen Trails können E-Biker durch den Wald fahren, ohne Wanderer zu gefährden. (Foto zeigt professionelle Challenge)

(Bild: Bosch)

Von
  • Göran Gehlen
  • dpa

Dem Ufer des fast ausgetrockneten Edersees folgen – das ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung in Nordhessen. Doch an Teilen des Sees sind die Wanderer mittlerweile in der Unterzahl. Stattdessen flitzen zahlreiche E-Bikes über die Wege. Viele wirken wie die SUV-Version eines Fahrrads: dicke Reifen, dicker Rahmen, sportliche Lackierung. Vor den Ausflugslokalen parken die Gefährte in Reihen. Ein Fahrrad ohne Elektromotor ist eher selten.

Die Pedelecs sind ein Verkaufsschlager. 1,1 Mio wurden laut dem Zweirad-Industrie-Verband in Deutschland im ersten Halbjahr 2020 verkauft. Das entspricht einem Zuwachs von 15,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf Freizeitverhalten und Mobilität treiben die Verkäufe von E-Bikes an. Doch nicht nur die Zahl der Pedelecs steigt, sondern auch die Zahl der verunglückten Pedelec-Fahrer. Laut Statistischem Landesamt waren es im vergangenen Jahr 499 – 37 Prozent mehr als 2018.

Wanderer, Waldbesitzer und Umweltschützer sind über die Entwicklung nicht glücklich. Seit Jahren gibt es Spannungen in Hessen wegen des Radfahrens im Wald. Besonders im Fokus stehen Mountainbiker, die durch den technischen Fortschritt in zunehmender Zahl immer tiefer in die Wälder vorstoßen. Ein besonderes Problem sind illegale, selbst angelegte Strecken, die über GPS-Koordinaten anderen Fahrern im Internet zugänglich gemacht werden. Auch auf regulären Wegen werden Radfahrer durch ihre Masse zum Problem. Elektromotoren erlauben auch Untrainierten höhere Geschwindigkeiten und Touren in Mittelgebirge.

Wenn man ein Fahrrad mit Elektromotor ausstatte und schwerer mache, "dann hat man plötzlich ein ganz anderes Gefährt im Wald", sagt Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND in Hessen. Werde der Weg dann schmal, komme man in Bereiche, in denen die Fahrer sich und andere gefährdeten. E-Biker seien zwar nicht das einzige Problem im Wald, aber ein wachsendes. Zudem brächten sie Unruhe in immer tiefere Bereiche der Wälder.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht ebenfalls das Problem. "Vor zehn Jahren waren Pedelecfahrer eine unbedeutende Gruppe", sagt Norbert Sanden, ADFC-Geschäftsführer in Hessen. Jetzt sei dies anders und der öffentliche Raum sei insgesamt durch neue Nutzergruppen enger geworden. Der Fahrrad-Club kämpfe zwar für mehr Platz für Radfahrer – das dürfe aber nicht zulasten von Fußgängern oder Wanderern gehen. Die Problemursache sei zudem unabhängig von der Fortbewegungsart: "Es gibt einen gesellschaftlichen Trend zu mehr Rücksichtslosigkeit."

Im Alpenraum ist der Konflikt zwischen E-Bikern und Wanderern schon länger sichtbar als in hessischen Mittelgebirgen. Der Deutsche Alpenverein (DAV) stehe den E-Bikern kritisch gegenüber, sagt Nico Gareis, Naturschutz-Referent des DAV: "Es gibt kein vehementes Nein, aber es ist auch nicht so, dass wir die E-Biker mit offenen Armen empfangen." So habe der DAV beschlossen, auf seinen Hütten keine Ladestationen anzubieten. Man wolle die E-Biker "alpin sozialisieren". Dazu gehöre Rücksicht, eine verantwortungsvolle Tourenplanung und "etwas aus eigener Kraft zu erreichen".

In Hessen befassen sich Behörden, Verbände und Naturschützer am Runden Tisch "Wald und Sport" mit dem Radfahren im Wald. Anfang 2019 unterzeichneten sie eine Vereinbarung. Doch aus Sicht des BUND ist seitdem nicht viel geschehen: Das Land Hessen sei untätig. Das Umweltministerium habe es versäumt, ein Gutachten zu den rechtlichen Möglichkeiten für Beschränkungen und Regelungen im Wald in Auftrag zu geben, sagt Norgall: "Der BUND Hessen ist darüber verärgert."

Der Naturschutzbund erwarte eine schnelle gutachterliche Klärung, was im Wald als Weg gilt und wie man gegen das Anlegen von Routen über Online-Apps abseits geregelter Wege vorgehen könne. "Wenn man auf Waldwegen etwas verbieten will, ist die Frage, was ist überhaupt ein Waldweg", sagt Norgall.

Das Umweltministerium erklärt: "Ganz grundsätzlich wird der Wald als Erholungsraum von der Gesellschaft gerade in diesen Zeiten wieder neu entdeckt." Man teile die Einschätzung, dass die Anzahl von Radfahrenden mit Trethilfen steige, sehe jedoch bisher keine Probleme dadurch. Zudem verweist das Ministerium auf den Runden Tisch, an dem jedoch das Themenfeld E-Bikes bislang kein Thema gewesen sei.

ADFC-Geschäftsführer Sanden hält Verbote für unpraktikabel und sie stünden legitimen Nutzungsinteressen entgegen. Beschränkungen für Radfahrer an Wegbreiten festzumachen, sei ohnehin kaum durchzusetzen. "Es ist eine schwierige Konstellation, es bleibt einem nichts anderes übrig, als gegenseitig Rücksicht zu nehmen."

(olb)