Fachkräfteeinwanderung: Von Istanbul nach Essen

Ausländische Arbeitskräfte sollen den deutschen IT-Fachkräftemangel lindern. Das Interesse ist gering. Eine junge Türkin erzählt, weshalb sie gekommen ist.

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Zuwanderung, Arbeitsmarkt, Fachkräfte, Arbeitsplätze

(Bild: giggsy25 / shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Vor knapp zwei Jahren ist das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft getreten. Es soll die Einstellung von qualifiziertem und dringend benötigtem Personal wie IT-Fachkräften aus Drittstaaten, nicht EU, erleichtern. Das Gesetz gilt seit dem 1. März 2020, kurz darauf kam der erste Lockdown. Die Pandemie ist mit ein Grund dafür, dass in fast zwei Jahren gerade einmal etwa 250 Visa erteilt wurden. Wir haben die Erfahrungen einer IT-Fachfrau aus der Türkei mit der Einwanderung protokolliert.

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Ece Koçak

"Mein Name ist Ece Koçak, ich bin Ingenieurin, 31 Jahre und habe an der Technischen Universität Istanbul Mathematical Engineering studiert und einen Bachelor-Abschluss. Anschließend wollte ich in Deutschland meinen Master machen. An der Universität Paderborn habe ich zunächst an einem Deutschkurs teilgenommen, dann zwei Semester Informatik, daraufhin ein Semester Mathematik studiert. Meine Deutschkenntnisse waren aber nicht ausreichend, um den Vorlesungen folgen zu können. Ich dachte mir, dass es sinnvoll ist, nun erst einmal Berufserfahrung zu sammeln und meine deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern.

Dafür bin ich zurück nach Istanbul. Dort habe ich 2017 bei adesso Turkey, der türkischen Landesgesellschaft des deutschen IT-Dienstleisters adesso, als Software-Test-Analystin angefangen. Nach zwei Jahren wurde ich Teamleiterin und ein Jahr später leitende Testingenieurin. Wir haben Software getestet, die für Kunden entwickelt wurde, meist sind es Web-Applikationen gewesen, manchmal auch Desktop-Anwendungen.

In meinem Studium habe ich die Programmiersprache Java gelernt und als Werkstudentin bei einem türkischen IT-Unternehmen als Softwareentwicklerin auf der Plattform Android gearbeitet. Das hat mir Spaß gemacht und so kam ich zu dem Entschluss, nach meinem Studium in der IT zu arbeiten.

In der Türkei herrscht ein ähnlicher Mangel an IT-Fachkräften wie in Deutschland. Wie sehr von den Unternehmen IT-Dienstleistungen nachgefragt werden, zeigt das Wachstum von adesso in der Türkei: als ich angefangen habe, waren wir 45 Mitarbeitende, vier Jahre später sind es schon rund 380 gewesen. Wegen Corona wird auch von zu Hause gearbeitet.

Mit interessanten Projekten versuchen türkische IT-Unternehmen Fachpersonal zu gewinnen und sie bezahlen höhere Gehälter als andere Branchen in der Türkei, außerdem bieten sie Zusatzleistungen. Dazu gehört Geld fürs Mittagessen und es gibt Shuttle-Busse, die Mitarbeiter morgens von zu Hause abholen, zur Arbeit bringen und abends zurück.

Ich habe mich bei adesso beworben, weil ich im Hinterkopf hatte, irgendwann wieder nach Deutschland zurückzukommen. Bei einem deutschen Unternehmen sind die Chancen dafür gut und ich konnte meine - wenn auch bescheidenen Sprachkenntnisse – in Projekten im Kontakt mit den deutschen Kollegen einbringen.

Eine Alternative war für mich adesso Schweiz. In meinem letzten Projekt in der Türkei hatte ich zweieinhalb Jahre mit den Schweizer Kollegen einen Schweizer Kunden betreut. Daher kannte ich einige Kollegen in Zürich. In der Schweiz ist der Verdienst hoch. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten so hoch, dass sie das höhere Einkommen aufzehren und am Ende wahrscheinlich nicht mehr Geld übrigbleibt als in Deutschland.

Noch vor Corona habe ich meinen Teamleiter informiert, dass ich innerhalb der Firma wechseln möchte. Das ist nichts Besonderes, da es sich um einen internen Wechsel innerhalb des Unternehmens handelt, den die Firma unterstützt. Ich habe ich mich als IT-Beraterin mit dem Schwerpunkt Softwaretesten beworben. Es folgten mehrere Bewerbungsgespräche: mit der Personalabteilung, meinem künftigen Teamleiter, dem Leiter des Testbereichs. Alle waren sich einig, dass ich gut ins Team und zur Aufgabe passen würde, deshalb wollten sie mich haben.

Daraufhin habe ich mich ab Dezember 2020 um ein Visum aufgrund des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes gekümmert. Schon zur Monatsmitte hatte ich mein erstes Gespräch im deutschen Konsulat in Istanbul. Innerhalb einer Woche besorgte ich alle notwendigen Dokumente für den Antrag. Dazu zählen die Anerkennung meines Bachelor-Abschlusses aus der Türkei in Deutschland, außerdem eine Erklärung meines Arbeitgebers über das Beschäftigungsverhältnis, ein Antrag auf Arbeitserlaubnis und eine Bescheinigung für die Aufnahme in einer Krankenversicherung.

Das HR-Team aus Deutschland hat mich bei den Formalitäten unterstützt. Wegen der Weihnachtszeit und Corona dauerte die Visaerteilung etwas länger als sonst, wurde mir gesagt. Trotzdem war der bürokratische Aufwand überraschend gering und das Visum bekam ich problemlos nach zehn Wochen. Am 1. März 2021 konnte ich bei adesso zunächst in Köln anfangen, später habe ich nach Essen gewechselt.

Ich berate Kunden in Deutschland im Softwaretesten und unterstütze dabei, Transparenz hinsichtlich der Qualität von Software zu schaffen. Anfangs war die deutsche Sprache eine hohe Hürde für mich, insbesondere im Consulting. Weil ich noch nicht so gut Deutsch sprach, hatte ich Lösungen zwar im Kopf, konnte sie aber nicht aussprechen. Deshalb habe ich mich anfangs zurückgehalten. Nach dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz muss man keine Sprachkenntnisse nachweisen. Ich habe parallel zum Einstieg einen Deutschkurs besucht. Mein Sprachschatz ist inzwischen gewachsen und ich habe es gelernt, mich meist treffend auszudrücken. Das erleichtert meine Arbeit sehr.

In der Türkei habe ich mit Freundinnen und Bekannten über meinen Umzug gesprochen. Da bekam ich immer wieder zu hören, die Deutschen seien sehr unterkühlt. Ich erlebe genau das Gegenteil: Die Deutschen sind sehr warmherzig. Außerdem bin ich in einem multikulturellen Team und werde hier von Kolleginnen und Kollegen unterstützt, wann immer ich Hilfe im Alltag oder bei der Arbeit brauche. Ich fühle mich in meinem neuen Job und in Deutschland pudelwohl.

Die Lebensqualität hier ist höher als in der Türkei. Dort habe ich zwar ganz gut verdient, es blieb aber nicht viel übrig, weil Istanbul eine teure Stadt ist und ich gut gelebt habe. Hier verdiene ich deutlich mehr und kann von meinem Einkommen etwas auf die Seite legen. Mein Arbeitsvertrag ist unbefristet, mein Visum auf zwei Jahre befristet. Ich werde einen Antrag auf eine Verlängerung für weitere zwei Jahre stellen. Danach bekomme ich eventuell eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Was die Zukunft bringt, weiß ich nicht. Stand heute habe ich vor, in Deutschland zu bleiben."

(axk)