Funktechnik: ITU nimmt ETSI-Standard DECT-2020 in die 5G-Familie auf​

DECT-2020 soll eine offene Plattform für Funktechnik der neuen Generation bilden und vor allem das Internet der Dinge antreiben.

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(Bild: ZinaidaSopina/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Die Arbeitsgruppe 5D des Funksektors der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) hat das Spezifikationsbündel DECT-2020 New Radio (NR) des Europäischen Instituts für Telekommunikationsnormen (ETSI) offiziell anerkannt und in die Familie der 5G-Standards aufgenommen. Die Norm sei nun Teil der Technikempfehlung IMT-2020 (International Mobile Telecommunication) und damit der 5G-Standards, teilte das ETSI am Dienstag mit. Sie soll eine offene Plattform für die Funktechnik der neuen Generation bilden und vor allem das Internet der Dinge beflügeln.

DECT-2020 gilt als europäischer Beitrag zu 5G. Das ETSI hatte den Standard im vergangenen Jahr veröffentlicht (ETSI TS 103 636). Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um klassischen Mobilfunk, in dem einzelne Funkzellen verknüpft und Dienste über einen zentralen Betreiber angeboten werden. Der Funkstandard soll im Vergleich zum klassischen 5G bei ähnlichen Funktionen aber eine ähnliche oder auch bessere Leistung bringen.

Das ETSI spricht von einer "fortschrittlichen Funkschnittstelle" auf Basis modernster Technologien. DECT-2020 sei entwickelt worden, "um eine schlanke, aber leistungsstarke technologische Grundlage für drahtlose Anwendungen zu schaffen, die in verschiedenen Anwendungsfällen und Märkten eingesetzt werden".

Die Norm unterstützt demnach ein breites Spektrum an Funkanwendungen im Internet of Things (IoT), die eine extrem zuverlässige Datenkommunikation mit geringer Verzögerung (Latenz) erforderten. So unterstütze sie etwa eine Maschine-zu-Maschine-Kommunikation mit Millionen von Geräten in einem Netzwerk, was etwa für die Logistik, Industrie 4.0, Gebäudeautomatisierung, Smart Cities und die Energiewende mit intelligenten Stromzählern relevant sei.

Die Technologie ermögliche einen autonomen und automatischen Betrieb mit minimalem Wartungsaufwand, preist das ETSI die Vorzüge. DECT-2020 NR unterstütze sowohl Punkt-zu-Punkt- und Punkt-zu-Multipunkt-Funkverbindungen, die etwa für Audio- und Sprachübertragungen wichtig sind, sowie sternförmige Netzwerke in Form von Ultra-Reliable Low-Latency Communications (URLLC). Einfach realisieren ließen sich damit zudem selbstorganisierende vermaschte Funkzugangsnetzwerke (Local Area Wireless Access Networks). Generell werde ein autonomer und automatischer Betrieb dezentraler Funknetzwerke mit minimalem Wartungsaufwand ermöglicht.

Für den traditionellen DECT-Standard habe die ITU bereits vor 21 Jahren die IMT-2000-Zulassung erteilt, weiß Günter Kleindl, Vorsitzender des zuständigen technischen Ausschusses beim ETSI. In diesem Bereich haben sich viele deutsche Konzerne erfolgreich eingerichtet: Sennheiser etwa funkt darüber mit seinen Kopfhörern und Mikrofonen, Siemens mit seinen Festnetztelefonen. Ihre Entwicklungen haben sie auch mit Patenten abgesichert, sodass sie hier für Lizenzgebühren die Hand aufhalten können.

Die Anforderungen für 5G seien nun deutlich höher gewesen, berichtet Kleindl. Es sei daher nötig gewesen, "einen komplett neuen, aber kompatiblen Funkstandard" zu entwickeln. Das ETSI feiert den Standard nun als "Beispiel für die zukünftige Vernetzung": Die Technologie weise keinen einzelnen Ausfallpunkt auf, ist für jedermann zugänglich und koste bei Aufbau und Betrieb nur einen Bruchteil der gängigen Mobilfunknetze.

Der IoT-Standard mache 5G für jedermann zugänglich, heißt es beim ETSI. Er erlaube es etwa jedem Unternehmen, sein eigenes Netz autonom und ohne Betreiber überall auf der Welt einzurichten und selbst zu verwalten. Zudem könnten Firmen damit ohne Mittelsmänner und Abonnementgebühren arbeiten sowie die erzeugten Daten so speichern und nutzen, "wie sie es für richtig halten". Ein weiterer "demokratisierender Aspekt" seien die Frequenzen: DECT-2020 unterstütze einen "effizienten gemeinsamen" Betrieb von Spektrum, der den Zugang zu freien internationalen Frequenzen wie 1,9 GHz gestatte.

Als einer der größten Unterschiede und Vorteile gegenüber dem traditionellen 5G bezeichnet ETSI das dezentralisierte Netzwerk. Jedes Gerät könne darin ein Knoten oder ein Router sein – also die Funktion einer Basisstation übernehmen. Die einzelnen Bestandteile fänden automatisch die beste Route. Neue Komponenten könnten einfach hinzugefügt werden, das Routing umgehe Fehlerquellen automatisch.

Bei der ITU hatte DECT-2020 Startschwierigkeiten. Im zuständigen Gremium wer der Standard im ersten Anlauf für eine 5G-Zulassung durchgefallen, nachdem sich die USA, Kanada, Japan und Südkorea quergelegt hatten. Deutschland, Österreich und Finnland konnten sich dagegen nicht durchsetzen. Ulrich Sandl, Ex-Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium, hatte den asiatischen 5G-Patenthaltern daraufhin vorgeworfen, die europäische Alternative zu blockieren.

(vbr)