Fernunterricht im zweiten Lockdown: Schlechtes Zeugnis für deutsche Schulpolitik

Auch im zweiten Lockdown schlugen sich deutsche Schulen nicht gut: Schulkindern ging immer noch viel Lernzeit verloren, stellen Forscher des ifo-Instituts fest.

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(Bild: Ivan_Karpov/Shutterstock)

Von
  • Axel Kannenberg

Auch bei den Schulschließungen im zweiten Corona-Lockdown kam für viele Schulkinder der Lernstoff zu kurz, wie eine Studie des ifo-Instituts ergeben hat. Demnach hätten Schulpflichtige Anfang 2021 im Schnitt 4,3 Stunden am Tag mit schulischen Tätigkeiten verbracht. Das seien zwar 45 Minuten mehr als noch während der ersten Schulschließungen im Frühjahr 2020 – aber immer noch 3 Stunden weniger als einem normalen Schultag aus der Zeit vor der Pandemie.

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Mehr Zeit, nämlich 4,6 Stunden, hätten die Kinder hingegen mit Fernsehen, Computerspielen und Smartphonenutzung verbracht. "Besonders bedenklich ist, dass 23 Prozent der Kinder sich nicht mehr als zwei Stunden am Tag mit der Schule beschäftigt haben", sagte der Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann. "Die Corona-Krise ist eine extreme Belastung für die Lernentwicklung und die soziale Situation vieler Kinder." Das ifo-Institut hat eigenen Angaben nach für die Studie deutschlandweit 2122 Eltern befragt.

Trotz besserer Zahlen als im ersten Lockdown war der digitale Fernunterricht wohl nach wie vor keine Selbstverständlichkeit: Für 26 Prozent der Kinder gab es laut Studie täglich gemeinsamen Unterricht, zum Beispiel per Video. 39 Prozent erhielten nur maximal einmal pro Woche Videounterricht; hier sei der Lernalltag vor allem vom eigenständigen Erarbeiten des Stoffs geprägt gewesen. Immerhin habe die Mehrheit der Kinder zu Hause Zugang zu Internet und Computer für den Heimunterricht.

Die Mehrheit der Eltern geht laut der ifo-Umfrage davon aus, dass ihr Kind pro Stunde zu Hause weniger lerne als im regulären Unterricht in der Schule. 22 Prozent gingen vom Gegenteil aus. Gerade leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler sowie Kinder von Nicht-Akademikern hätten daheim deutlich weniger effektiv und konzentriert gelernt. Auch sei für die Hälfte der Kinder die Situation während der zweiten Schulschließungen eine große psychische Belastung gewesen – beim ersten Lockdown sei das nur bei 38 Prozent der Fall gewesen. Rund ein Drittel der Eltern gab an, dass ihr Kind während der Pandemie zum Beispiel wegen Bewegungsmangel zugenommen habe.

Als positiv habe die Mehrheit der Eltern (56 Prozent) aber verbucht, dass ihr Kind durch die Schulschließungen gelernt habe, sich den Lernstoff eigenständig anzueignen. 66 Prozent gaben an, dass ihr Kind seinen Umgang mit digitaler Technik verbessert habe.

Dass nur eines von vier Kindern täglichen Onlineunterricht bekomme, sei enttäuschend, kommentierte Wößmann die Ergebnisse gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Er forderte, dies so schnell wie möglich allen Kindern zugänglich zu machen. Man müsse allen Schulen, die den Onlineunterricht hinbekämen, dankbar sein, betonte er. "Aber eigentlich wäre es eine politische Aufgabe." Den zuständigen Akteuren sei es aber auch mit langer Vorlaufzeit und nach eindringlichen Appellen von Eltern und Wissenschaft nicht gelungen, Distanzunterrichtskonzepte zu schaffen, die eine angemessene Beschulung aller Kinder und Jugendlichen sicherstellten.

Angesichts der großen Gefahr erneuter, weitreichender Schulschließungen im Laufe des Jahres könnten die Lernverluste der Kinder noch weiter steigen. Am besten wäre es, wenn die Bundesländer einheitliche Lösungen fänden, sagte Wößmann. Man brauche klare und verbindliche Konzepte für den Onlineunterricht. Derzeit seien die Strukturen aber so, dass sie nicht funktionierten. In vielen Bereichen fehle es dabei weniger am Geld, als daran zu handeln. Insgesamt bezeichneten die ifo-Forscher die Ergebnisse ihrer Untersuchung als "ernüchternd".

Derzeit gibt es unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern. So gibt es zum Beispiel in Bayern Distanzunterricht ab Inzidenzwerten von 100 in einem Landkreis oder einer Stadt. Andernorts ist der Grenzwert höher – etwa in Hamburg, wo er bei 200 liegt. Sachsen hat sich bei Schulen ganz von einer Kopplung des Inzidenzwertes verabschiedet.

(axk)