Elektroauto: Der Oli, Citroëns "Jetzt reicht's!"-Manifest

Erfrischend systemkritisch kommt die Studie eines leichten Universal-Pkw von Citroën daher, die man allerdings vor 30 Jahren noch als monströs empfunden hätte.

Lesezeit: 7 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 489 Beiträge

(Bild: Citroën)

Von
  • Florian Pillau
Inhaltsverzeichnis

Die Autos werden immer größer und teurer, den Begriff "Nachhaltigkeit" lesen wir in den Geschäftsberichten der Hersteller meist in Zusammenhang mit "Wachstum". Den Klimawandel konnten sie noch mit Elektroautos weglächeln – doch plötzlich herrschen Materialknappheit und Energiekrise. Citroën leistet mit der Studie "Oli" nun einen mutig-selbstbewussten Debattenbeitrag: Das Auto (selbstverständlich batteriebetrieben) soll Gewicht und Komplexität reduzieren, um Effizienz, Vielseitigkeit und Zugänglichkeit zu maximieren. So soll der Trend zu "mehr" gegen das konstruktive "genug" ausgetauscht werden.

Das Selbstbewusstsein, das durchsetzen zu können, scheint grenzenlos: "Citroën kann auf eine lange Tradition bei der Beeinflussung von Lebensgewohnheiten seiner Kunden zurückblicken, die mit den Fahrzeugen einhergingen." Rückblickend ist das zweifellos richtig, man denke an den unerwartet extrem erfolgreichen 2CV, allerdings zweifelhaft mit Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart. Das Maß an Optimismus ist gleichwohl erfrischend.

Der Gegenentwurf zum "Branchentrend zu schwereren, komplexeren und teureren Elektroautos" soll die Mobilität von Familien verbessern. "Oli" nimmt als "Three-Letter-Name" Bezug auf den elektrischen Leichtkraftwagen Citroën Ami und spielt mit dem englischen "All-E" für "ganz elektrisch". Citroën-Chef Vincent Cobée nennt die Studie einen Weg, "auf unerwartete, verantwortungsbewusste und lohnende Weise unkomplizierte, vollelektrische Mobilität zu bieten".

Die Silhouette des Oli, der mit 4,20 x 1,65 und 1,90 m Breite im Format von kompakten und mit 20-Zoll-Rädern sogar großer SUV liegt, bricht mit Seh- und anderen Gewohnheiten. Das ist beabsichtigt, denn statt einen weiteren "zweieinhalb Tonnen schweren Palast auf Rädern, gefüllt mit Bildschirmen und Gadgets" zu propagieren, will Citroën mit der Studie "dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach kostengünstiger und dennoch wünschenswerter emissionsfreier Mobilität" Rechnung tragen.

Studie Citroën oli (10 Bilder)

Dass man für seine grundsätzliche Kritik ausgerechnet das Format eines Pseudo-Geländewagens wählt, mag damit zusammenhängen, dass so etwas eben ankommt beim Publikum.

Citroën befindet sich wie alle Hersteller in einem lange beschwiegenen Zielkonflikt, gehört aber zu den ersten, die ihn nun offensiv ansprechen. Cobée benennt als Widersprüche die Abhängigkeit von Mobilität bei gleichzeitiger Unsicherheit der Ressourcen und dem wachsenden Wunsch nach einer verantwortungsvollen Zukunft. Produkt-Chefin Laurence Hansen: "Der Oli ist eine Möglichkeit zu sagen: Es reicht! Ich will zwar etwas Innovatives, aber ich will es unkompliziert, erschwinglich, verantwortungsbewusst und langlebig. Der Oli ist all das, und dazu noch eine große Portion Lebensfreude!"

Deshalb darf Elektrifizierung nicht teuer sein und umweltbewusstes Verhalten nicht durch Einschränkungen bei Mobilität oder Fahrzeugwahl bestraft werden. Vielmehr sollen attraktive Angebote mit leichteren, preiswerteren Autos und Änderungen im Nutzungsverhalten die Trends umkehren. Für Familien wird sonst die Freiheit der Mobilität zu teuer, sagt Citroën. Hansen nennt Oli "eine Arbeitsplattform, um geniale Ideen zu erforschen, die für eine zukünftige Produktion realistisch sind". Nicht alle seien umsetzbar, aber geeignet, künftige Modelle von Citroën zu inspirieren.

Beispiel Material: Die großen Ebenen der Karosserie verdanken ihre Stabilität recycelter Wellpappe in wabenförmiger Struktur zwischen Glasfaserplatten. Das verringert laut Pressemitteilung das Gewicht im Vergleich zu Stahlblech um 50 Prozent. Das Einzige, was Citroën bei der Materialwahl möglicherweise nicht bedacht haben mag, sind mögliche Vorbehalte von Menschen, die umgeben von Rennpappen groß wurden.

Anderes Beispiel: Die Gummimischung der Reifen besteht fast ganz aus nachhaltigen oder recycelten Materialien, darunter Sonnenblumenöl und Reishülsenasche sowie Kiefernharze und Naturkautschuk, die synthetischen, erdölbasierten Gummi ersetzen. Citroëns Reifenpartner Goodyear verspricht eine Lebensdauer von bis zu 500.000 km, da das Profil zweimal erneuert werden kann.