Europas wachsender LNG-Bedarf: Ärger in Indien und neue Profiteure

Flüssigerdgas (LNG) spielt bei Europas Energieimporten eine immer größere Rolle – und das nicht erst wegen Russland. Das sorgt aber auch für neue Konflikte.

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Ein LNG-Schiff von oben

(Bild: Aerial-motion / Shutterstock.com)

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Die durch den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine angestoßene Neuordnung der Energieimporte Europas sorgt nicht nur für Profiteure, sondern auch für neue Konflikte und Leidtragende: Laut einem Medienbericht ist Indien verstimmt darüber, dass Deutschland vertraglich vereinbarte Flüssigerdgas-Lieferungen ausgesetzt hat. Die Zuständigkeit Deutschlands ist durch die Verstaatlichung eines Tochterunternehmens des russischen Gaslieferanten Gazprom entstanden.

Wie die US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet, hatte im April die Bundesnetzagentur die Gazprom Germania treuhänderisch übernommen, um eine Pleite zu verhindern. Das Unternehmen galt mit Blick auf die Erdgasimporte aus Russland als systemkritisch, ihm gehören unter anderem 28 Prozent der Gasspeicher in Deutschland. Russland belegte die daraufhin in Securing Energy for Europe (SEFE) umbenannte Firma aber mit Sanktionen, sodass diese in Lieferschwierigkeiten geriet.

Hiervor ist unter anderem die indische GAIL betroffen, ein staatliches Unternehmen, das dem indischen Energieministerium unterstellt ist. Indien beklagt, dass seit Mai bereits 17 LNG-Ladungen von deutscher Seite storniert wurden. Zwar zahle die Sefe Konventionalstrafen, die 20 Prozent des vertraglich vereinbarten Preises entsprechen. Indien verlange aber, dass stattdessen das Gas anderweitig beschafft wird – dies würde die Sefe und damit Deutschland jedoch deutlich teurer kommen.

Neben Indien bekommen auch andere Länder in Asien die Auswirkungen des hohen LNG-Bedarfs in Europa zu spüren. Gashändler taktieren zum Beispiel mit Schiffen und lassen diese vor Europa liegen, in der Erwartung höherer Preise. Dies und die ohnehin explodierende Nachfrage nach Flüssigerdgas sorgen dafür, dass die Frachtpreise nach Asien unbezahlbar werden.

Die bereits erfolgte und geplante Ausweitung russischer Gasimporte im vergangenen Jahrzehnt, unter anderem mit dem Bau der Pipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee, war eine Folge der versiegenden Eigenversorgung Europas. So waren zum Beispiel die Niederlande bis zum Jahr 2017 ein Exporteur von Erdgas, der auch umliegende Nachbarstaaten wie Deutschland mit versorgte. Schwindende Fördermengen führen dazu, dass das Land seit 2018 selbst importieren muss – nach Angaben der niederländischen Statistikbehörden machen Importe per Pipeline und LNG inzwischen einen Anteil von 14 Prozent des nationalen Gasverbrauchs aus.

Durch den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, die Einstellung der Gaslieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 und die Sabotage an den beiden Nord Stream-Leitungen muss Europa auf die Schnelle umsetzen, was bislang erst mittelfristig geplant war. So existierten Bauvorhaben für LNG-Terminals wie in Wilhelmshaven schon seit vielen Jahren – ihre Fertigstellung war bislang aber frühestens Ende des Jahrzehnts geplant.

Auf die Schnelle müssen nun auch neue Lieferanten gefunden werden. So hat die verstaatlichte Uniper kürzlich eine Absichtserklärung mit der israelischen Firma NewMed Energy unterzeichnet, um Erdgas in tiefkaltem flüssigen Zustand per Schiff von Israel nach Europa zu importieren. Wie unvorbereitet der Weltmarkt auf das schnelle Umschwenken ist, zeigt sich schon daran, dass etwa bei Kältetanks für LNG-Schiffe eine französische Firma nahezu allein die Technik liefert. Das berichtet das Handelsblatt.

Laut der U.S. Energy Information Administration kam der größte Anteil der LNG-Lieferungen nach Europa im Jahr 2021 aus den Vereinigten Staaten, Katar und Russland. Deren Anteil machte zusammen allein rund 70 Prozent aus. Weitere große Lieferanten sind Nigeria und Algerien.

(mki)