EU will bei Chip-Fertigung ganz nach vorn – Warnung vor Milliardengrab

Die EU-Kommission drängt mit einer milliardenschweren Halbleiterallianz an die vorderste Front. Ausrüster und Fertiger sehen für Vorzeigechips aber kaum Bedarf.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 134 Beiträge

(Bild: Maksim Shmeljov/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton treibt aktuell vor allem ein Bestreben um: Er will im Interesse der technologischen Souveränität eine schlagfertige europäische Halbleiterallianz schmieden und Fabriken für die Fertigung von Chips nach dem Stand der Technik auf dem alten Kontinent ansiedeln. Nicht nur Forscher warnen aber vor einem teuren Prestigeprojekt, sondern auch in der europäischen Halbleiterbranche herrscht Skepsis.

Breton besteht darauf, dass in Europa bei einer staatlichen Unterstützung anspruchsvolle Chips für Smartphones, Cloud Computing und Künstliche Intelligenz (KI) hergestellt werden sollten. Dabei liegt der Fokus auf Strukturbreiten zwischen 5 und 2 Nanometer, die bisher allenfalls die großen Chip-Fertiger Intel, TSMC und Samsung aus den USA, Taiwan und Südkorea anbieten oder bald im Angebot haben wollen. Der Ex-Chef des französischen IT-Dienstleisters Atos betont: "Wir wollen europäische Kapazitäten für das Design und die Produktion der leistungsstärksten und energieeffizientesten Prozessoren aufbauen."

Doch der Appetit auf 2-Nanometer-Chips hält sich in Europa in Grenzen. Eine Fertigungsstätte für solche Chips in Europa einrichten zu wollen, sei vergleichbar mit dem Ziel, eine Rakete zu bauen und Menschen auf den Mond schießen zu wollen, erklärte Peter Wennink, Chef des niederländischen Fabrikausrüsters ASML, gegenüber dem Portal "Politico". Wie viele seiner Kollegen habe er die Regierungen der Mitgliedsstaaten aufgefordert, stattdessen Fabriken für die Produktion älterer Chip-Generationen zu fördern, die direkt großen europäischen Abnehmern wie der Automobilindustrie und Ausrüstern des Gesundheitssektors dienten.

Stein des Anstoßes: Ein einziges 2-Nanometer-Halbleiterwerk dürfte mit zehn bis 20 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Dieses Geld würde dann für den Ausbau der Fertigung weniger fortschrittlicher Chips etwa mit 10 bis 22 Nanometern fehlen, wo Experten aber den eigentlichen Engpass in Europa sehen. Dem Vernehmen nach will die EU-Kommission mit ihrer Halbleiterinitiative insgesamt mithilfe staatlicher Zuschüsse und privater Investitionen 20 bis 30 Milliarden Euro mobilisieren.

"Politico" hat über Anfragen nach den EU-Vorgaben zur Informationsfreiheit Einsicht in die bisherige Kommunikation zwischen der Kommission und Branchenvertretern erhalten. Auch darin ist immer wieder davon die Rede, dass die Kommission sich auf die Unterstützung anderer Teile der Chip-Lieferkette konzentrieren sollte wie das Chip-Design und Produktionsanlagen. Generell sollten die Kapazitäten für die Fertigung von Mittelklasse-Chips erhöht werden. Dies würde die Stärken Europas ausspielen und nicht Konzerne aus den USA und Fernost finanzieren.

"Wir müssen unsere Stärken betonen und neue Kompetenzen aufbauen, die sich um diese herum entwickeln", schrieb etwa der Vorstandsvorsitzende von Infineon im Januar an Breton. Die Mikroelektronik sei ein strategischer Sektor für die EU, hieß es damals bei ASML und dem Forschungsinstitut Imec. Das bedeute aber nicht, dass Europa die gesamte Wertschöpfungskette abdecken müsse. Es sollte sich vielmehr auf die Bereiche konzentrieren, in denen Industrie und Wissenschaft bereits eine "Pole Position" erreicht hätten.

"Die Diskussion, die Breton lanciert hat, ist notwendig", erklärte ein anderer europäischer Industrievertreter dem Magazin, der wegen der laufenden Gespräche nicht genannt werden wollte. "Aber wir sollten uns nicht von Zielvorgaben für das nächste Jahrzehnt davon ablenken lassen", die Schwächen der laufenden Dekade zu beheben.

Laut "Euractiv" wehren sich auch mehrere EU-Beamte gegen die Idee, mit europäischem Geld eine Mega-Chipfabrik aus dem Ausland zu bezahlen. In Europa gebe es auch keine große Smartphone-Industrie, sodass es an Abnehmern für die Hochleistungshalbleiter fehlen dürfte. Die Stiftung Neue Verantwortung warnte ebenfalls jüngst, dass das geplante Hochglanzprojekt zum Wiederanschluss an die neueste Chipfertigungstechnologie zum Milliardengrab werden könnte.

Breton will von den Einwänden bislang nichts wissen und hat weiter Weltmarkt-Ambitionen. "Um zu führen und nicht hinterherzulaufen, muss die Industrie in der EU bei digitalen Technologien wie Halbleitern, Cloud, Quantentechnologien, Internet im All und Batterien dringend und ambitioniert handeln", twitterte er am Donnerstag nach einer Unterredung mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Am Freitag wollte der 66-Jährige mit Intel-Chef Pat Gelsinger sprechen, der mit entsprechenden Fördermitteln eine hochmoderne Chip-Fabrik in Europa nicht ausschließt. Auch eine Videokonferenz mit der Präsidentin von TSMC Europa, Maria Marced, stand auf dem Programm. Die Taiwaner haben bislang laut Diplomaten kein Interesse, in Europa zu fertigen.

Der Elektrotechnik-Verband VDE forderte jüngst, nicht nur aufgrund der aktuellen Chip-Knappheit in der Autobranche den Produktionsanteil an Halbleitern in Europa massiv zu erhöhen. Bisher gebe es nur Einzelprogramme wie das im Dezember neu aufgelegte europäische Förderinstitut für "Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse" (IPCEI) Mikroelektronik.

Ein spezielles IPCEI für Halbleiter könnten Breton und Digitalkommissarin Margrethe Vestager schon Mitte nächster Woche im Rahmen einer aktualisierten Version der Industriestrategie der Kommission vorstellen. 22 Mitgliedsstaaten hatten prinzipiell bereits zugestimmt, eine solche Initiative mitzutragen. Als Mitglieder der geplanten Allianz sind europäische Unternehmen wie ASML, Bosch, Infineon, NXP und STMicroelectronics sowie aus der Forschung neben Imec etwa die Fraunhofer-Gesellschaft im Gespräch.

[Update 1.5.2021 16:15 Uhr:] Angabe "Taiwaner" im 10. Absatz korrigiert

(mho)