FSF: Streit wegen Richard Stallman führt zu Veränderungen auf Führungsebene

Stallmans Rückkehr zur Free Software Foundation stößt vielen, wenn auch längst nicht allen sauer auf. Die FSF-Führungsetage sortiert sich in der Konsequenz neu.

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(Bild: Portrait Image Asia / Shutterstock.com)

Von
  • Olivia von Westernhagen

Richard Stallmans Rückkehr in den Vorstand der 1985 von ihm gegründeten Free Software Foundation (FSF) hat in der vergangenen Woche für viel Empörung gesorgt. In einem offenen Brief hatten Teile der Open Source-Szene Stallmans sofortige Entfernung von allen Führungspositionen inklusive des von ihm begründeten GNU-Projekts sowie einen Rücktritt des derzeitigen FSF-Vorstands gefordert. Stallman wurden in dem Schreiben unter anderem frauen- und transfeindliche Positionen vorgeworfen.

Die FSF selbst ist den Kritikern mittlerweile zumindest teilweise entgegengekommen und hat Änderungen der derzeitigen Führungsriege sowie auch beim künftigen Besetzungsprozess von Führungspositionen angekündigt. Einige wurden bereits umgesetzt, andere ergaben sich quasi von selbst – nämlich durch freiwillige Rücktritte bisheriger Vorstandsmitglieder bis hin zur Rücktrittsankündigung des FSF-Präsidenten Geoffrey Knauth.

Stallmans Unterstützer hatten auf die massiven Proteste ihrerseits mit einem ebenfalls am 23. März veröffentlichten offenen Brief reagiert. Dieser wurde mittlerweile mehr als 4200 Mal unterschrieben. Über das tatsächliche Kräfteverhältnis sagt diese Zahl indes wenig aus: Während die Liste der Unterstützer primär Einzelpersonen aufführt, wurde der Brief der Stallman-Kritiker (mit derzeit "nur" rund 2800 Unterschriften) auch von großen Open-Source-Organisationen wie Mozilla, der Gnome Foundation und dem Tor-Projekt mit entsprechend hohem Einfluss unterzeichnet. Auch die Free Software Foundation Europe (FSFE), eine unabhängige Schwesterorganisation der FSF, fordert einen erneuten Rücktritt Stallmans.

Die praktischen Folgen des schwindenden Rückhalts der FSF bei Organisationen und Unternehmen werden etwa an der Reaktion des Unternehmens Red Hat auf die Stallman-Rückkehr deutlich: Red Hat kündigte vergangene Woche an, der FSF vorerst keine finanziellen Mittel mehr zur Verfügung stellen zu wollen. Stallmans Rückkehr habe Wunden geöffnet, von denen man geglaubt habe, dass sie nach seinem Weggang langsam heilen könnten. Zugleich äußerte das Unternehmen aber auch den Willen, gemeinsam mit der FSF und anderen daran zu arbeiten, dass die Foundation wieder zu Vertrauenswürdigkeit und ursprünglichen Zielen zurückfinde.

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In einem ersten Statement der FSF von vergangener Woche hatte diese deutlich ihre Bereitschaft zur Veränderung signalisiert. Unter anderem hatte sie angekündigt, einen transparenten formellen Prozess für die künftige Auswahl und Ernennung von Mitgliedern des FSF-Vorstands ("Board of Directors") einzuführen. Für (externe) Unterstützer der FSF werde man mehr Möglichkeiten schaffen, sich an den zugehörigen Diskussionen zu beteiligen.

Darüber hinaus wolle die Foundation so bald wie möglich damit beginnen, auch alle bisherigen Vorstandsmitglieder nachträglich diesem neuen Prozess zu unterziehen um zu entscheiden, wer von ihnen im Vorstand verbleiben könne. Stallmans Name wird im Statement nicht explizit genannt; klar ist aber wohl, dass die FSF im Zuge der Prüfung des bestehenden Board of Directors auch seine Eignung nachträglich auf den Prüfstand stellen wird.

Die FSF habe sich selbst eine Deadline von 30 Tagen gesetzt, um die genannten Änderungen nebst möglicherweise notwendiger Satzungsanpassungen zu implementieren, heißt es im Statement. Bereits in die Tat umgesetzt wurde eine weitere Ankündigung der FSF, nämlich jene, einen "Staff Representative" (Personalvertretung) in den Vorstand aufzunehmen: Diesen Posten übernimmt künftig der als Senior Systems Administrator bei der FSF tätige Ian Kelling.

Eher beiläufig erwähnt die FSF in ihren aktuellen Veröffentlichungen auch einige Rücktritte und Rücktrittspläne von Vorstandsmitgliedern. Unter anderem nahm Kat Walsh kurz nach der Bekanntgabe von Stallmans Rückkehr ihren Hut. Zuvor hatte sie via Twitter erklärt, gegen seine Wiederaufnahme gestimmt zu haben; ob ihr Weggang unmittelbar mit der Entscheidung des Boards zu tun hatte, ist allerdings unklar. Am gestrigen Montag verkündete zudem John Sullivan zunächst ohne nähere Angabe von Gründen, seinen Posten als Executive Director nach 18 Jahren Arbeit für die FSF im Anschluss an eine Übergangsphase räumen zu wollen.

Auch der jetzige FSF-Präsident Geoffrey Knauth hat seinen Rücktritt in Aussicht gestellt. Im zugehörigen Statement der FSF heißt es, er "verpflichte sich selbst zum Rücktritt", sobald es solide Pläne für eine neue Führungsspitze gäbe, die sicherstellten, dass die bisherige Mission der FSF weitergeführt werden könne.

(ovw)