GSM-Mobilfunk: Die Schweiz schaltet ab

Ein Mobilfunker ist schon dabei, die Swisscom beginnt im Januar: Die zweite Mobilfunkgeneration GSM wird abgeschaltet. UMTS bleibt – anders als in Deutschland.

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(Bild: KPhrom/Shutterstock.com)

Von
  • Tom Sperlich

2021 schaltet die Schweiz ab: Anfang Januar beginnt der halbstaatliche Mobilfunknetzebtreiber Swisscom damit, sein GSM-Netz abzuschalten. Auch die private Konkurrenz zieht mit. Die zweite Mobilfunkgeneration "Global System for Mobile Communications" wird bei dem einen langsam, dem anderen schneller ausgemustert. Während das bei Sunrise noch zwei Jahre dauert, ist der Branchendritte Salt schon fast durch.

Seinen globalen Start hatte das erste digitale Mobilfunknetz 1991 mit der Aufschaltung in Finnland, in Deutschland ist GSM seit 1992 in Betrieb und seit 1. März 1993 ist auch die Schweiz dabei. Wie die analoge, zumeist in Fahrzeugen eingebaute Vorgängergeneration wurde es von den Schweizern "Natel" genannt – von "Nationales Autotelefonnetz". Die Bezeichnung hat sich in der Schweiz statt "Handy" für Endgeräte eingebürgert und wird von nicht wenigen Schweizern noch heute benutzt.

Nun soll 2G seinen leistungsfähigeren Nachfolgern Platz und die belegten Frequenzen für den Ausbau der neuen Mobilfunkgenerationen 4G und 5G frei machen. In der Schweiz nutzt ohnehin kaum noch jemand GSM. Laut der Regulierungsbehörde Eidgenössische Kommunikationskommission (ComCom) liegt der Anteil von 2G am gesamten Mobilfunkverkehr inzwischen bei weniger als 1 Prozent.

Die mit GSM möglichen Datenübertragungsraten sind für heutige Bedürfnisse auch zu gering, gerade mal für kurze E-Mails reicht die Bandbreite. Die Weiterentwicklungen GPRS (General Packet Radio Service) und EDGE (Enhanced Data Rates for Global Evolution) ermöglichten zwar höhere Bandbreiten auf dem GSM-Standard und werden inoffiziell als 2.5G (bis zu 54 kbit/s) bzw. 2.75G (220 kbit/s) bezeichnet, waren aber nur ein Zwischenschritt zu UMTS.

Branchenprimus Swisscom will sein GSM-Netz ab dem 4. Januar 2021 innerhalb weniger Wochen schrittweise außer Betrieb nehmen, erklärt eine Unternehmenssprecherin. So wolle man sicherstellen, dass alle Kunden bei Fragen begleitet werden können. Die Kunden würden von Swisscom direkt über ihr Abschaltdatum informiert. Wichtig zu wissen, auch für deutsche Roaming-Kunden: Es könne je nach Endgerät vorkommen, dass das Gerät zwar noch einen 2G-Netzempfang anzeige, aber eine Einbuchung ins Netz dennoch nicht mehr möglich ist.

Sunrise funkt erst mal weiter per 2G/GSM - bis mindestens Ende 2022, bestätigt ein Sprecher gegenüber heise online. Hintergrund: Sunrise hat noch fest für GSM zugewiesene Frequenzen im 900-MHz-Band. Künftig wolle Sunrise bei Bedarf dynamisch Frequenzen im 900 MHz-Band für 2G zuweisen, und zwar immer dann, wenn tatsächlich ein reines GSM-Gerät in einer Funkzelle eine Verbindung anfordert, erklärt das Unternehmen.

Beim dritten Schweizer Mobilfunknetzbetreiber Salt Mobile begann die "progressive 2G-Abschaltung" bereits vor einigen Jahren, erklärte eine Sprecherin. Mittlerweile seien nahezu 90 Prozent der 2G-Abdeckung bei Salt deaktiviert. Auch "Salt lässt seine 2G-Antennen weiterhin in Gebieten aktiv, in denen keine andere Technologie verfügbar ist, um eine mobile Abdeckung zu gewährleisten, betont die Sprecherin. Für die Gewährleistung einer optimalen Mobilfunkabdeckung seien aber vor allem die LTE und UMTS von großer Bedeutung und es werde auch hier noch entsprechend investiert.

Dem 3G-Mobilfunk (UMTS, HSPA) läutet wiederum im Nachbarland Deutschland das Totenglöckchen. Die Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica-O2 bereiten sich derzeit schon auf ein Ende von 3G vor, was bei allen drei Netzbetreibern höchstwahrscheinlich im Laufe des kommenden Jahres der Fall sein soll. Doch in der Schweiz denkt mittelfristig keiner der Netzbetreiber an eine Abschaltung der dritten Mobilfunkgeneration. Swisscom wird 3G bis mindestens Ende 2024 anbieten, Sunrise hat ebenfalls keine Pläne zur Abschaltung und Salt Mobile investiert sogar noch in 3G.

Eine Rolle spielt die Abschaltung auch für Mobilfunkmodems, das Internet of Things (IoT) und M2M-Kommunikation (Machine-to-Machine). Wenn in Deutschland UMTS abgeschaltet wird, liessen sich solche Geräte immerhin noch mit 2G einstweilen weiterbetreiben. Wer hingegen in der Schweiz Modems und Router schon mit 3G betreibt, hat gewöhnlich eine automatische Fallback-Option auf 2G. Im Fall der Fälle ginge hier sehr bald vielleicht nichts mehr.

Swisscom- und Salt-Kunden die noch 2G für M2M-Kommunikation einsetzen, müssen sich ohnehin neu aufstellen. Das kann die Übertragung von Messwerten oder Verbrauchsdaten sein, Anwendungen der Fernüberwachung, Fernsteuerung und Fernwartung oder der Informationsaustausch zwischen Anlagen und Endgeräten mit einer zentralen Leitstelle. Betroffen von der Schweizer 2G-Abschaltung können daher unterschiedlichste Anwendungen in der Energie- und Gebäudetechnik wie Heizungssteuerungen, Lift-Notrufe oder Alarmanlagen sein.

Während hierfür in der Schweiz temporär auf 3G aufgerüstet werden könnte, empfiehlt das die Swisscom nur bedingt. Stattdessen rät der Netzbetreiber, sich mit den Lieferanten der Systeme abzusprechen und eine passende Lösung für die individuellen Bedürfnisse zu wählen. Swisscom halte einem Wechsel auf LTE oder ein IoT-Protokoll wie LTE-M oder Narrow-Band-IoT für sinnvoller als einen Zwischenschritt über 3G, betonte die Sprecherin. LoRaWAN wird von Swisscom ebenfalls unterstützt. Bei Sunrise ist dies hingegen nicht der Fall, auch Technologien in anderen "nichtkonzessionierten Frequenzbändern wie Sigfox oder Zigbee werden nicht unterstützt", erklärte das Unternehmen auf Anfrage

(vbr)