FOSDEM: Wie Matrix das europäische Open-Source-Treffen ins Web brachte

Das dezentrale Messaging-Protokoll Matrix ermöglichte die virtuelle FOSDEM. Die Entwickler hatten in ihren Web-Client extra neue Funktionen integriert.

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(Bild: alphaspirit/Shutterstock.com)

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  • Fabian A. Scherschel

Wie alle anderen Konferenzen dieser Tage auch, fand das größte europäische Open-Source-Developer-Treffen FOSDEM dieses Jahr komplett im Web statt. Wie genau das Team aus Freiwilligen das mit Hilfe der Matrix.org Foundation auf die Beine gestellt hat, erklärte Matrix-Projekt-Chef Matthew Hodgson am Sonntag in seinem Vortrag vor einem großen (virtuellen) Publikum.

Die digitale Konferenz verlief bis auf einen kleinen technischen Defekt am Samstagmorgen ohne Probleme und die Server scheinen den großen Ansturm von Open-Source-Entwicklern gut verkraftet zu haben. Der dezentrale Messaging-Dienst Matrix hat sich damit auch für diesen Einsatzzweck bewährt.

Die Vorträge auf der diesjährigen FOSDEM wurden fast alle vorher aufgezeichnet und sind mit Hilfe der Videobridge-Funktionalität des Open-Source-Videokonferenzdienstes Jitsi über den Livestream der Konferenz ausgestrahlt worden. Für die Frage-und-Antwort-Runden nach den Vorträgen wählten sich die Redner direkt per Jitsi ein und konnten so ebenfalls in den Livestream geschaltet werden. Für jeden der parallelen Konferenz-Tracks gab es außerdem eigene Matrix-Chaträume und in speziellen Chaträumen für die einzelnen Vorträge konnte man sich mit den Vortragenden direkt austauschen.

Um das Ganze nahtlos zu integrieren, nutzten die Matrix-Entwickler ihre Widget-Funktion. Widgets bei Matrix sind im Grunde iFrames, mit denen sich beliebige Web-Apps in den Chat einbetten lassen. Auf diese Weise wird in den Chaträumen für die Konferenz-Tracks der über die Jitsi Videobridge ausgespielte Livestream angezeigt. Dieses Feature haben die Matrix-Entwickler speziell für die diesjährige FOSDEM-Konferenz entwickelt.

Außerdem haben sie extra für die Konferenz eine neue Funktion eingebaut, mit deren Hilfe sich Nutzer einfacher anmelden können. Diese Single-Sign-On-Umsetzung erlaubte es, sich mit Hilfe eines GitHub-, GitLab-, Apple-, Google- oder Facebook-Kontos anzumelden. Hodgson betonte, dass man zwar vermeiden wolle, dass Nutzer-Konten von diesen Drittanbietern kontrolliert (und somit auch gelöscht) werden können, es aber wichtig war, die Hürden zur Teilnahme am FOSDEM-Chat möglichst gering zu halten.

Teilweise funktionierten diese neuen, extra für die FOSDEM entwickelten, Angebote noch nicht auf Mobilgeräten und die Patches für das Video-Widget sind auch wohl noch nicht richtig im Upstream-Code des Element-Clients angekommen. Hodgson gab zu, dass das Ganze etwas auf Kante genäht wurde, man aber froh war, es rechtzeitig für die FOSDEM auf die Beine stellen zu können. Er selbst hatte seinen Vortrag am Abend des ersten FOSDEM-Tages am Samstag aufgezeichnet, um noch auf etwaige Änderungen eingehen zu können und das System in Aktion zu sehen, bevor er darüber in seinem Vortrag berichtete.

So sieht es für den Vortragenden aus, dieses Jahr auf der ersten virtuellen FOSDEM zu sprechen. Die Entwickler haben extra für die Konferenz neue Funktionen in den Element-Client des Chatprotokolls Matrix integriert.

(Bild: Fabian A. Scherschel)

Insgesamt hielten fünf Jitsi-Server den Betrieb des Livestreams am Laufen. Dazu kamen 50 Jibri-Server, einen für jeden der einzelnen Video-Livestreams, welche jeweils eine Jitsi-Session aufzeichneten und über einen eigenen Webserver öffentlich ausstrahlen.

Die Matrix-Infrastruktur wird mit Kubernetes gehostet und skaliert deswegen dynamisch. Zum Zeitpunkt von Hodgsons Vortrag am Sonntag waren 16 Worker-Instanzen aktiv, um die Matrix-Chaträume der Konferenz zu hosten. Insgesamt verlief fast die gesamte Konferenz reibungslos. Allerdings gab es ganz zu Anfang ein paar technische Probleme, da die Veranstalter sich bei der Skalierung der Server mit der Einschätzung verschätzt hatten, welcher Konferenz-Track am meisten Besucher anziehen würde. Das brachte die FOSDEM-Server kurzfristig aus dem Takt, konnte aber schnell korrigiert werden.

Am Ende seines Vortrages stellte Hodgson dann noch vor, wohin es mit dem Matrix-Projekt in naher Zukunft gehen soll. Momentan arbeiten die Entwickler an einer grundlegenden Umstrukturierung von Chaträumen, Gruppen und Communities. Eine neue Funktion namens "Spaces" soll die Gruppen und Communities ersetzen und es erlauben, einzelne Anwender und Chaträume sehr flexible in verschiedene Organisationsstrukturen einzubetten. Das soll mehr Einsatzzwecke für Matrix als allgemeines Kooperationswerkzeug schaffen und das Chatprotokoll flexibler machen. Man lerne dabei aus den vielen Organisationen und Behörden, die Matrix und verschiedene Clients für das Protokoll aktiv im Einsatz haben – dazu gehört in Deutschland unter anderem die Bundeswehr.

Das Spaces-Feature ist im Entwicklungszweig von Matrix und dem von den selben Entwicklern entwickelten Element-Client bereits enthalten, bisher aber noch nicht ganz bereit für den produktiven Einsatz. Das soll sich laut Hodgson aber bald ändern. Sobald das Feature fertig ist, soll es die alte Gruppen- und Communities-Struktur ablösen. Die bestehende Organisation eines Matrix-Servers soll dann reibungslos auf das neue Modell umgebogen werden. In seinem Vortrag gab Hodgson auch einen kleinen Einblick, wie Spaces momentan aussehen. Eine Aufzeichnung des Livestreams sollte zeitnah auf der FOSDEM-Webseite zur Verfügung stehen.

(kbe)