"Gefährlich inkompetent": US-Wissenschaftsmagazine klar gegen Trump-Wiederwahl

Wissenschaftsmagazine halten sich zumeist aus der Politik heraus. Vor den Wahlen ist das in den USA aktuell anders, teilweise entgegen sehr alter Traditionen.

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(Bild: 3dfoto/Shutterstock.com)

Von
  • Martin Holland

Gleich mehrere der weltweit wichtigsten wissenschaftlichen Fachmagazine haben sich in den vergangenen Tagen mit harscher Kritik gegen eine Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump ausgesprochen. Vorgelegt hatte das populärwissenschaftliche Magazin Scientific American mit der ersten Wahlempfehlung seiner Geschichte, es folgten äußerst kritische Meinungsbeiträge zur US-Regierung in den Fachmagazinen The New England Journal of Medicine, in Science und schließlich nun in Nature. In seiner Gesamtheit handelt es sich um einen beispiellosen Vorgang, der seinen Ursprung nicht nur im Versagen der US-Regierung im Umgang mit der Corona-Krise haben dürfte.

Am 1. Oktober hatte das Wissenschaftsmagazin Scientific American zum ersten Mal in seiner 175-jährigen Geschichte zur Wahl eines bestimmten Präsidentschaftskandidaten aufgerufen – des Demokraten Joe Biden. Donald Trump habe den Vereinigten Staaten immens geschadet, in der Pandemie hätte sein Widerstand gegen Beweise und Maßnahmen für die öffentliche Gesundheit katastrophale Folgen gehabt. Wenige Tage später folgte mit dem The New England Journal of Medicine eines der angesehensten medizinischen Fachmagazine der Welt: Unter dem Titel "Dying in a Leadership Vacuum", heißt es dort unter anderem, die politische Führung der USA sei "gefährlich inkompetent". Die 208 Jahre alte Institution hatte vorher nie zu einer US-Wahl Stellung bezogen.

Etwas früher hatte der Chefredakteur des Fachmagazins Science Trump Lügen vorgeworfen und angesichts von dessen Herunterspielen der Gefahren von Covid-19 vom vielleicht beschämendsten Moment der US-Forschungspolitik gesprochen. Zwar sei es seiner Publikation laut Statuten untersagt, eine Wahlempfehlung auszugeben, es ist aber unzweifelhaft, wie die ausfallen würde. Nature hat damit mehr Erfahrungen (von dort war bereits zur Wahl Hillary Clintons und Barack Obamas aufgerufen worden) und wird nun noch deutlicher: Kein anderer Präsident der jüngeren US-Geschichte habe so vehement derart viele wertvolle Institutionen attackiert und unterminiert, wie Trump, heißt es da. Seine Regierung habe systematisch wissenschaftliche Kapazitäten dezimiert.

Mit dieser scharfen Kritik und der Abkehr von teilweise jahrhundertealten Traditionen machen die Wissenschaftler auch deutlich, dass es für sie aktuell keine Option ist, sich nicht politisch zu äußern. Donald Trump hatte in einer seiner ersten Amtshandlungen Fördergelder für die Wissenschaft gestrichen und Informationen zum Klimawandel verstecken lassen. Immer wieder hat er deutlich gemacht, dass er wissenschaftliche Erkenntnisse nur respektiert, wenn er persönlich profitieren kann. Im Frühjahr 2017 hatten weltweit Tausende für die Wissenschaft und gegen den damals frischgewählten US-Präsidenten demonstriert. Das war lange vor jener Pandemie, die die Welt 2020 in Atem hielt und die in den USA bislang nicht unter Kontrolle gebracht wurde.

(mho)