Führung in Streitfall: "Ein Unternehmen ist organisierter Konflikt"

Konflikte werden oft gemieden. Man sollte sie aber annehmen, denn sie beleben den Zusammenhalt. Das ist die Magie des Konflikts für Dr. Reinhard K. Sprenger.

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Führung in Konflikten: „Wer gewinnt, verliert“

(Bild: fizkes/Shutterstock.com)

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  • Peter Ilg

Ungeklärte Konflikte belasten Beziehungen, ob nun beruflich oder privat. Deshalb wollen wir sie verhindern, gehen ihnen aus dem Weg oder verdrängen sie. Das ist falsch, meint Dr. Reinhard K. Sprenger. "Der Konflikt sollte keinesfalls gemieden werden, denn er belebt, schafft Zusammenhalt und ermöglicht Fortschritt und Erfolg", sagt Unternehmensberater Sprenger. Streiten schafft ein gutes Betriebsklima und je mehr in einem Unternehmen gestritten wird, umso erfolgreicher kann es sein. "Wer nicht mehr streitet, hat auch keine gemeinsame Zukunft", so Sprenger. Dann hat Gleichgültigkeit die Leidenschaft verdrängt.

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Beim Lösen von Konflikten darf es keine Verlierer geben, denn die schwächen ein Unternehmen, so Sprenger. Er ist Doktor der Philosophie und war in einem Unternehmen Leiter der Personalentwicklung. Seit 30 Jahren ist er selbständiger Unternehmensberater für Managemententwicklung. Mit über 1,8 Millionen verkauften Büchern und Beratungsmandaten in sämtlichen DAX-Unternehmen zählt Sprenger zu den profiliertesten Führungsexperten Deutschlands. Er lebt in der Schweiz und den USA. Sein neues Buch "Magie des Konflikts" leitet an zum Umdenken: Die Lösung des Konflikts zu tauschen gegen den Konflikt als Lösung. Darüber haben wir mit ihm gesprochen.

Offen für Konflikte: Managementberater Reinhard K. Sprenger

(Bild: Reinhard K. Sprenger)

heise online: Jeder hat sie, niemand will sie: Konflikte. Ihr neues Buch heißt "Magie des Konflikts". Vielleicht sollten wir zuerst klären, was sie unter dem Begriff "Konflikt" verstehen.

Sprenger: Für eine lebenspraktische Definition muss man sich das Wortfeld Konflikt anschauen. Dann ergeben sich Begriffe wie Streit, Auseinandersetzung und Meinungsverschiedenheiten. Deren Bedeutungen sind negativ. Ich meine, wir sind gut beraten, wenn Konflikt pragmatisch so definiert wird: Ein Konflikt ist eine Situation, wenn unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen und das negativ erlebt wird. Das mag beim ersten Hören simpel klingen. Aber eine Situation unterschiedlicher Erwartung, die als positiv erlebt wird, entschärft den Konflikt, denn man bleibt nüchtern, weil die unterschiedlichen Erwartungen ins Zentrum rücken. Erwartungen kann man verhandeln. Weitere Verkomplizierungen sind dann völlig unnötig.

Und was ist magisch an einem Konflikt, denn er raubt Kräfte und vergeudet Ressourcen?

Nun: beobachten Sie sich selbst. Jeder wird von Konflikten genauso abgestoßen wie angezogen. Man spricht zwar von dunklen Wolken, die aufziehen, aber auch von reinigenden Gewittern, die Probleme wegwaschen. Häufig ist ein Konflikt eine Erlösung. Ein Leben ohne Konflikte ist langweilig und Spannungsfelder machen das Leben spannend. Das gilt für alle Lebensbereiche, denn Konflikte sind die Motoren des Lebens. Sie machen Kinder stark und Unternehmen erfolgreich. Die Magie am Konflikt ist die: In allen Formen scheint er zu spalten und fügt doch zusammen.

Weil Konflikte nach unserer Definition negativ wirken, versuchen die allermeisten von uns Konflikte zu vermeiden. Sie raten zur Konfrontation, weil Konflikte beleben, Fortschritt und Erfolg bringen. Überspitzt gefragt: je mehr gestritten wird, umso erfolgreicher ist ein Unternehmen?

Klare Antwort: Ja, denn ein Unternehmen ist organisierter Konflikt. Alles im Unternehmen ist konfliktär organisiert, denn ansonsten müsste man gar nicht organisieren, um etwa Konflikte zu lösen. Stets müssen Ziele, Interessen und Rationalitäten balanciert werden. Das erlebt jeder von uns an jedem Tag mehrmals. Das Bauprinzip des Unternehmens ist also nicht der Konsens, sondern der Dissens, den gute Führungskräfte fortwährend moderieren.

Konflikte spalten Belegschaften, Sie schreiben, Konflikte fügen zusammen. Hilft streiten für ein gutes Betriebsklima?

Ja, streiten hilft auch für eine gute Ehe, weil streiten zu einem gesunden Klima zwischen Menschen führt. Negativ formuliert: Wer nicht mehr streitet, hat sich von einer gemeinsamen Zukunft verabschiedet. Eine solche Ehe ist nur noch ein Abwarten bis man sich trennt. Aber in Unternehmen bringen Konflikte einander nah, jedenfalls viel näher als dieser übliche Gleichmut, den viele mit Einigkeit verwechseln. Konflikte intensivieren ein Gespräch, konzentrieren es auf Weniges und schaffen eine Arena, in der engagiert um eine gemeinsame Zukunft gestritten wird.

Konflikte spielen sich meistens auf der Beziehungsebene ab, wie kann die Sachebene davon profitieren?

Zunächst muss man bereit sein, den anderen verstehen zu wollen. Das Verstehen ist im Kern ein Verstehen-Wollen und damit kein sprachkulturelles Problem. Diese Aussage ist so grundsätzlich, dass sie häufig verkannt wird, weil es keine Sachkonflikte gibt, sondern ausschließlich Beziehungskonflikte. Wer sich einigen will, wird dafür Mittel und Wege finden. Wer das nicht will, nutzt jede Sachfrage, um das jeweilige Beziehungsangebot abzulehnen. Damit werden Belastungen auf der Beziehungsebene nicht angesprochen, sondern auf der Sachebene in endlosen Debatten diskutiert.

Ein reinigendes Gewitter könnte diese Pattsituation lösen. Ihr Rat: den Konflikt suchen, wenn nötig streiten?

Meine Praxiserfahrung ist die, dass Konfliktbewältigung keine Frage einer bestimmten Technik ist. Sie ist eine Frage der gewollten Beziehung – man denke an das Ehepaar – und diese Entscheidung stellt vor den Begriff Konflikt ein großes Plus oder Minus. Wer den anderen wertschätzt, wird einen Punkt finden, der sie gemeinsam weitermachen lässt. Das ist der zentrale Punkt. Es geht ums Weitermachen, nicht um Konsens oder Zustimmung.

Wahrscheinlich sollten wir wohl erst einmal lernen, mit Konflikten umzugehen, also häufig mit Kollegen streiten, um die Magie des Konflikts im zweiten Schritt zu erkennen und positiv zu nutzen?

Zunächst geht es wieder einmal um die Einsicht, dass jeder aus seiner Sicht immer recht hat. Oder dass es in Unternehmen nicht nur eine Vernunft gibt, sondern mehrere. Dass man vor allem keine strukturellen Konflikte, die sich aus der Rolle ergeben, personalisieren soll. Wir Menschen neigen nämlich dazu, einen strukturellen Konflikt etwa zwischen Controlling und Produktion persönlich zu nehmen und hängen die Handlung einer Person an. Damit strafen wir einen Rollenträger dafür, dass er seine Rolle trägt. Was wir nicht beachten ist, dass er nur seinen Job macht und dafür bezahlt wird, was anderen vielleicht auf die Nerven geht. Deshalb ist es wichtig, Person und Funktion zu trennen.

Sie fordern in Ihrem Buch auf, die Lösung des Konflikts zu tauschen gegen den Konflikt als Lösung. Sie sagten vorher, dass damit kein Konsens gemeint ist. Ist es der Kompromiss?

Als erstes löst der Konflikt aus der Erstarrung, er bringt Bewegung. Eine Führungskraft, die immer die Rolle des Mittlers in Konflikten hat, wird womöglich eine der beiden Seite verraten müssen und das nennt man Kompromiss. Letztendlich geht es immer darum, dass das Spiel weitergeht.

Üblicherweise gibt es bei Konflikten Gewinner und Verlierer. Wie sieht Ihre Lösung aus, dass am Ende beide Seiten gewinnen?

Da kommen wir wieder zum Anfang: es ist zum einen eine Frage der Definition des Begriffs Konflikt, also negativ oder positiv. Zu anderen des Bewusstseins. In Unternehmen gilt: Wer gewinnt, verliert! Es darf in keiner Firma Verlierer geben, weil man sonst das Gesamtsystem schwächt. Das schafft man durch ein ständiges Balancieren von Argumenten und Entscheidungen. Anders ausgedrückt, durch die Magie des Konflikts.

(axk)