Erfahrungswerte: Leica M9 – eine Liebesgeschichte

Experimentierfreude

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Das Auspacken der Kamera erinnert an das von Apple-Produkten. Es ist alles schön durchdacht, sieht gut aus und macht einfach Spaß. Die Kamera an sich erinnert eher an die Technologiesteinzeit: Sie ist klobig und massiv. Zum Testen standen mir die folgenden Objektive zur Verfügung: Summarit 35mm (1:2,5), Summarit 50mm (1:2,5) und das Summilux 50mm (1:1,4).

Die ersten drei Tage waren deprimierend. Die Einstellerei des Objektives war für einen Auto-Fokus-Warmduscher wie mich eine Qual, das ganze Messsuchersystem völlig ungewohnt. Ein paar Mal habe ich ein Bild sogar mit einem Deckel auf dem Objektiv gemacht. Das bestraft die M9 mit einer langen Belichtungszeit, die man nicht abbrechen kann, und einer zweiten Aufnahme mit geschlossenem Verschluss, um für die Rauschunterdrückung bei langen Belichtungen ein Vergleichsbild zu bekommen. Der automatische Weißabgleich ist viel schlechter als bei der Canon; kein echtes Problem, aber trotzdem ärgerlich. Die mittenbetonte Belichtungsmessung war auch nicht mein Ding. Aber hin und wieder gelang auch mal ein Glückstreffer und der hielt mich bei der Stange. Am vierten Tag beschloss ich dann, meine Theoriekenntnisse zu verbessern. Eine moderne Spiegelreflexkamera nimmt einem wahnsinnig viel ab und man verlernt dadurch ein wenig das Denken vorm Abdrücken. Ich fand die kleinen digitalen Helfer immer gut, aber mir wurde langsam bewusst, dass ich das Phänomen Leica M nur über mehr fotografisches Handwerk verstehen konnte.

Ich fing damit an, die Zeitautomatik der M9 und damit meinen geistigen Autopiloten auszuschalten. Ich fühlte mich um mindestens zwei Technik-Generation zurückgesetzt und begann mit den drei Einstellungen: ISO-Wert, Blende und Belichtungsdauer systematisch zu experimentieren. Schnell war klar, dass hohe ISO-Zahlen eher ein Talent der 5D, aber auf keinen Fall der M9 waren. Die mittenbetonte Belichtungsmessung ist für jemanden, der bei einer Spiegelreflexkamera einen einzelnen Punkt anmessen kann, gewöhnungsbedürftig. Da muss man: a) sich reinlesen, b) viel ausprobieren und c) im Zweifelsfall ein Probebild machen und damit nachjustieren. Meine ganze Arbeitsweise änderte sich. Mein Fotografieren wurde vorausschauender und überlegter. Ich schoss mich schnell auf die Summilux 50mm Optik mit 1:1,4 Lichtstärke ein.

In der zweiten Woche verstand ich, warum die für mich ursprünglich antiquiert anmutende Bedienweise der M9 so praktisch ist. Am Anfang macht man sich kurz Arbeit und stellt die Kamera für die gegebene Situation optimal ein. Danach wartet man auf den richtigen Moment und drückt ab. Bei der 5D entscheide ich mich meistens für eine Zeitautomatik und einen bestimmten ISO-Wert. Dabei gebe ich die Blende vor und fokussiere mit halbgedrücktem Auslöser. Dann gehe ich auf einen geeigneten Punkt zur Messung der Belichtung und speichere den durch Drücken eines weiteren Knopfes, den ich zu oft mit dem Knopf daneben verwechsle. Danach komponiere ich den Bildausschnitt und drücke den Auslöser ganz durch. Das wiederhole ich bei jedem Bild, auch wenn sich die Belichtung in dem entsprechenden Raum nicht ändert und sich das Hauptmotiv vielleicht auch gar nicht bewegt.

Ich hatte mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, aber die Bedienung der 5D war damit auch nicht gerade einfach. Bei ganz schlechten Lichtsituationen konnte man zudem auch mit der 5D nur ohne Autofokus arbeiten. Dann verzweifelt man aber schnell, weil diese Generation von Kameras dem Fotografen im Sucher keine Hilfestellung gibt: Schnittbild- und Mikroprismen-Mattscheiben waren gestern.

Augenfokus: Funktioniert auch durch spiegelnde Glasflächen.

Bei der M9 ist der Workflow anders. Auch hier entscheide ich mich am Anfang für einen bestimmten ISO-Wert, den ich im Menü einstelle. Dann stelle ich die Blende ein. Das Einstellrad klickt pro Einstellstufe. Mit etwas Übung geht das auch ohne hinzuschauen. Zum Schluss fokussiert man auf das gewünschte Objekt und misst die Belichtungszeit an einem dafür geeigneten Bereich im Bild. Die Belichtungszeit stellt man mit einem Einstellrad – meist auch wieder ohne hinzuschauen – ein. Die Kamera hilft dem Fotografen mit Pfeilen nach rechts oder links am Fuße des Bildes. Ein runder Punkt ohne Pfeil zeigt an, dass die Belichtung jetzt laut mittenbetonter Belichtungsmessung optimal ist. Ich gebe zu, dass ich hier ganz gerne die Belichtungszeit am unteren Rand eingeblendet bekommen würde. Bei der Zeitautomatik ist dieses Feature merkwürdigerweise aktiv.

Klingt reichlich unpraktisch? Dachte ich mir zuerst auch. Aber der Charme dieser initialen Arbeit liegt darin, dass man dann für die nächsten Bilder in der gleichen Situation "good to go" ist. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich zeitgleich mehrere Faktoren ändern. Normalweise bewegt sich nur das Objekt und man muss nachfokussieren, aber man muss in dem Fall nicht die Belichtungszeit neu einstellen. Man erarbeitet sich einmal eine bestimmte Situation und kann sich dann ganz auf das Bild konzentrieren. Nur fürs Protokoll: Auch die M9 hat zusätzlich zur Zeit- auch eine aktivierbare ISO-Automatik, der man ein Maximum vorgeben kann.

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