"Encrochat" geknackt: Schwerer Schlag gegen organisierte Kriminalität

Wochenlang konnten Ermittler in einem verschlüsselten Chatsystem mitlesen, über das illegale Geschäfte gemacht wurden. Dann schlugen sie zu.

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 135 Beiträge

(Bild: Metropolitan Police London)

Von

Ermittlern der niederländischen und französischen Polizei ist es gelungen, ein insbesondere von Kriminellen genutztes abgesichertes Chat-Netzwerk zu knacken. Auf Grundlage der in knapp drei Monaten Abhörarbeit gewonnenen Erkenntnisse haben Polizeibehörden in mehreren Ländern in den vergangenen Tagen Razzien durchgeführt, hunderte Verdächtige verhaftet sowie Geld, Drogen und Waffen sichergestellt.

Französische Ermittler hatten herausgefunden, dass Encrochat einige Server in der Stadt Lille unterhielt. Spezialisten gelang es, dort den unverschlüsselten Datenverkehr auszuleiten. Seit dem 1. April konnten die Ermittler mitlesen, wie über Encrochat Drogen- und Waffengeschäfte abgewickelt und ein Mord in Auftrag gegeben wurden.

Mitte Juni fiel dem Betreiber der Encrochat-Infrastruktur auf, dass das System kompromittiert worden war, er schickte eine Warnmeldung an die Kunden. "Bis dahin war es so, als würden wir direkt am Konferenztisch der Kriminellen sitzen", sagte die niederländische Polizeichefin Janine van den Berg.

Encrochat läuft auf modifizierten Android-Smartphones, die in einem besonders abgesicherten Bereich eine Chatfunktion über eine eigene, verschlüsselte Infrastruktur bieten. Mit einem besonderen Code konnten die Daten auf den Telefonen vollständig gelöscht werden.

Ein sichergestelltes Encrophone

(Bild: Metropolitan Police London )

Die "EncroPhones" kosteten den Angaben von Europol zufolge rund 1000 Euro, für die abgesicherte Kommunikation wurden zusätzlich noch Abo-Gebühren von 1500 Euro pro Halbjahr berechnet. Rund 60.000 Geräte soll das Unternehmen verkauft haben.

Nachdem die Warnung an die Encrochat-Nutzer herausgegangen war, schlugen die Behörden in mehreren europäischen Ländern zu. Allein in den Niederlanden wurden 100 Personen verhaftet, 19 Chemielabore enttarnt und 20 Millionen Euro Bargeld sichergestellt. Laut den britischen Behörden gab es auf der Insel knapp 750 Festnahmen, bei denen 20 Tonnen Drogen und 55 Millionen Pfund Bargeld beschlagnahmt wurden.

Mit dem erfolgreichen Angriff auf die Verschlüsselung gelang der niederländischen Polizei bereits der zweite Ermittlungserfolg dieser Art: im Jahre 2018 konnte das Ironchat-System der Amsterdamer Firma Cryptocomm geknackt werden.

(vbr)