Energiewende fängt in Zwickau an – Forscher arbeiten an Quartier der Zukunft

In einem Zwickauer Stadtteil wird die Energiewende vor Ort erforscht. Das Projekt ist eines von nur sechs bundesweit. Die Bewohner spielen eine große Rolle.

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(Bild: Krisana Antharith/Shutterstock.com)

Von
  • Claudia Drescher
  • dpa

Photovoltaikanlagen auf den Dächern, ein großer Energiespeicher zwischen den Altneubauten aus den 60er Jahren, eine Heizung, die im Winter heizt und im Sommer kühlt, mit dem E-Lastenrad zum Einkaufen statt mit dem Auto: So könnte es aussehen, das energieeffiziente Quartier der Zukunft. Erprobt und erforscht wird es im Zwickauer Stadtteil Marienthal. "Rein technisch ist das Nullemissionsquartier schon heute möglich, das Konzept dazu steht", sagte Tobias Teich der Deutschen Presse-Agentur.

Der Professor für Vernetzte Systeme an der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) ist der wissenschaftliche Leiter des Forschungsprojekts "Zwickauer Energiewende demonstrieren", kurz ZED. Mit mehr als 16 Millionen Euro gefördert durch das Bundesforschungsministerium ist es eine von bundesweit sechs Initiativen, die zum Vorbild werden sollen für die urbane Energiewende in ganz Deutschland. Zwickau als ein Leuchtturm in Sachen Klimaschutz – das ist die Vision von Tobias Teich und seinen Mitstreitern.

Insgesamt 13 Partner arbeiten seit knapp drei Jahren an dem Projekt, neben der WHZ und der Stadt Zwickau auch die TU Chemnitz und die Ludwig-Maximilians-Universität München. Außerdem sind lokale Unternehmen unter anderem aus der Wohnungs- und Energiewirtschaft sowie ein Pflegedienst und ein Sanitätshaus beteiligt.

So sammeln die Wissenschaftler etwa Messdaten in sogenannten intelligenten – also technisch aufgerüsteten – Wohnungen. Der Vorteil: Weil diese bewohnt sind, könnten sie etwa den Wärmeverbrauch im realen Betrieb untersuchen, erläutert Projektkoordinator Sven Leonhardt. 35 Prozent des Energieverbrauchs entstehen laut Bundesforschungsministerium in Wohn- und Nichtwohngebäuden, etwa drei Viertel davon ist Wärme.

"Neben den energetischen Aufwendungen im Winter spielt aber auch das Thema Kühlung eine immer größere Rolle", so Teich. Bereits heute seien während der Sommermonate signifikant höhere Raumtemperaturen nachweisbar – gerade in den im Osten weit verbreiteten Altneubauten. "Daran spürt man, dass wir mitten im Klimawandel stecken", ist der Forscher überzeugt.

Die Herausforderung sei es, diesem Problem im Bestand zu begegnen. Man könne entweder kosten- und ressourcenintensiv baulich umrüsten – oder das bestehende Heizsystem zukunftsfähig zu machen. "Unsere Grundidee ist es, mit derselben Technik im Winter zu heizen und im Sommer zu kühlen", erläutert Tobias Teich. Entsprechende Lösungen habe man bereits entwickelt.

Darüber hinaus will das ZED-Projekt die Energiewende und den Klimawandel für die 8000 Marienthaler greifbar machen. Dafür setzen die Forscher auch auf Mikromobilität. Fünf E-Scooter und zwei Elektro-Lastenräder sollen den meist älteren Bewohnern des Quartiers Lust machen auf kleine, aber wirksame Veränderungen. "Was wir hier vor Ort immer wieder merken: Es braucht viele Gespräche und einen langen Atem, um Akzeptanz zu erreichen", meint Projektmitarbeiter Erik Höhne. Dabei ist das ein Hauptziel, denn die Marienthaler sollen sich einbringen, damit am Ende praxistaugliche Ideen stehen.

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So hätten Haushaltsbefragungen, Diskussionsrunden und diverse Veranstaltungsformate gezeigt: Viele Marienthaler finden das Projekt gut. Aber wenn es an die eigene Bequemlichkeit geht, wird es schwierig. Dabei müsse die Energieversorgung der Zukunft nicht nur klimaneutral, sondern auch sozialverträglich und bezahlbar sein. "Wenn wir auch in 200 Jahren noch einen lebenswerten Planeten wollen, wird es unter dem Strich darauf hinauslaufen, für weniger Energie mehr zu bezahlen. Dafür müssen wir die Kosten anders aufteilen", so der Professor.

Wie das am Beispiel Marienthal gehen könnte, spielen die Forscher anhand eines Teilgebiets gerade durch. Im Frühjahr wollen sie dann Ergebnisse vorlegen.

(tiw)