Ein Rückblick auf eine etwas andere IFA 2020

Zurück in Hannover lasse ich die Messetage auf der IFA Revue passieren. Was gabs in Berlin zu sehen und was hat die IFA eigentlich gebracht?

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Ein Rückblick auf die etwas andere IFA 2020
Von
  • Ulrike Kuhlmann

Am vergangenen Mittwoch ging es für mich auf zur IFA nach Berlin. Schon die Ankunft war unwirklich – die S-Bahn zur Messe Süd leer, Menschen in Anzügen kaum zu sehen. Vor dem Eingang zum Messegelände leuchteten mir zwar das große IFA-Logo und die bunten Fahnen entgegen, doch es fehlten die Menschen, die sich normalerweise zur IFA vor dem Eingang tummeln. Stattdessen gähnende Leere, in der Eingangshalle warteten nur einige freundliche Helfer und Helferinnen auf die Gäste. In Halle 3.2 zur Auftaktveranstaltung der gfu, der global press conference, traf ich auf altbekannte Gesichter. Von "global" konnte allerdings keine Rede sein – Kollegen aus dem Ausland waren nicht darunter.

Wir saßen in sicherem Abstand zueinander und lauschten den Vorträgen, die gewohnt professionell und charmant von Judith Rakers moderiert wurden. Am Ende gabs Applaus und Blumen für Frau Rakers vom neuen gfu-Chef Kai Hillebrandt, der den langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Joachim Kamp Anfang des Jahres beerbt hatte.

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Den Auftakt zur etwas anderen IFA machte die gfu mit den Insights und Trends
(Bild: Urike Kuhlmann, c't magazin)

Spätestens beim Ortwechsel zum Networking wurde mir klar: In diesem Jahr ist wirklich alles anders. Uns stand für Gespräche und Snacks eine riesige Messehalle zur Verfügung, die im letzten Jahr noch rappelvoll war mit Ausstellern und Besuchern. Wir füllten sie nicht annähernd.

Auf dem Weg zur S-Bahn warf ich noch einen Blick in die einzige Messehalle, die als Ausstellungsfläche der IFA 2020 gebucht war. Spätestens da habe ich realisiert, dass es in diesem Jahr für uns Journalisten auf der IFA wenig zu entdecken geben wird: Am Vorabend der Messe war der Aufbau in Halle 1.2 weitgehend gelaufen, die wenigen Stände wurden noch ein bisschen gewienert und es war nicht zu erwarten, dass sich an der gähnenden Leere bis morgen etwas ändern würde. Auch wenn meine Erwartungen im Vorfeld nicht besonders groß waren, gebe ich's zu – ich war etwas schockiert.

Am Donnerstag, dem ersten offiziellen Messetag, hab ich die Ausstellungshalle 1.2 entsprechend schnell abgehakt. Sie wurde vom Stand des chinesischen Mobilgerätespezialisten Huawei dominiert. Zu sehen waren dort allerdings nur Geräte, die längst im Handel sind. Es fanden sich in der Halle weder Fernseher noch Lautsprecher, keine Waschmaschine, geschweige denn eine Show von Chefköchen in schicken Hightech-Küchen. Stattdessen Handys, Sextoys, Fitnesstracker und Luftreiniger.

Die lagen voll im Trend, wie sich auf dem gfu-Treffen angedeutet hatte und auf den Pressekonferenzen bestätigte: Viele Gerätehersteller haben sich bei neuen Produkten am Verhalten der Pandemie-geplagten Menschen orientiert: work@home, entertain@home, eat@home, Cocooning und Fitness dominierten die Phase des Lockdown. Gewinner der Branche waren Unternehmen, die Masken, Luftreiniger, Geräte für das Homeoffice und Sensoren zur Körperdatenerfassung angeboten haben.

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Die Messehalle mit den wenigen Ausstellern hab ich in sehr kurzer Zeit erkunden können.
(Bild: Ulrike Kuhlmann, c't magazin)

Ich führte an dem Tag Gespräche mit Herstellern wie LG, die zwar keine Produkte ausstellten, aber vor Ort waren, um Händler zu treffen. Es wurden Abschlüsse für das Weihnachtgeschäft besiegelt. Die IFA ist traditionell eine sogenannte Ordermesse, auf der sich die Einkäufer der großen Handelsketten mit den Herstellern treffen, um Geräte zu begutachten und zu bestellen, was zum Jahresende in den Läden stehen soll. Natürlich werden solche Geschäfte im Vorfeld vorbereitet, in Berlin geht es dann auch um das persönliche Treffen. Wie mir von mehreren Herstellern versichert wurde, war die IFA diesbezüglich in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg.

Deutsche Vertreter der nicht anwesenden TV-Hersteller wie Philips, Samsung, Panasonic oder Sony hätten hier auch gern mitgemischt. Die Entscheidung für oder gegen die IFA wurde jedoch meist vom Headquarter in Korea, Taiwan, Japan oder China getroffen. Und die fiel negativ aus.

Um doch noch ein bisschen Messefeeling zu bekommen, wechselte ich von den Hallen am Sommergarten zum City Cube. Dort fand die IFA Next und IFA Shift statt – mit etlichen kleinen Ständen von Start-ups, chinesischen Kleinstunternehmern auf Vertriebspartnersuche und kleineren europäischen Firmen. Teilweise traf ich auf spannende Exponate und es waren auch die üblichen Absurditäten darunter. Immerhin bekamen sämtliche Aussteller hier sicher mehr Aufmerksamkeit als auf einer großen IFA.

Im City Cube befand sich zudem eine Bühne, auf der Start-ups einer Jury in 4-Minuten-Pitches ihre Geschäftsidee vorstellten. Jeden Abend wurden die Gewinner des Tages gekürt. Das interessante Format hätte sicher mehr Aufmerksamkeit verdient, als die IFA 2020 erzeugen konnte. Schade.

Sehr viele Gespräche auf der IFA drehten sich um – die IFA: Ist es sinnvoll, dass sie stattfindet? Wem bringt das was? Hätte man sich die sehr übersichtliche Ausstellung in Halle 1.2 sparen können? Wird es im kommenden Jahr wieder eine "normale" IFA geben? Was, wenn nicht?

Ich traue mir nicht zu, auf all diese Fragen Antworten zu liefern. Zumal die IFA 2020 ja genau das herausfinden wollte. Sie war ein Experiment: Wie können Großveranstaltungen in Pandemiezeiten aussehen? Und sie war ein Signal von der und an die Wirtschaft: Es geht weiter, wir machen weiter. Das wurde von den anwesenden Unternehmen wahrgenommen und goutiert.

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Das Experiment ist insofern also gelungen. Auch wenn ich nicht glaube, dass eine IFA noch einmal in dieser Form stattfinden wird. Die kleine Ausstellungsfläche ging beispielsweise gar nicht. Das Sicherheitskonzept in Sachen Corona war dagegen vorbildlich: Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt, überall standen uns hilfreiche Menschen zur Seite, es gab an jedem Eingang Spender für Desinfektionsmittel und die Messegesellschaft verteilte großzügig Mund-Nasen-Schutzmasken. Aussteller Beurer hatte sogar medizinische Masken für alle Journalisten im Gepäck. Die Stühle in den Konferenzräumen waren stets in ausreichendem Abstand zueinander aufgestellt und alle Laufwege großzügig bemessen.

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Alle Besucher wurden großzügig mit Masken und Desinfektionsmitteln bedacht.
(Bild: Ulrike Kuhlmann, c't magazin)

Die Pressekonferenzen als solche waren in den meisten Fällen aber zu langatmig, sogar für diejenigen, die live dabeisein konnten – man kann sich leicht vorstellen, wie sie auf diejenigen Kollegen gewirkt haben, die sich das Ganze digital anschauten (alle Konferenzen wurden live gestreamt). Klar, gerade die Chefs großer Unternehmen waren nicht vor Ort, sondern wurden per Video in die Konferenz geholt, was ja immer etwas langweiliger wirkt. Das allein kann aber nicht als Entschuldigung gelten, wie die bemerkenswerte Pressekonferenz von LG gezeigt hat. Hinzu kommt, dass die wenigsten Hersteller richtige Neuheiten präsentierten, was wiederum dem Format und den Ausfallzeiten während des Lockdown geschuldet sein könnte.

Trotzdem bereue ich den Aufenthalt in Berlin nicht, denn ich habe eine Menge interessante Gespräche geführt. Und was das nächste Jahr angeht, bleibt abzuwarten. Sollte sich bis Ende März keine eindeutige Tendenz abzeichnen – ein Impfstoff, deutlich zurückgegangene Infektionszahlen etc. pp. –, wird es für die IFA 2021 eng, denn zum Ende des Geschäftsjahrs müssen die Budgets für das kommende Jahr festgezurrt werden. Und sollten die Großen der Branche Gefallen an den Einsparungen finden – so ein Messeauftritt verschlingt Millionen –, könnte es auch 2021 keine große IFA geben.

Hier will die Messegesellschaft bereits vorbeugen. Auf der Abschlussveranstaltung am Samstag verkündete IFA-Chef Jens Heithecker, dass es im kommenden Jahr wieder eine normale IFA geben werde, 60 Prozent der Ausstellungsfläche seien bereits gebucht. In diesem Jahr seien 6100 Besucher auf das Messegelände gekommen – letztes Jahr waren es fast 250.000 Menschen da; online haben bei der IFA in diesem Jahr 78.000 Besucher reingeschaut. Demnach darf man die IFA 2020 wohl trotz aller Widrigkeiten als gelungenes Experiment bezeichnen. (uk)