Gesichtserkennung: Algorithmus führt zur Verhaftung eines Unschuldigen

Erstmals ist in den USA ein Fall bekannt geworden, in dem eine Fehlidentifikation per Gesichtserkennung einen Afroamerikaner in Polizeigewahrsam brachte.

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(Bild: Neosiam32896395/Shutterstock.com)

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Im Januar ließen zwei Polizisten bei Robert Julian-Borchak Williams vor seinem Haus in einem Vorort der Stadt Farmington Hills in Michigan die Handschellen klicken. Sie zeigten nur einen "Haftbefehl für Straftaten" mit dem Hinweis "Diebstahl" vor. Über Nacht musste der Beschuldigte in einer Zelle verbringen, den nächsten Tag wurde er verhört und konnte erst 30 Stunden nach seiner Verhaftung nach Zahlen einer Kaution wieder zurück zu seiner Familie.

Der Fall, den die New York Times aufbereitet hat, ist der erste in den USA dokumentierte, in dem ein fehlerhaftes System zur automatisierten Gesichtserkennung wesentlich dazu beitrug, einen Mann kurzzeitig hinter Gitter zu bringen. Williams wurde diese Tatsache erst nach und nach bewusst.

Bei dem Verhör fragten ihn die Ermittler zunächst nur, wann er zuletzt im Luxusgüterladen Shinola in Detroit gewesen sei. Später zeigten sie ihm Bilder aus einer Überwachungskamera mit einem ebenfalls stark gebauten, schwarzen Mann mit einer Baseballmütze, der fünf Uhren im Wert von 3800 US-Dollar gestohlen haben soll.

Der vernommene Afroamerikaner hielt dem Bericht nach eine der Aufnahmen vor sein Gesicht und betonte: "Das bin ich nicht." Zugleich fragte er die Strafverfolger, ob diese dächten, dass alle schwarzen Männer gleich aussähen. Er war sich zwar sicher, dass er das Verbrechen nicht ausgeführt hatte. Später fiel ihm auch ein, dass er zur Tatzeit im Oktober 2018 im Auto nach Hause gefahren war und einen Social-Media-Beitrag zu einem dabei gehörten Lied abgesetzt hatte. Die Beweislage sprach aber zunächst gegen ihn aufgrund der in die Irre gegangenen Gesichtserkennung.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte eine Analystin der auf die Prävention von Diebstahlverlust spezialisierten Firma Mackinac Partners, die einige Monate nach dem Raub eine Kopie des Videos aus der Überwachungskamera an die Michigan State Police schickte. Im März 2019 lud man ein Testfoto aus dem Material in die Gesichtserkennungsdatenbank des US-Bundesstaates hoch und glich es mit der darin befindlichen Sammlung von 49 Millionen Lichtbildern ab. Das System spuckte unter anderem das Foto aus dem Führerschein Williams' als Treffer zusammen mit einem Zuverlässigkeits-Score aus.

Die bei der Polizei in Michigan eingesetzte, 5,5 Millionen US-Dollar teure Technik arbeitet allerdings alles andere als fehlerfrei. Geliefert wird sie von der US-Firma DataWorks Plus, die 2005 erstmals mit einem Algorithmus zur Gesichtserkennung experimentierte, den ein Zulieferer entwickelt hatte.

"Wir haben ziemlich viel Müll ausprobiert", erinnert sich Unternehmenschef Todd Pastorini. DataWorks habe sich nach und nach zu einem "Pseudo-Experten" bei den biometrischen Verfahren entwickelt, die Treffergenauigkeit oder integrierte Vorurteile aber nie "wissenschaftlich" geprüft.

Das in Michigan genutzte System arbeitet mit Komponenten des japanischen Ausrüsters NEC und der US-Firma Rank One Computing, die Strafverfolger – im Gegensatz zu großen US-Techkonzernen – weiter mit der Technik beliefern. Deren einschlägige Software gehört zu einer Reihe von Programmen, die laut einer Studie des MIT Schwarze unverhältnismäßig oft falsch identifizieren und von Vorurteilen geprägt sind. Auch eine Analyse entsprechender Algorithmen durch das National Institute of Standards and Technology (NIST) kam 2019 zu einem vergleichbaren Ergebnis.

Die Polizei in Detroit erhielt das Foto des falsch identifizierten Verdächtigen von der übergeordneten Behörde zwar mit dem Hinweis, dass es sich um einen Untersuchungsbericht handle, der "keine positive Erkennung" und allein keinen hinreichenden Grund für eine Verhaftung biete. Die Ermittler suchten aber nicht nach weiteren Beweisen, sondern schickten das Foto nur zusammen mit fünf anderen an die zuständige Person bei Mackinac Partners, die Williams als potenziellen Täter ausmachte.

Erst bei dessen Verhör mussten auch die Ordnungshüter bei einem eigenen Bildervergleich einräumen, dass "der Computer sich offenbar geirrt hat". Der Fall landete trotzdem noch vor Gericht, wo der Angeklagte Rechtsbeistand von der American Civil Liberties Union (ACLU) erhielt.

Ein Anwalt der US-Bürgerrechtsorganisation betonte, dass man schon lange vor biometrischer Gesichtserkennung warne, da die Technik die Privatsphäre gefährde, "wenn sie funktioniert", und andernfalls eine "rassistische Bedrohung für alle" bilde. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich vor Gericht zunächst nur bereit, die Sache "unbeschadet anderer Vorschriften" und weiterer Erkenntnisse aus anderen technischen Erkennungsverfahren vorläufig einzustellen.

Erst nach dem Zeitungsbericht sandte die Staatsanwaltschaft eine Entschuldigung und erklärte, denn Fall geschlossen und auch die Fingerabdrücke des Beklagten gelöscht zu haben. Dies sei freilich keine angemessene Wiedergutmachung für die Zeit, die Williams im Gefängnis habe verbringen müssen.

(kbe)