Sonderregeln für Promis auf Facebook: Wenig oder keine Moderation dank "XCheck"

Wer auf Facebook nicht erlaubte Beiträge teilt, muss eine Sperrung oder Account-Löschung befürchten. Für Promis gelten andere Regeln, enthüllt eine US-Zeitung.

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(Bild: Sam Wordley/dolphfyn/Shutterstock.com)

Von
  • Martin Holland

Millionen Accounts von Prominenten sind auf Facebook von den Regeln ausgenommen, die für die restlichen Nutzerinnen und Nutzer gelten. Sie fallen in ein Programm namens "XCheck", berichtet das Wall Street Journal. Teilen sie etwa Beiträge, die gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, dürfen diese – anders als bei anderen – erst einmal stehen bleiben, bis besonders gut ausgebildete Angestellte von Facebook sie geprüft haben. Deswegen hätten etwa Dutzende Millionen einen Beitrag des Fußballstars Neymar gesehen, der später auch bei Facebook als "rachepornografisch" eingestuft und gelöscht wurde. Weitere Konsequenzen hatte das für den brasilianischen Fußballer nicht.

Das Programm habe als eine Art Qualitätskontrolle für Maßnahmen gegen besonders publikumswirksame Accounts auf Facebook seinen Anfang genommen, schreibt die Zeitung weiter. Inzwischen umfasse es mindestens 5,8 Millionen Accounts, die entweder auf einer "Whitelist" stehen – und damit keinerlei Durchsetzung der Nutzungsbedingungen fürchten müssten – oder Material teilen dürfen, das nur von Festangestellten von Facebook überprüft werden darf. Das geschehe dann oft gar nicht. 2019 sei intern bei Facebook erkannt worden, dass diese Privilegierung innerhalb der Nutzerschaft nicht öffentlich zu verteidigen sei. Sie widerspreche den öffentlichen Aussagen über die eigene Plattform.

Die Ungleichbehandlung erklärt das Wall Street Journal anhand eines Beitrags von Neymar. Nachdem eine Frau dem brasilianischen Fußballer 2019 vorgeworfen hatte, sie vergewaltigt zu haben, habe dieser auf Facebook und Instagram Videos veröffentlicht, in denen er sich verteidigte. Gezeigt habe er dabei auch WhatsApp-Nachrichten, die er mit der Frau ausgetauscht hatte. Zu sehen waren demnach nicht nur ihr Name, sondern auch Nacktbilder von ihr. Normalerweise würden "nicht einverständlich intime Bilder" umstandslos gelöscht, stattdessen habe XCheck das Moderationsteam aber genau daran gehindert. Bevor es dann nach einer Entscheidung des Facebook-Managements gelöscht worden sei, hätten 56 Millionen Accounts die Inhalte gesehen, sie seien 6000 Mal geteilt worden. Trotz dieser Verbreitung von "Revenge Porn" habe Neymars Account aktiv bleiben können.

Solcherart geschützt sind demnach Millionen Accounts, die meisten Facebook-Angestellten dürften welche hinzufügen. Was bei "normalen" Nutzern zur Löschung oder gar Sperrung führt, habe für diese oft keine Konsequenzen. Allein 2020 habe XCheck Beiträge zugelassen, die insgesamt mindestens 16,4 Milliarden Mal angesehen wurden, bevor sie dann doch gelöscht worden seien. Diese Details stammen dem Wall Street Journal zufolge aus Dokumenten, die deutlich machten, dass Facebook um die vielen Mängel auf der eigenen Plattform wüsste. Einige seien nicht nur an die Zeitung, sondern auch die US-Börsenaufsicht SEC gegangen. Ein Facebook-Sprecher habe die Kritikwürdigkeit anerkannt, bezeichnete die Informationen demnach aber auch als veraltet. Die Zeitung kündigt bereits weitere Enthüllungen an.

(mho)