Gescheitertes Kaufhaus Österreich – neuer Minister zieht den Stecker

Die Lachnummer "Kaufhaus Österreich" wird endlich begraben. Der Millionenflop schädigte den Ruf der Bundesregierung Österreichs. Sie versteckt Fakten bis heute.

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Ladenfenster mit Schildern

Die Überbleibsel des Kaufhaus Österreich werden zum 1. Juli gelöscht.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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  • Daniel AJ Sokolov

Die Reste des "Kaufhaus Österreich" verschwinden zum Monatsende aus dem Internet. Zum "Cyber Monday" im Dezember 2020 online gebracht, sollte das staatliche Webverzeichnis Verbraucher zu österreichischen Webshops leiten, damit sie weniger bei ausländischen Konzernen bestellen. Es war ein fulminanter Flop, der teuer und wohl nicht erlaubt war. Und bis heute hält das betreibende Digitalisierungsministerium Unterlagen rechtswidrig unter Verschluss und widerspricht sich selbst bezüglich der Kosten.

Als "qualitätsgesicherte Basisinfrastruktur für Online-Shops" hat die damalige Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) ihr Projekt beworben. Ziel sei, "einen Beitrag zur Stärkung von E-Commerce in Österreich zu leisten". Da in Österreich jede 4. Firma keinen Nutzen in Digitalisierung sieht, durchaus ein hehres Ziel.

Leider war das Angebot unbrauchbar für den Online-Einkauf. Denn was die etwa tausend registrierten Unternehmen tatsächlich anbieten, war der Webseite gar nicht zu entnehmen. Suchergebnisse im Kaufhaus Österreich gerieten zur dadaistischen Experimentalkunst. Nicht selten handelte es sich um Esoterik-Angebote, Amazon-Shops oder ausländische Konzerne, die kein einziges österreichisches Produkt feilboten.

Wer etwa nach "Chromebook" oder "Fernrohr" suchte, fand im Kaufhaus Österreich nichts. Die Suche nach "Squash" zeitigte neben einem Software-Anbieter die Kategorie "Sport- und Freizeitartikel". Dahinter verbarg sich ein Sammelsurium von Geschäften, die von Alpakas über Delikatessen bis Strickbedarf ein breites Spektrum abdeckten. Wer "Staubsauger" suchte, wurde auf "Bauen, Garten und Haushalt" verwiesen, wo das Angebot von Grillsystemen über Goldfischbedarf bis zum Multi-Level-Marketing für Kosmetika reichte. Kein Wunder, dass das Kaufhaus Österreich als Alternativportal zu Amazon vor allem Spott und Kritik erntete.

Das vom staatlichen LFRZ (Land-, forst- und wasserwirtschaftliches Rechenzentrum) programmierte Kaufhaus Österreich verletzte nicht nur Datenschutzbestimmungen, sondern erfüllte auch die gesetzlich vorgeschriebene Mindestleistung für Barrierefreiheit nicht. Und wahrscheinlich war das Projekt grundsätzlich unzulässig, weil ein Bundesministerium keine kommerzielle Plattform betreiben darf. Schramböck holte in letzter Minute die Wirtschaftskammer mit ins Boot, die damit aber nicht glücklich war, aber doch 36.000 Euro beisteuerte.

Nach drei Monaten war klar, dass das Kaufhaus Österreich als Regierungs-Alternative zu Amazon gescheitert war. Aber Schramböck gibt nicht auf: Der "Kaufhaus"-Teil wurde im Februar 2021 gelöscht; seither bietet eine staatliche Bank unter derselben Webadresse Tutorien und Webinare für Unternehmer, die noch nicht online sind, an. Mit "jetzt geht es in die Zukunft" versuchte die Ministerin zu retten, was nicht zu retten war. Das Kaufhaus Österreich werde immer als Webseite bezeichnet, was es "definitiv nicht" sei, beklagte die ehemalige Chefin der A1 Telekom Austria im ORF Fernsehen: "(Das Kaufhaus Österreich) ist eine werthaltige Plattform.".

Als Ministerin zurückgetreten ist Schramböck erst im Mai 2022. Sechs Wochen später muss nun ihr Amtsnachfolger Martin Kocher den Stecker ziehen. Die laufenden Kosten von offiziell 2.200 Euro pro Monaten für rund 8.000 Aufrufe stehen nicht dafür. Ein Teil der Videos wird auf das etablierte Unternehmensserviceportal der Regierung kopiert, der Rest der Überbleibsel des Kaufhaus Österreich zum 1. Juli gelöscht.

Der Bauchfleck war teuer. Wie teuer genau, ist unklar. Das Digitalisierungsministerium war sich am Freitag nicht zu schade, die Gesamtkosten mit rund 950.000 Euro anzugeben. Allerdings hat das selbe Ministerium schon im Februar 2021 Ausgaben von mehr als eineinhalb Millionen Euro zugegeben, zuzüglich monatlicher Betriebskosten von über 5.000 Euro.

Auszug aus den Kosten des Kaufhaus Österreich laut ORF vom Feber 2021:
Technik vor dem Launch € 603.670,32
Umfrage, Webinare, Videoclips, Entwicklung der Marke etc. € 243.141,80
Technik nach dem Launch € 192.286,44
Reklame in Online- und Printmedien € 183.853,56
Reklame im Fernsehen € 36.870,29
Reklame in Sozialen Netzwerken € 216,33
Laufende monatliche Betriebskosten:
Technik € 2.642,50
Wartung € 2.566,00

Eine parlamentarische Anfragebeantwortung aus dem April 2021 legte weitere Details offen: Mehr als 178.000 Euro gingen an Accenture für "Screen Design und Projektmanagement Office". Unterdessen erhielt die Digitalberatung GmbH fast 71.000 Euro für Design, weitere gut 88.000 Euro für "Service- und UX-Design" und "Schnittstellenfunktionen", plus mehr als 34.000 Euro für Contentbereitstellung, und dann noch über 74.000 Euro für "Leitung Projektstream". Außerdem hat das Ministerium bei der hpc DUAL Österreich GmbH "Erfolgsgeschichten" für mehr als 31.000 Euro bestellt. Die Umstellung nach drei Monaten kostete 7.000 Euro, noch einmal so viel musste das Digitalisierungsministerium für ein Audit und die nachträglich barrierefreie Gestaltung ausgeben.

Was Schramböck wirklich wollte, hält das ÖVP-geführte Ministerium bis heute rechtswidrig unter Verschluss. Schon am 3. Dezember 2020 hat heise online nach dem österreichischen Auskunftspflichtgesetz eine Kopie des Pflichtenheftes für das Kaufhaus Österreich beantragt. "Auskünfte sind ohne unnötigen Aufschub, spätestens aber binnen acht Wochen nach Einlangen des Auskunftsbegehrens zu erteilen", sagt Paragraph 3 des Gesetzes. Selbst nach 18 Monaten hat das ÖVP-geführte Digitalisierungsministerium nur Hinhalteparolen ausgefolgt.

(ds)