Flüssigerdgas: Erstes deutsches LNG-Terminal eröffnet

In Wilhelmshaven steht Deutschlands erstes Flüssigerdgas-Terminal kurz vor der Inbetriebnahme. Seeseitig sind die Bauarbeiten fertig.

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Bauarbeiten am Anleger für das LNG-Terminal in Wilhelmshaven im Sommer

(Bild: NPorts)

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Aus der Ferne betrachtet ist es das gewohnte Bild der vergangenen Wochen und Monate: Draußen auf der Seebrücke sind Baufahrzeuge und ein Kran zu erkennen, auf der anderen Seite des Deiches wird – hinter Stacheldraht und mit einem ständigen Polizeiaufgebot – an Rohrleitungen und dem Übergang zu einer 30 Kilometer langen Pipeline gearbeitet. Doch der Presserummel mit Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) zeigte an, dass am heutigen Dienstag etwas anders war: Das LNG-Terminal in Wilhelmshaven ist offiziell fertiggestellt. Bis Dezember sollen laut dem Energiekonzern Uniper auch die Arbeiten an Land abgeschlossen sein.

Die Eröffnung in Wilhelmshaven war vor allem ein symbolischer Akt. Bis dort – an einer einst für Chemikalientanker erbauten Seebrücke – wirklich flüssiges, tiefkaltes Erdgas mit Tankerschiffen angelandet wird, dauert es trotz früher Fertigstellung der Arbeiten auf See immer noch bis Mitte Dezember. Auch die Floating Storage- and Regasification Unit (FSRU), ein umgebautes Schiff, das das Erdgas wieder gasförmig macht, fehlt noch. Sie ist das Herzstück des Terminals, solange es noch keine an Land gebaute Anlage gibt.

Zwar sind die Gasspeicher für den Winter inzwischen voll, doch verflüssigtes Erdgas soll auch noch in den kommenden Jahren die Energieversorgung zusätzlich absichern. Klimaschützer kritisieren, es werde viel zu viel Infrastruktur gebaut.

Die Infografik zeigt, wie ein schwimmendes LNG-Terminal funktioniert

(Bild: RWE)

Ab Mitte Januar werden die LNG-Tanker in Wilhelmshaven eintreffen, heißt es aus der Landesregierung. Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) will noch ein zweites Terminal in der Stadt am Jadebusen ansiedeln: Wilhelmshaven II soll Ende 2023 starten, vorerst ebenfalls als Schwimmterminal.

In Stade hatte ein privates Konsortium bereits vor dem Krieg Russlands gegen die Ukraine angefangen, eine Anlage in der Nähe des Chemieparks mit dem US-Konzern Dow vorzubereiten. Ende 2023 soll dort eine schwimmende Plattform starten, Bauschritte wie Deichüberfahrten sind genehmigt. Ein fester Umschlagplatz soll bis 2026 fertig sein.

Ebenso noch in diesem Jahr soll in Brunsbüttel ein Schwimmterminal seine Arbeit aufnehmen. Der erste LNG-Tanker soll Ende Dezember festmachen. Parallel plant dort die German LNG Terminal GmbH eine feste Anlage, die voraussichtlich 2026 in Betrieb gehen könnte.

Im vorpommerschen Lubmin, wo auch die deutsch-russischen Gasleitungen Nord Stream 1 und 2 ankommen, will das Unternehmen Deutsche Regas mit einem schwimmenden Terminal LNG importieren. Zunächst war von einem möglichen Betriebsbeginn zum 1. Dezember zu hören – ob dies klappt, war zuletzt aber nicht klar. Die Arbeiten liegen laut Deutscher Regas im Zeitplan, es stehen jedoch noch Genehmigungen aus. Ein zweites Terminal soll in der zweiten Jahreshälfte 2023 in Betrieb gehen.

Wegen des Zeitdrucks in der Energiekrise wurden Planungsverfahren beschleunigt, die Landesregierungen legten allerdings Wert auf eine Veröffentlichung von Projektunterlagen. Kritiker können Einwendungen gegen die Vorhaben einreichen. Zu Wilhelmshaven I steht der Zeitplan bis auf Weiteres. Auch in Mecklenburg-Vorpommern liegen Dokumente zur Öffentlichkeitsbeteiligung aus. In Lubmin sind Beschwerden bis zum 28. November möglich – was eventuell zu Verzögerungen führen könnte.

Abgesehen von Anliegern der Häfen und Pipelines hat sich vor allem unter Natur- und Meeresschützern Widerstand formiert. So befürchten Vertreter mehrerer Umweltorganisationen durch die neuen Anlagen im Wasser mehr Stress für marine Ökosysteme. In Hamburg, wo es ebenfalls Prüfungen gab, soll die Verkehrsdichte im Hafen die Chancen für ein eigenes Terminal verringert haben. In Rostock zeigte eine Studie Probleme im Zusammenhang mit gleichzeitigen Rohöllieferungen auf.

Bisher erhalten Deutschland und andere europäische Länder das über die Niederlande, Belgien oder Frankreich aufgenommene LNG vor allem aus den USA. Zu den größten Exporteuren zählt auch Katar, Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bemühte sich auf einer Reise im Frühjahr um Lieferbeziehungen. Katar will dem Vernehmen nach Langfristverträge und verkauft bereits viel Gas nach Asien. Weitere wichtige LNG-Ausfuhrländer sind Australien, Malaysia oder Nigeria.

Wilhelmshaven I wird über eine 26-Kilometer-Pipeline an das überregionale Gasnetz angebunden. Sie führt bis zum Anschlusspunkt Etzel und ist laut Wirtschaftsministerium fast fertig. Die Leitung soll anfangs 10 Milliarden, später bis zu 28 Milliarden Kubikmeter pro Jahr transportieren und für Wasserstoff genutzt werden können.

In Stade wird das Gas direkt ins Netz des niederländischen Betreibers Gasunie eingespeist. "Dafür laufen die entsprechenden Vorbereitungen für das Genehmigungsverfahren", heißt es aus der Landesregierung. In Schleswig-Holstein wird vom Hafen Brunsbüttel aus bereits eine drei Kilometer lange Leitung gebaut. Die gesamte Anbindetrasse an das europäische Verbundnetz soll über 50 Kilometer lang werden.

Über die beiden Wilhelmshavener Schwimmanlagen sollen 10 Milliarden Kubikmeter wiederverdampftes Gas pro Jahr umgeschlagen werden können. Auch für die FSRU in Stade sind 5 Milliarden Kubikmeter vorgesehen. Die Planer des festen Terminals dort gingen bislang von etwa 13 Milliarden Kubikmetern aus – was für bis zu 15 Prozent des deutschen Gasbedarfs reichen könne.

Über die Brunsbütteler FSRU sollen 3,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr ins Netz gelangen, für die feste Anlage nach früheren Angaben rund 8 Milliarden Kubikmeter. In Lubmin plant man für beide Terminals jeweils etwa mit 5 Milliarden Kubikmetern jährlich.

Zu welchen Konditionen das LNG auf den Energiemarkt kommt, ist noch relativ unsicher. Die Weltmarktpreise schwanken, und die in laufenden Verträgen noch gebundenen Mengen können das Angebot knapp halten.

Auch beim Verbrennen von Erdgas wird viel CO₂ frei – Klimaschützer gehen mit dem Ausbau der LNG-Kapazitäten deshalb hart ins Gericht. Die hauptsächlich aus Methan bestehenden Gemische werden für den Transport lediglich zusammengepresst und ultratiefgekühlt. Hinzu kommt, dass vor allem die USA mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren fördern: Das Gas wird unter Hochdruck aus Gesteinsporen gepresst, im Fall älterer Technik kommt ein Chemikalien-Cocktail zum Einsatz.

Umweltschützer sorgen sich zudem um die Lebensräume von Meerestieren und -pflanzen. Viele glauben, dass die Gründlichkeit ökologischer Prüfungen unter dem beschleunigten Durchpeitschen der Projekte leiden könnte. Der rot-grüne Koalitionsvertrag in Niedersachsen sicherte jüngst zu: "Mit einem gewässerökologischen Monitoring werden wir die Einhaltung der Umwelt- und Naturschutzstandards sicherstellen."

Landes-Energieminister Christian Meyer (Grüne) betont, die stärkere Verwendung von LNG dürfe nur eine Übergangslösung sein, bis es genug Strom und Wärme aus erneuerbaren Quellen gebe: "Wir müssen die fossilen Energieträger so bald als möglich ersetzen, da uns die Klimakrise keine Zeit mehr lässt." Die fest installierten, späteren LNG-Terminals sollen sich auch für grünen Wasserstoff nutzen lassen – eine dritte Schwimm-Anlage für Wilhelmshaven sei daher unnötig.

(mki)