FOSDEM: Linux-Distribution AOSC OS/Retro für richtig alte Kisten

Kann ein modernes Linux-System einen Pentium- oder gar 486er-PC aus den 90ern noch sinnvoll antreiben? AOSC OS/Retro haucht alter Hardware neues Leben ein.

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Aufmacherbild FOSDEM22: Linux-Distri AOSC OS/Retro

(Bild: AOSC.io / Mingcong Bai)

Von
  • David Wolski

Auf der FOSDEM 22 haben die Macher der minimalistischen Linux-Distribution AOSC OS eine Retro-Ausgabe für richtig angestaubte PCs aus den 90er Jahren vorgestellt. Das System läuft laut der Entwickler auf alten Rechnern mit 486er-CPU oder PowerPC G3 mit mindestens 16 MB RAM stabil.

Es startet eine Konsole mit bash-Kommandozeile oder auf Maschinen mit leistungsfähigeren Prozessoren der Pentium-Klasse und mehr Arbeitsspeicher auch den Window-Manager IceWM. Klar, verwöhnt wird man hier nicht. Einer der Entwickler hinter AOSC OS/Retro hat auch gleich betont, auf welche bescheidenen Umstände man sich hier einlässt: Allein die heutige Version des Prozessmonitors htop in der Shell verbrät auf einem 80486SX-Prozessor schon 16 Prozent der verfügbaren CPU-Zyklen.

Rechenintensives und speicherhungriges Tool htop: Was auf modernen PCs und sogar auf den ersten Raspberrry-Pi-Platinen kaum ins Gewicht fällt, frisst auf einem 486er-PC erhebliche Systemressourcen.

(Bild: Mingcong Bai 楍杮潣杮)

Dies zeigt die Schwierigkeit, für eine Linux-Distribution für Retro-Computing eine sinnvolle Auswahl an Programmen zu treffen. Denn nicht alles, was auf sehr alten PCs unter Linux in 32 Bit noch kompilierbar ist, läuft auch ansprechend oder mit sinnvoller Geschwindigkeit.

Obwohl der Linux-Kernel von Linus Torvalds zunächst für eine 386er-CPU gedacht war, die den für Multitasking wichtigen Protected Mode sowie 32-Bit-Adressen ermöglichte, laufen aktuelle Kernel nicht mehr auf diesen alten Prozessoren. Denn die Unterstützung für den 386er hat schon der Kernel in Version 3.8 entfernt.

Die i486-Prozessorarchitektur und die ebenfalls sehr alte PowerPC-Architekture sind aber geblieben. Die verbreiteten Linux-Distributionen bieten dafür aber keinen Kernel oder vorkompilierte Pakete mehr an, auch die leichtgewichtigen Varianten nicht. Es gibt lediglich eine Reihe von Live-Systemen wie Slax und Porteus, aber auch diese sind noch zu schwergewichtig.

AOSC OS/Retro schöpft deshalb aus den eigenen Paketquellen der regulären AOSC-Distribution, ein ebenfalls altmodisches Linux-System mit Anleihen bei Debian. So nutzt AOSC das deb-Paketformat und den Paketmanager dpkg.

Da enden die Gemeinsamkeiten auch schon, denn AOSC verfolgt andere Ziele: Paketquellen und Abhängigkeiten sind stark vereinfacht und die Software im Paket-Repository ist nah an den Upstream-Versionen, um den Aufwand für Maintainer gering zu halten. Es gibt zudem eine Fokussierung auf asiatische Sprachen wie Chinesisch, Japanisch und Koreanisch, da dort die meisten Anwender von AOSC zuhause sind.

Für die Retro-Ausgabe genügte es nicht, einfach alles inklusive Kernel noch mal für i486 neu zu kompilieren – weitere Anpassungen verlangen etwa nach alten Kernel-Modulen für Floppy- und IDE-Laufwerke. Der Speicherbedarf von initialer Ramdisk und Kernel musste reduziert werden. Und schließlich liefert AOSC OS/Retro auch eine abgespeckte Version des Init-Systems systemd mit, was exemplarisch zeigt, dass diese Linux-Distributionen altes mit neuem verbinden will.

Nur weil die Hardware retro ist, müssen es die Komponenten des Linux-Systems nicht auch sein, so das Argument pro systemd im Talk. Mit dem Verzicht auf Features gibt sich AOSC OS/Retro laut Hardwarevoraussetzungen schon mit 12 MByte RAM und 32 MByte Swap zufrieden. Auf der Festplatte verlangt es mindestens 800 MB Speicherplatz für eine Installation.

Wie der Entwickler Mingcong Bai in seinem Talk betont, wird auch AOSC OS/Retro aus einem 486er kein System für den alltäglichen Gebrauch machen. Er betrachtet es als lohnenswertes, wenn auch bisweilen anstrengendes Hobby und als Weg, viel über den Linux-Kernel und Softwarekomponenten einer Distribution herauszufinden.

Auch Anwendern verlangt AOSC OS/Retro einiges ab, denn es gibt lediglich einen textbasierten Installer in einem bootfähigen Minimalsystem. Und selbst dieses Tool ist auf richtig alten PCs mit weniger als 32 MB RAM nicht verwendbar. Darunter bleibt nur manuelles Bootstrapping, das im Wiki des Projekts dokumentiert ist.

Auf der Webseite zur FOSDEM 22 ist der gut strukturierte Talk mittlerweile als Video abrufbar. Auf den Seiten zu AOSC gibt es Screenshots zum laufenden System. Der Entwickler Mingcong Bai hat für Nostalgiker zudem eine Galerie mit Altgeräten angelegt, auf welchen eine Installation von AOSC OS/Retro erfolgreich war.

(dmk)