Energieagentur: Sechs Monate Zeit, um die Klimakrise nach Corona abzuwenden

"Dieses Jahr ist die letzte Gelegenheit, um einen CO2-Rückfall zu verhindern", warnt die Internationale Energieagentur und fordert grüne Konjunkturpläne.

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(Bild: NicoElNino/Shutterstock.com)

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  • Stefan Krempl

Die Internationale Energieagentur (IEA) mahnt Regierungen auf der ganzen Welt, die aktuell geschnürten Konjunkturpakete zur Wiederbelebung der Volkswirtschaften nach der Corona-Krise konsequent auf die Energiewende und grüne Techniken auszurichten. Die Welt hat laut der IEA nur sechs Monate Zeit, um die Klimakatastrophe durch einen erneuten Anstieg der Treibhausgasemissionen nach dem Lockdown zu verhindern.

"Dieses Jahr ist die letzte Gelegenheit, um einen CO2-Rückfall zu verhindern", warnt IEA-Direktor Fatih Birol im Guardian vor einem drohenden Rebound-Effekt. Die Regierungen planen laut der Kooperationsplattform, in den nächsten Monaten weltweit neun Billionen US-Dollar für die Konjunkturbelebung auszugeben. Diese Programme werden laut Birol die Gestalt der Weltwirtschaft für die nächsten drei Jahre konkret festlegen und den Kurs für die kommenden 30 Jahre mitbestimmen. Innerhalb dieser Zeit müsse es gelingen, die Emissionen stark und dauerhaft zu senken, sonst würden die Pariser Klimaziele unerreichbar.

Wenn die Weltgemeinschaft jetzt nicht handele, werde der Treibhausgasausstoß mit Sicherheit wieder ansteigen, gab Birol zu bedenken. Käme es zu diesem Szenario, sei kaum mehr ein Gegenmodell vorstellbar, wie die Emissionen künftig noch gesenkt werden könnten.

Der CO2-Ausstoß sank im April auf dem Höhepunkt der Corona-Einschränkungen weltweit durchschnittlich um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Seitdem ist er aber wieder um etwa fünf Prozent gegenüber dem Niveau von 2019 nach oben gegangen.

Um die Politik bei einem grünen Kurswechsel zu unterstützen, hat die IEA vorige Woche zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) einen Bericht für einen "nachhaltigen Aufschwung" vorgelegt. Sie stellt dabei vor allem auf Reformen der Energieerzeugung und des Energieverbrauchs ab. Wind- und Solarenergie sollen neben einer verbesserten Energieeffizienz von Gebäuden und Industrien sowie der Modernisierung der Stromnetze einen Schwerpunkt bilden.

Gerade in Gegenden, in denen Millionen Menschen durch die Auswirkungen der Pandemie ihre Jobs verloren hätten, müssten neue, am besten aber gleich grüne Arbeitsplätze geschaffen werden, legt die Behörde auf rund 170 Seiten dar. Dabei sollten lieber mehr Photovoltaikanlagen installiert und Windparks gebaut werden, als Geld in die kohlenstoffreiche Wirtschaft zu stecken.

Das grüne Wirtschaftsprogramm der Energieagentur ist ambitioniert: Bis Ende 2023 sollen damit weltweit staatliche und private Investitionen in Höhe von insgesamt drei Billionen US-Dollar mobilisiert werden. Damit könnten jährlich neun Millionen Arbeitsplätze gerettet oder neu geschaffen werden, schätzen die Experten von IEA und IWF. Die jährlichen globalen CO2-Emissionen ließen sich mit dem Plan gleichzeitig um 4,5 Milliarden Tonnen reduzieren. Das wären rund 13 Prozent des globalen Gesamtausstoßes von 2019. Insgesamt könnte die Luftverschmutzung um fünf Prozent sinken.

Die geschätzten Kosten der Förderoffensive entsprechen rund 0,7 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, rechnen die beteiligten Ökonomen weiter vor. Die Wirtschaft würde parallel jährlich um 1,1 Prozentpunkte wachsen. Birol zeigte sich gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung daher optimistisch, dass Regierungen selbst dann mitmachen, wenn ihnen Klimaschutz egal ist. Er sieht damit die einmalige Chance, 2019 zu dem Jahr zu machen, "in dem die globalen CO2-Emissionen definitiv ihren Höhepunkt überschritten haben und in Zukunft nachhaltig sinken werden".

Mit Politikern will die IEA die Initiative auf einem Online-Gipfel für saubere Energie am 9. Juli beraten. Die Bundesregierung hat mit dem "Zukunftspaket" ihres aktuellen, 130 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramms bereits einen Schwerpunkt auf grüne und digitale Techniken gelegt. Die EU- Kommission hat für die Mitgliedsstaaten das Ziel ausgegeben, bis 2050 über den "Green Deal" eine klimaneutrale Wirtschaft zu schaffen. Der Treibhausgasausstoß digitaler Infrastrukturen wie Netzwerken und Rechenzentren soll schon bis 2030 netto auf null sinken.

(olb)