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Elektronischer Sucher: Mäusekino bleibt Mäusekino

Optische Sucher haben derzeit eine schlechte Presse, der elektronischer Sucher gilt vielen als das einzig zukunftsweisende Konzept. DSLM statt DSLR das ist die neue Marschrichtung, aber sie führt in eine falsche Richtung.

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Elektronischer Sucher: Mäusekino bleibt Mäusekino

(Bild: Foto: Lukas Gojda/Fotolia, Grafik: Heise)

Der optische Sucher ist auf dem absteigenden Ast, bei den DSLR-Giganten Canon und Nikon brechen schon seit längerem die Verkaufzahlen ein. Bei DSLMs, also spiegellosen Systemkameras mit elektronischem Sucher, verläuft die Entwicklung genau entgegengesetzt: Sony, Olympus und Fujifilm können steigende Verkaufszahlen vermelden. Der elektronische Sucher wird auch bei hochwertigen Kameras salonfähig, dabei ist er dem optischen Sucher immer noch nicht ebenbürtig.

Beim elektronischen Sucher wird das Bildsignal am Sensor abgegriffen und auf ein Display weitergeleitet. Das ist für die Kamerahersteller ganz praktisch, weil man statt eines aufwendigen mechanischen Spiegelkastens ein kleines internes Display verbauen kann. Die Kamera wird dadurch kompakter und tendenziell etwas leiser, der Klappspiegel fällt ja weg. Das erkauft man sich mit einem spürbar höheren Stromverbrauch, weil der Bildsensor bei jedem Blick durch den Sucher aktiv werden muss. Für einen langen Fototag mit der DSLM Sony A7 sollte man sich einen Ersatzakku mitnehmen, bei der DSLR Nikon D7000 reicht ein Akku für den gesamten Tag.

Ein Kommentar von Sascha Steinhoff

Sascha Steinhoff ist Redakteur bei c't Digitale Fotografie und schreibt seit 2008 regelmäßig über techniklastige Fotothemen. Privat ist er seit analogen Zeiten bekennender Nikon-Fanboy, beruflich ist er da flexibler. Als Softwarespezialist kümmert er sich insbesondere um die Themen Raw-Konvertierung, Bildbearbeitung und Bildarchivierung.

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Anhänger elektronischer Sucher freuen sich über eine Reihe von Goodies, die ein optischer Sucher nicht hat und prinzipbedingt auch nicht haben kann. Fokus Peaking beispielsweise, Histogramme und die Belichtungsvorschau in Echtzeit inklusive Rauschen. Per Sucherlupe kann man in die 1:1 Vorschau hineinzoomen und prüfen, ob die Schärfe wirklich sitzt. Wer’s braucht ok, aber die Kernfunktionen eines Suchers sind andere: Er soll das Fotomotiv so zeigen wie es ist und das bitteschön in Echtzeit! Und genau bei diesen wichtigen Punkten hakt es bei allen elektronischen Suchern. Prinzipbedingt zeigen sie das Bild nie unverändert und immer mit einem gewissen Zeitversatz an.

Beim elektronischen Sucher müssen die Bilddaten erst vom Sensor ausgelesen, über Leiterbahnen zum Display weitergeleitet und dort angezeigt werden. Hier summieren sich die Laufzeiten, zumal das Display durch seine Wiederholfrequenz gebremst wird. Die von den Herstellern gerühmte “vernachlässigbar geringe” Verzögerung ist bei Sportarten wie dem Beachvolleyball ein echtes Problem. Schon mit dem optischen Sucher einer DSLR ist es nicht einfach, der Ballbewegung durchgehend zu folgen. Mit dem elektronischen Sucher beispielsweise einer Sony A99 ist es weitgehend unmöglich.

Wer bevorzugt ruhige Motive fotografiert, hat diese Probleme nicht. Dafür muss er sich mit einem grundsätzlicheren Problem herumschlagen: Der elektronische Sucher zeigt nie das unveränderte Fotomotiv an, sondern nur eine Interpretation desselben auf einem Display. Es ist in aller Regel kontrastverstärkt, tonal korrigiert und auch sonst mit allerlei Filtern versehen. Ausgefressene Lichter und abgesoffene Schatten sind ebenfalls möglich, beim Dynamikumfang ist das menschliche Auge aktuellen Bildsensoren nun einmal überlegen. Kurz gesagt: Der Fotograf sieht bei der Aufnahme nicht das Originalmotiv, sondern eine vom Kamerahersteller beziehungsweise von technischen Restriktionen definierte Variante.

Wo ist da der Fortschritt? Für mich sind elektronische Sucher bessere Mäusekinos, mehr aber auch nicht. Bevor ich auf den Auslöser drücke, möchte ich das das Motiv so sehen wie es ist. Und da gibt es nach wie vor keine Alternative zum optischen Sucher. (sts)