Energiewende: Viel Potenzial für Solarstrom auf Deutschlands Dächern

10,8 Millionen Privathäuser könnten Solaranlagen installieren. Dann würden sie laut einer Studie so viel Strom erzeugen wie zehn Kohlekraftwerke.

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 742 Beiträge
Details,Of,The,Sunship,In,Green,City,,Freiburg.,The,Solar

In Deutschland gibt es einige weit bekannte Solardachprojekte, wie etwa das Solardorf Vauban in Freiburg.

(Bild: Gyuszko-Photo/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Das Potenzial von Solaranlagen auf Deutschlands Dächern liegt weitgehend brach, obwohl sich eine Investition für Eigenheimbesitzer meistens auszahlen würde. Dies geht laut der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) aus einer Studie des Bonner Forschungs- und Beratungsunternehmen EUPD Research im Auftrag des Solarstromanbieters Lichtblick hervor.

10,8 Millionen private Ein- und Zweifamilienhäuser sind demnach hierzulande für Fotovoltaik geeignet. Würde dieses Sonnenreservoir angezapft, könnte damit laut dem Bericht pro Jahr so viel Strom erzeugt werden, wie durch zehn mittlere Kohlekraftwerke. Das hat auch politische Brisanz, weil die aktuelle Devise lautet, bei der Stromerzeugung Gas einzusparen, um unabhängiger zu werden vom russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte daher unter der Woche angekündigt, mehr Kohlekraftwerke in Betrieb nehmen zu wollen. Die FDP stieß parallel eine Debatte über eine verlängerte Laufzeit der verbliebenen Atomkraftwerke an, obwohl Christian Lindner noch zu Beginn des Ukraine-Krieges erneuerbare Energien "Freiheitsenergien" nannte und durch Gefechte um ukrainische Atomkraftwerke die Gefahr der Technik sehr bewusst wurde.

Die Autoren der Analyse sehen laut SZ sieben Schlüsseltechnologien für die Energiewende im Eigenheim. Am weitesten verbreitet seien Solarstromanlagen, die inzwischen auf 16 Prozent der geeigneten Häuser installiert sind. Am häufigsten wird der Sonnenstrom dann ins Netz eingespeist.

Dessen Eigennutzung ist seltener: Bei je acht Prozent der entsprechend ausgerüsteten Häuser fließt Strom vom Dach in Wärmepumpen und Ladestationen für E-Fahrzeuge. Vier Prozent der Eigentümer betreiben damit Heimspeicher, zwei Prozent andere Systeme zum Management des Energieverbrauchs.

Die Forscher rechneten alle Optionen zusammen und fanden heraus, dass die Möglichkeiten nur zu knapp einem Zehntel ausgeschöpft werden. Um sie voll zu nutzen, hält EUPD Investitionen von rund 131 Milliarden Euro erforderlich.

Am vorteilshafteten für den weiteren Ausbau sei es, wenn Hausbesitzer sowohl Produzenten als auch Verbraucher des selbstgenerierten Stroms wären. Für die Eigentümer selbst dürfte sich der Wechsel finanziell direkt lohnen, heißt es weiter. Stiegen alle knapp elf Millionen Haushalte von den bisher weit verbreiteten Öl- und Gaskesseln sowie Benzin- und Dieselautos auf Stromheizungen und Elektromobilität um, würde ihr Energiebedarf der Untersuchung zufolge um zwei Drittel sinken.

In einem Modell rechnen die Forscher vor, dass Eigenheimbesitzer so über 20 Jahre bis zu 55.000 Euro sparen könnten. Würde der Solarstrom bei hohen Energiepreisen über die Börse vermarktet, ließen sich sogar bis zu 95.000 Euro erwirtschaften.

Durch die Digitalisierung und Vernetzung von Solaranlagen, Speichern, Wärmepumpen und E-Autos könnten die Anlagen wirtschaftlicher und die Häuser weitgehend autark werden, ist der Studie zu entnehmen.

Eines der Hauptprobleme der Solarstrom-Nutzung sei das Aufbewahren der Energie für die Zeit, in der wenig oder keine Sonne scheint. Dies könnte durch zusätzliche Großspeicher und die Nutzung von Batterien in E-Fahrzeugen als Zwischenspeicher gelöst werden, sind sich Lichtblick und andere Versorgungsexperten einig.

Vom Bepflastern ihrer Dächer mit Solarzellen hält Hausbesitzer dem Bericht nach vor allem der Wust an Bürokratie ab, durch den sie sich kämpfen müssten. So existierten etwa Vorschriften für die Verbindung einer Solaranlage mit dem öffentlichen Stromnetz und zur Messung des Stroms, der verbraucht und der ins Netz eingespeist wird.

"Es gibt 900 Netzbetreiber, und die können alle ihre eigenen technischen Anschlussbedingungen bestimmen", sagte Ralf Schmidt-Pleschka von Lichtblick der Zeitung. Deshalb fordere das Unternehmen bundesweit einheitliche Vorgaben.

Harry Wirth vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hält die Einschätzung für plausibel, erklärte er der "SZ". Die Einrichtung hat bereits das Solarpotenzial für alle deutschen Dächer errechnet. Darüber ließe sich demnach so viel Strom produzieren wie mit 23 großen Kohlekraftwerken. Bei Miets- oder Mehrfamilienhäusern seien die nötigen Absprachen und Regelungen aber noch komplizierter als bei Einfamilienhäusern.

Laut Michael Sterner, Leiter der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher (Fenes) an der Technische Hochschule Regensburg, liegen Maßnahmen zur Förderung von Wind- und Solarenergie "im Zeitgeist": Bei den aktuellen Energiepreisen sei es "für alle wirtschaftlich, alle Dächer mit Fotovoltaik vollzumachen und auch in die Flächen zu gehen", konstatierte er im Frühjahr.

Die SPD versprach in ihrem Programm für die Bundestagswahl, dafür sorgen zu wollen, "dass alle dazu geeigneten Dächer eine Solaranlage bekommen". Die Grünen peilen 1,5 Millionen neue Solardächer in dieser Legislaturperiode an. Bürokratische Hürden für die Nutzung des Stroms vom eigenen Dach sollen ihnen zufolge abgebaut, Eigenverbrauch und Direktvermarktung gestärkt werden.

(kbe)