Energie-Sektor am Scheideweg: Prognosen der Internationale Energie Agentur

Die Internationale Energie Agentur hat ihren jährlichen Bericht zur weltweiten Energieversorgung herausgegeben und macht Druck auf die Politik.

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(Bild: Pongthorn S/Shutterstock.com)

Von
  • Sophia Zimmermann

In ihrem jährlichen Bericht "World Energy Outlook" stellt die Internationale Energie Agentur (IEA) ihre Prognosen für die mittel- und langfristige Entwicklung der weltweiten Energieversorgung vor. In diesem Jahr spielt die Covid-19-Pandemie eine entscheidende Rolle, denn sie sorgt aus Sicht der IEA für ein turbulentes Jahr für das globale Energiesystem. Ob sich dadurch der Übergang zu sauberer Energie beschleunigt und somit die internationalen Energie- und Klimaziele profitieren oder ob das Gegenteil der Fall ist, hänge maßgeblich davon ab, wie die Regierungen auf die derzeitigen Herausforderungen reagieren, so die IEA in einer Mitteilung zum Bericht.

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Die Agentur kommt zu der Einschätzung, dass die Energienachfrage 2020 Pandemie-bedingt um etwa fünf Prozent sinken werde, die CO2-Emissionen gehen demnach um sieben Prozent zurück, die Energieinvestitionen sogar um 18 Prozent.

Je nach angesetztem Szenario kehre die weltweite Energienachfrage 2023 beziehungsweise 2025 auf Vorkrisenniveau zurück. Erneuerbare Energien setzt die IEA in den Mittelpunkt ihrer Prognosen, einen Schwerpunkt legt sie dabei auf Solarenergie. So sei die Photovoltaik heute in den meisten Ländern günstiger als kohle- oder gasbefeuerte Kraftwerke.

Im Szenario "STEPS" (Stated Policies Scenario), das heute angekündigte politische Absichten und Ziele zugrunde legt, decken die erneuerbaren Energien in den nächsten zehn Jahren 80 Prozent der weltweit steigenden Energienachfrage ab. Wasserkraft sei zwar die größte erneuerbare Energiequelle, die Solarenergie hätte aber mehr Wachstumspotenzial. Für Dr. Fatih Birol, Direktor der IEA, ist die Solarenergie die Königin der weltweiten Strommärkte. Der Bericht erklärt aber auch, dass ein starkes Wachstum bei den erneuerbaren Energien mit verlässlichen Investitionen in die Stromnetze kombiniert werden müsse, die ansonsten das schwache Glied der Transformation des Stromsektors werden könnten.

Je nach Szenario geht die IEA von unterschiedlichen Herausforderungen für die fossilen Brennstoffe aus. In der Steps-Prognose kehrt die Nachfrage nach Kohle beispielsweise nicht auf Vorkrisenniveau zurück. Im Energiemix 2040 falle sie erstmals seit der industriellen Revolution auf unter 20 Prozent. Die Nachfrage nach Erdgas steige aber vor allem in Asien erheblich. Die IEA ist sich außerdem sicher, dass die Ära der wachsenden Ölnachfrage im nächsten Jahrzehnt zu Ende gehen werde. Dennoch: Heutige politische Rahmenbedingungen würden dazu führen, dass die Ölnachfrage bald wieder Vorkrisenniveau erreiche.

In dem optimistischen Szenario "SDS" (Sustainable Development Scenario) geht die IEA hingegen von einem sprunghaften Anstieg der Investitionen in erneuerbare Energien aus – gepaart mit verstärkten politischen Bemühungen. Dieser Schrittwechsel bei den Investitionen in saubere Energie biete die Möglichkeit, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, Arbeitsplätze zu schaffen und Emissionen zu reduzieren. Zu wenige Regierungen würden diesen Kurs bisher verfolgen. Als Ausnahmen nannte die IEA unter anderem die Europäische Union, Großbritannien, Kanada, Korea und Neuseeland.

Schon jetzt sei jedoch klar, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Ärmsten am heftigsten treffen. Als Beispiel führt die IEA die Entwicklungen südlich der Sahara in Afrika an. Dort wachse die Zahl der Menschen wieder, die keinen Zugang zu Elektrizität hätten. Der Anstieg des Armutsniveaus führe möglicherweise außerdem dazu, dass die Grundversorgung mit Strom für weltweit mehr als 100 Millionen Menschen, die bereits einen Zugang dazu hatten, unerschwinglich werde.

Die IEA warnt davor, sich auf dem rekordverdächtigen Rückgang der weltweiten Emissionen in diesem Jahr auszuruhen. Denn dieser werde vor allem durch einen wirtschaftlichen Abschwung hervorgerufen, der nur dazu führe, dass die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen weiter verarmen. IEA-Direktor Birol fordert deshalb schnelle strukturelle Veränderungen in der Art, wie wir Energie produzieren und verbrauchen. Die Regierungen der Welt hätten es in der Hand, den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen und somit Weg für die Erreichung der Klimaziele zu ebnen. Entscheidend sei es dabei auch, bestehende Infrastruktur zu verbessern und Energieeffizienztechnologien auszuweiten oder beispielsweise bei der Kernenergie neue Impulse zu setzen.

In ihrem Bericht diskutiert die IEA auch das Szenario "Null Emission", das davon ausgeht, dass die gesamte Welt bis 2050 emissionsfrei ist. Einige Länder, darunter China (2060), hätten bereits angekündigt bis zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein zu wollen. Um dies zu erreichen, müssten in den nächsten zehn Jahren zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden. Um die Emissionen bis 2030 um 40 Prozent zu senken, ist es beispielsweise erforderlich, dass knapp 75 Prozent der weltweiten Stromerzeugung aus emissionsarmen Quellen stammen. 2019 waren es weniger als 40 Prozent. Außerdem müssten bereits 2030 mehr als 50 Prozent der weltweit verkauften Personenkraftwagen elektrisch betrieben werden. Zum Vergleich: 2019 waren es laut IEA lediglich 2,5 Prozent.

(ssi)