Gematik lenkt ein: Gesellschafter beschließen Alternativen zum Hardware-Tausch

Nach Kritik am teuren Hardware-Tausch für die Anbindung an das "sichere Gesundheitsnetz", gibt es für ab September 2023 auslaufende Geräte Alternativen.

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KoCobox von CGM neben Aktenstapel

(Bild: Bild: ronstik, ritfuse/Shutterstock.com / Foto & Montage: heise online)

Update
Von
  • Marie-Claire Koch

Die Gesellschafter der Gematik GmbH haben für besonders sichere Hardware-Router, sogenannte Konnektoren, Alternativen zum anstehenden Gerätetausch beschlossen – allerdings nicht einstimmig. Aufgrund auslaufender Kryptozertifikate sollen die Geräte ausgetauscht werden. Als Alternativen nennt die Gematik, die für das "sichere Gesundheitsnetz" zuständig ist, nun eine "Laufzeitverlängerung der TI-Gerätekarte oder einen Anschluss über eine Rechenzentrumslösung", wobei letztere laut dem Konnektor-as-a-Service-Anbieter Red Medical bereits seit vier Jahren im Einsatz ist. Die Optionen werden zudem nur für Geräte gesehen, deren Zertifikate ab September 2023 auslaufen.

Die Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) zeigte sich enttäuscht von dem mangelnden Interesse der Beteiligten, Ausgaben im dreistelligen Millionenbereich sparen zu wollen, wie der Pressesprecher Roland Stahl gegenüber heise online mitgeteilt hat. Es sei "von der Mehrheit der Gesellschafter ein Beschluss getroffen worden, wonach die Gematik bis September 2023 Zeit hat, Aussagen zu möglichen Alternativen zu treffen." Demnach lasse der Beschluss die Ärztinnen und Ärzte im Unklaren über die möglichen Alternativen. "Wir konnten da unmöglich mitgehen und haben konsequent mit "Nein" gestimmt. Durch den Mehrheitsbeschluss sei "damit ein Austausch der Konnektoren letztlich zementiert worden."

Für alle bis September 2023 zu ersetzenden Konnektoren wird es demnach keine Alternativen geben. Bis August 2023 müssen nach Informationen, die heise online vorliegen, zwingend lediglich die Konnektoren des Herstellers CompuGroup Medical (CGM) ausgetauscht werden, die als einziger Hersteller bisher kein Update auf die Produkttypversion 5 (PTV 5) für die Konnektoren bereitgestellt hatte. Die Gematik bestätigte gegenüber heise online, dass zumindest für das Jahr 2022 überwiegend Konnektoren von CGM betroffen sind.

Es scheint so, als ob auch die bereits von CGM ausgelieferten Konnektoren nicht mit PTV 5 kommen. Diese ist beispielsweise Voraussetzung für die elektronische Patientenakte der Version 2.0. Ursprünglich sollten rund 130.000 Geräte ausgetauscht werden, was Kosten in Höhe von rund 400 Millionen Euro mit sich bringen würde. Für das Jahr 2022 laufen nach Angaben der Gematik 15.150 Zertifikate in den Geräten ab, für das Folgejahr 58.083 Geräte und im Jahr 2024 insgesamt 54.914. Das heißt, dass bis einschließlich August 2023 insgesamt rund 56.000 Konnektoren ausgetauscht werden müssen, dies entspricht einer Summe von ungefähr 130 Millionen Euro.

Analysen von c't hatten ergeben, dass ein Hardware-Tausch nicht zwingend notwendig ist. Die c't hatte in diesem Zusammenhang verschiedene Alternativen für den Tausch der teuren Hardware vorgeschlagen. Dennoch wollten sowohl die Gematik als auch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) von dem ursprünglichen Plan nicht abrücken. Daher wandten sich c't und heise online schließlich direkt an den Gesundheitsminister Karl Lauterbach.

Ebenso empfehlen die Gesellschafter der Gematik, das Finanzierungsmodell für die Anbindung an die TI anzupassen. Auch die Leiterin für Digitalisierung und Innovation im Bundesministerium für Gesundheit, Susanne Ozegowski, hatte Anfang August unter anderem faire Preise, mehr Wettbewerb und Qualität gefordert.

Das Einlösen des E-Rezepts mithilfe der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) soll zudem früher als geplant kommen – zumindest ist die dafür nötige Spezifikation für Anfang September versprochen. Möglicherweise ist das eine Reaktion auf die Forderung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und weiteren Vereinigungen wie der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Die KVWL will sich nicht mehr aktiv an dem Test des E-Rezepts beteiligen, sofern es nicht bis spätestens im November mithilfe der eGK eingelöst werden kann.

Nach wie vor ist nicht bekannt, ob die Gesundheitskarte dafür in ein Kartenlesegerät gesteckt werden muss oder drahtlos mittels NFC-Funktion ausgelesen wird. Derzeit stellen Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten das E-Rezept meist nur als Ausdruck zur Verfügung – sofern sie dafür ausgerüstet sind. Mit der E-Rezept-App der Gematik wird ein E-Rezept hingegen seltener abgerufen, was an dem komplizierten Anmeldeverfahren für die App liegt. Die Gematik will auch eine "komfortable und praxistaugliche Lösung" beim E-Rezept für Versand- und Online-Apotheken finden.

Update

Informationen zu Konnektoren mit auslaufenden Zertifikaten von CGM ergänzt und korrigiert, dass die Gesellschafter der Gematik die Alternativen zum Tausch beschlossen haben und nicht die Gematik.

Stellungnahme der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ergänzt.

Information zu Rechenzentrums-Alternative ergänzt.

(mack)