Elektroauto VW ID. Aero: Erste Bilder des elektrischen VW Passat

Volkswagen wird in der Mittelklasse bei den Antrieben künftig mehrgleisig fahren. Die Interpretation des Passats als Elektroauto wurde nun erstmals gezeigt.

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VW ID. Aero

Volkswagen hat den ID. Aero vorgestellt. Das „Weltauto“ wird zuerst in China ausgeliefert. Dort gewinnen einheimische Hersteller mit Elektroautos wie dem BYD Han oder dem Xpeng P5 zunehmend Marktanteile.

(Bild: VW)

Von
  • Christoph M. Schwarzer

Bezogen auf den deutschen Markt ist Volkswagen noch immer Spitzenreiter. Im vergangenen Jahr wurden vom Passat hierzulande trotz eines Rückgangs um 25 Prozent gut 45.000 Stück verkauft. Davon können andere Hersteller nur träumen, direkte Konkurrenten wie Opel Insignia, Ford Mondeo, Peugeot 508 oder Mazda 6 kommen nur auf einen Bruchteil dieser Zahlen. Allerdings ist Tesla mit dem Model 3 in dieser Klasse Volkswagen auf den Fersen. Grund genug für den Marktführer also, beim Nachfolger zweigleisig zu fahren. Erste Bilder des batterieelektrischen VW ID. Aero wurden nun gezeigt, der Passat folgt im kommenden Jahr.

Das Elektroauto basiert auf dem Modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB) des Konzerns. So wie es ID.3, ID.4 (Test), ID.5, ID.6 und der ID.Buzz (Fahrbericht) bereits vormachen. Mit dem ID. Aero baut Volkswagen ab 2023 eine knapp fünf Meter lange Limousine und spricht vom "Weltauto". Der jetzt gezeigte Ausblick ist allerdings nur für den chinesischen Markt gedacht und wird dort in zwei leicht unterschiedlichen Versionen von den Joint-Ventures FAW-Volkswagen und SAIC Volkswagen produziert. Im Jahresverlauf 2023 läuft auch das Band in Emden mit dem für Europa angepassten Design des ID. Aero an: Er ist nicht weniger als die batterieelektrische Interpretation des VW Passat.

Die Auslieferung des China-Modells soll 2023 erfolgen. Für die deutsche Version, die optisch leicht verändert sein könnte, werden die Bänder in Emden langsam umgestellt. Die Produktion beginnt hier 2023.

(Bild: VW)

In China hat der ID. Aero harte, einheimische Konkurrenz. Elektrische Limousinen wie der BYD Han, der Xpeng P5 oder der Changan SL03 sind gefragt. Volkswagen sagt, dass der ID. Aero ein Viertürer ist. Ein Hinweis darauf, dass der ID. Aero – ähnlich wie viele Konkurrenten – keine Heckklappe, sondern einen Stummeldeckel haben wird.

Der ID. Aero ist nichts anders als die elektrische Interpretation des VW Passat, der seit 1977 in Ostfriesland gebaut wird.

(Bild: VW)

Volkswagen veröffentlicht bislang nur wenige technische Daten. So soll der Luftwiderstandsbeiwert bei cW 0,23 liegen. Ein im Vergleich zu vielen SUVs exzellenter, in diesem Segment aber inzwischen üblicher Wert. Vor allem aber ist die Stirnfläche des ID. Aero ungleich kleiner, was sich besonders beim Verbrauch auf der Autobahn bemerkbar machen wird. In Kombination mit der bekannten 77-kWh-Batterie soll die Reichweite im WLTP bei 620 km liegen.

Heckklappe oder Stummeldeckel: Wir tippen auf Letzteres, weil die Konkurrenz es genau so macht.

(Bild: VW)

Es darf kräftig darüber spekuliert werden, ob es bei diesem Energiegehalt bleibt. In den SUVs auf dieser Basis bevorzugen die Kunden aktuell die Maximallösung. Unterhalb dieser 77-kWh-Batterie gibt es noch zwei kleinere Speicher, die im Verkauf aber weniger gefragt sind. Kunden könnten nach dieser Logik bereit sein, in größere Batterien zu investieren. Gegen einen deutlich angehobenen Energiegehalt spricht, dass die Rohstoffpreise zuletzt stark angestiegen sind.

Der ID. Aero beruft sich also auf Bewährtes; es ist faktisch eine weitere Karosserievariante des MEB. Innovationen am Batteriesystem zeigt Volkswagen allerdings nicht. Bei der Konkurrenz aus China ist das anders. BYD, zugleich Fahrzeug- und Batteriehersteller, dokumentiert mit der Plattform 3.0, was heute angesagt ist: Großformatige LFP-Zellen ("Blade"), 800 Volt Spannung und Integration in den Fahrzeugboden ("Cell-to-Body"). CATL, der größte Zulieferer für Traktionsbatterien überhaupt, hat jüngst die Qilin-Batterie präsentiert: Auch hier gibt es keine Modulebene mehr; die Zellen (wahlweise mit LFP- oder NMC-Kathode) werden direkt ins System gepackt ("Cell-to-Pack") und aufwendig temperiert. CATL reklamiert eine Energiedichte, die um 13 Prozent höher liegen soll als bei der 4680-Zelle von Tesla.

Volkswagen veröffentlicht kaum technische Daten: Knapp fünf Meter Länge und mit der bekannten Traktionsbatterie mit 77 kWh ausgerüstet. Reichweite nach WLTP: 620 km.

(Bild: VW)

Weil wir zu wenig Detailinformationen aus der Pressemeldung ziehen können, schauen wir ins Archiv: Volkswagen hatte im November 2019 die Studie ID. Space Vizzion ausgestellt. Das war quasi die Vorschau auf den elektrischen Passat Variant. In Emden wird also sehr wahrscheinlich neben dem europäischen ID. Aero der weitgehend baugleiche Kombi als Serienversion des ID. Space Vizzion gebaut werden. So, wie es früher beim Passat mit Schrägheck und dem Variant war. Endlich, möchte man sagen, denn auch wenn elektrische Limousinen wie das Tesla Model 3 zu einem kleinen Revival dieser Karosserieform geführt haben, sehnen sich doch viele Kunden in Deutschland, Frankreich oder Schweden nach einem Kombi.

Deutsche und andere europäische Kunden dürften sich eher für den Kombi interessieren. Von dem ist zwar in der aktuellen Pressemitteilung keine Rede; wir erinnern trotzdem gerne an die Studie ID. Space Vizzion von 2019. Das Serienmodell war für 2021 angekündigt. Jetzt wird er wohl nach dem ID. Aero starten, also wahrscheinlich 2024.

(Bild: VW)

Für den ID. Space Vizzion wurde 2019 konkretere Rahmendaten genannt: 4,96 Meter Länge, 1,90 Meter Breite und 1,53 Meter Höhe zeugen vom nahezu ungehemmten Größenwachstum der Elektroautos. Denn mit diesen Dimensionen überragt die Studie den aktuellen Passat deutlich. Der Heckmotor leistet 205 kW. Mit zusätzlichem Frontmotor ("4Motion") sind es 250 kW, die den Space Vizzion in 5,4 Sekunden auf 100 km/h und weiter bis auf 175 km/h beschleunigen sollen. Das Kofferraumvolumen beträgt 586 Liter, und die WLTP-Reichweite 590 km. Möglicher Serienstart aus der Perspektive von 2019: 2021.

So ist die Weltpremiere des ID. Aero aus deutscher Sicht vor allem ein netter Appetitanreger. Die elektrische Limousine ist für Volkswagen bedeutend, weil der Erfolg auf dem chinesischen Markt elementar für die Marke und den Konzern ist. Die Kunden in Deutschland und Europa dürften aber auf den Kombi warten. Wir prognostizieren die Präsentation für 2023 und die Auslieferung für 2024. Vielleicht hat Volkswagen bis dahin ein etwas moderneres Batteriesystem integriert.

Der Luftwiderstandsbeiwert soll bei cW 0,23 liegen. Bei den Limousinen ist eine so günstige Aerodynamik inzwischen üblich.

(Bild: VW)

Nicht vergessen werden darf der für die Absatzzahlen weiterhin wichtige Passat, der in neuer Form im Lauf des nächsten Jahres vorgestellt wird. Er basiert auf dem Modularen Querbaukasten und wird nur noch als Kombi angeboten. Seine Antriebspalette wird aus Plug-in-Hybriden, mildhybridisierten Benzinern und Dieselmotoren bestehen. Der E-Antrieb bleibt dem ID. Aero vorbehalten. Ohne Nachfolger bleibt der VW Arteon, obwohl seine Zulassungszahlen zuletzt oberhalb dessen lag, was die Konkurrenz hierzulande absetzen konnte.

(mfz)