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Experten: Britische Regierung bietet Millionen für falsche Satelliten

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Gesucht wird eine GPS-Alternative, geboten wurde für Kommunikationssatelliten. Das Engagement der Regierung Johnson erscheint als gewagter Technologie-Poker.

Die britische Regierung plant, rund 500 Millionen Pfund in das in Insolvenz befindliche [1] Start-Up OneWeb zu investieren. Die Regierung um Boris Johnson erhofft sich nach Angaben der BBC [2], dass die OneWeb-Satelliten zum Aufbau eines Positionsbestimmungssystems nutzen lassen. Durch den Brexit haben die Briten nur noch eingeschränkten Zugriff [3] auf Europas GPS-Alternative Galileo und sind auf der Suche nach Alternativen.

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Experten bezweifeln allerdings, dass sich das sich die OneWeb-Satelliten für diesen Zweck überhaupt nutzen lassen. "Ja, wir haben die falschen Satelliten gekauft", zitiert der Guardian Dr. Bleddyn Bowen von der Universität Leicester. "OneWeb arbeitet wie Elon Musks Starlink als Mega-Konstellation von Satelliten in einer tiefen Erdumlaufbahn. Sie werden genutzt, um die Menschen am Boden mit dem Internet zu verbinden". Bowen bezweifelt, dass man ein Positionierungssystem mit der Präzision eines GPS mit den Kommunikationssatelliten von OneWeb aufbauen kann.

In die gleiche Kerbe schlägt Giles Thorne, Analyst bei der auf Wachstumsunternehmen spezialisierten Investmentbank Jefferies. "Für mich sieht es danach aus, als ob hier der Nationalismus vor solider Industriepolitik gestanden hätte". Das amerikanische GPS, das russische Glonass, das chinesische BeiDou und Europas Galileo: Alle bekannten Positionierungssysteme befänden sich in der mittleren Erdumlaufbahn auf etwa 20000 km Höhe. Die OneWeb-Satelliten, von denen bereits 74 gestartet seien [5], sind hingegen erdnah auf 1200 km Höhe unterwegs.

Thorne billigt der britischen Regierung immerhin eines zu: "Im Zweifel für den Angeklagten". Wenn es der Regierung darum gehe, ein eigenes Positionierungssystem an den Start zu bringen, die heimische Space-Industrie zu stützen und ein starkes Signal an die Welt zu senden, könnte man mit dem OneWeb-Investment vielleicht günstiger und schneller ans Ziel kommen, als mit einem komplett neu zu entwickelnden Positionierungssystem. Am Ende käme die Umnutzung der OneWeb-Satelliten zur Galileo-Alternative jedoch einer Quadratur des Kreises gleich.

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[7]

(sha [8])


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https://www.heise.de/-4797362

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/meldung/Satelliten-Firma-OneWeb-stellt-US-Insolvenzantrag-4692701.html
[2] https://www.bbc.com/news/uk-politics-53192842
[3] https://www.heise.de/meldung/Britische-Regierung-will-Satellitensystem-Galileo-klonen-4146716.html
[4] https://www.heise.de/newsletter/manage/ho?wt_mc=nl.red.ho.daily.meldung.link.link
[5] https://www.heise.de/meldung/Internet-OneWeb-bringt-34-weitere-Satelliten-mit-russischer-Rakete-ins-All-4687624.html
[6] https://www.heise.de/meldung/Studie-Starlink-Co-wuerden-Astronomie-teilweise-stark-beeintraechtigen-4676649.html
[7] https://www.heise.de/ct/
[8] mailto:sha@ct.de