Echte Internet-Piraterie: Gewalttätige Gangs als Internet-Provider

Mit Gewalt verdrängen kriminelle Banden in Teilen Brasiliens legale Internet Service Provider. Auch das Inkasso ist harsch.​

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Mehrere Schleifen schwarzen Coaxial-Kabels hängen an der Außenwand eines Gebäudes, quer darüber hängt ein gelbes Ethernet-Kabel

Symbolbild

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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  • Daniel AJ Sokolov

Mit echter Internet-Piraterie haben brasilianische Internet Service Provider (ISP) zu kämpfen: Kriminelle Banden zerstören in immer mehr Gebieten die lokale Netzinfrastruktur. Sie stehlen Hardware und nutzen sie, um damit selbst Internetzugang anzubieten. Mit Androhung von Gewalt sichern sie sich ein lokales Monopol: Wer in einem betroffenen Stadtviertel Internetzugang haben möchte, muss den kriminellen ISP nutzen.

Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Betreiber sind entweder kriminelle Banden, die mit allem Möglichen von Drogen über Waffen bis zu Trinkwasser handeln, oder zwielichtige Geschäftsleute, die sich mit Verbrechern arrangiert haben. Bewaffnete lauern Technikern der legalen Provider, die ausrücken, um die Leitungen zu reparieren, auf. Die Täter stellen sicher, dass sich die Techniker dann nicht mehr in das jeweilige Stadtviertel trauen.

Oi, einer der größten Provider Brasiliens, hat inzwischen 105 Gebiete alleine in Rio de Janeiro aufgegeben. Oi-Mitarbeiter betreten diese Stadtteile nicht mehr, berichtet Reuters. Laut Reuters hat sich die Zahl Sperrgebiete seit 2019 vervierfacht.

Auch die Schäden durch gestohlene und zerstörte Netzinfrastruktur sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Alleine die direkten Kosten daraus sollen sich für legitime brasilianische ISP dieses Jahr auf umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro summieren. Hinzu kommt Schwund aus den eigenen Lagern: Durch Telefonüberwachung soll ein Mitarbeiter eines ISP dabei überführt worden sein, wie er Netzhardware seines Arbeitgebers an organisierte Verbrecher verschachert haben soll.

Gleichzeitig leben die Manager der legitimen Provider in Angst. Sie wollten sich gegenüber Reuters nicht äußern. Immerhin ruft der Branchenverband Conexis die Behörden des lusophonen Landes dazu auf, die legalen Internet-Provider zu schützen.

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Anwohner haben der Nachrichtenagentur erzählt, dass die illegitimen Betreiber großen Wert auf hohe Zahlungsmoral legen. Diese wird mit regelmäßigen Hausbesuchen, bei denen bar bezahlt werden muss, sichergestellt. Nebenbei eröffnet der Netzbetrieb den Banden neue Möglichkeiten bei der Überwachung der Bewohner.

(ds)