EU-Experten: Atomkraft nicht schädlicher als andere Stromerzeugung

Für die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission ist die Atomkraft im Sinne der Nachhaltigkeit förderungswürdig.

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(Bild: kernd.de)

Von
  • Andreas Wilkens

Atomkraft schade der Gesundheit der Menschen und der Umwelt nicht mehr als andere Technik zur Stromerzeugung. Davon gehen Experten der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der EU-Kommission aus. Sie arbeiten zurzeit an einer Antwort auf die Frage, ob die EU die Atomenergie als nachhaltige Investition kennzeichnen sollte. Ein Bericht dazu, der kommende Woche veröffentlicht werden solle, liegt unter anderem dem Nachrichtenportal Euractiv nach eigenen Angaben vorab vor.

Es gebe zwar noch keine langfristigen Erfahrungen dazu, da die nötige Technik zurzeit noch getestet werde, aber die Lagerung nuklearer Abfälle in tiefen geologischen Formationen schätze die JRC als ein geeignetes und sicheres Mittel an, um sie über sehr lange Zeit aus der Biosphäre zu isolieren. Länder wie Frankreich, Schweden und Finnland seien "in einem fortgeschrittenen Stadium der Umsetzung ihrer geologischen Tiefenentsorgungsanlagen". Die JRC erwarte, dass sie noch im laufenden Jahrzehnt in Betrieb genommen werden.

Atomunfälle könnten zwar nicht zu hundert Prozent ausgeschlossen werden, sie seien aber Ereignisse mit extrem geringer Wahrscheinlichkeit, heißt es laut Euractiv weiter in dem Bericht. Darin werden die Unfälle von Three Mile Island von 1979 in den USA, 1986 in Tschernobyl und 2011 in Fukushima erwähnt. An den drei Standorten gebe es drei unterschiedliche Reaktortypen und alle drei wiesen verschiedene Unfallursachen und -hergänge auf. In den vergangenen 15 Jahren seien weltweit nur noch Atomkraftwerke der dritten Generation in Betrieb genommen worden. Diese weise unter allen Stromerzeugungstechniken die geringste Todesrate auf.

Die Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft sind gespalten in der Einstellung gegenüber der Atomkraft. Deutschland will kommendes Jahr sein letztes Atomkraftwerk vom Netz nehmen, Österreich agitiert aktiv bei der EU-Kommission gegen diese Energiegewinnungstechnik. Auf der anderen Seite stehen Staaten wie Frankreich und Ungarn, die zusammen mit fünf weiteren Ländern erreichen wollen, dass die EU Atomkraft als Bestandteil der Politik zur Klimawende mitfördert.

Der Bericht der JRC, der von Politico veröffentlicht wurde, werde im nächsten Schritt von Strahlenschutz- und Abfallwirtschaftsexperten geprüft, schreibt Euractiv, und soll der EU-Kommission als Entscheidungshilfe dienen. Yves Desbazeille, Generaldirektor der Atomlobby Foratom, kommentierte, es sei an der Zeit, dass die Taxonomie und das Umweltzeichen um die Atomtechnik erweitert wird, kommentierte

Greenpeace kritisiert, die Gemeinsame Forschungsstelle sei strukturell positiv gegenüber der Atomkraft eingestellt. Sie sei ursprünglich 1957 laut einem Passus des Euratom-Vertrags eingerichtet worden, um dafür zu sorgen, dass die Atomindustrie ideale Wachstumsbedingungen vorfinde. Die EU-Kommission widerspricht diesem laut Euractiv. Die JRC habe sich über die Jahre ausgiebiges Fachwissen angeeignet, um die Atomenergie unter Berücksichtigung aller nötigen Fakten und Perspektiven einschätzen zu können.

Das österreichische Parlament hat derweil die Regierung aufgefordert, in Brüssel dafür zu sorgen, dass der Euratom-Vertrag überarbeitet wird. Dabei geht es vor allem darum, sämtliche Bestimmungen, durch die Investitionen, Förderungen und Genehmigungen der Atomkraft begünstigen und gegenüber anderen Energieträgern bevorteilen, zu streichen. Insgesamt solle die Sonderstellung der Atomkraft im europäischen Rechtssystem abgeschafft werden.

(anw)