Gesundheit: Stecken Viren hinter psychischen Störungen?

Genetische Studien zeigen, dass verschiedene psychische Leiden mehr miteinander zu tun haben als bisher gedacht – und Viren dabei eine Rolle spielen könnten.

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(Bild: Francisco Gonzales / Unsplash)

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TR 7/2020

Depressionen, Schizophrenie, zwanghaftes Verhalten, Psychosen, Autismus – die Krankheiten, die unsere Seele befallen können sind vielfältig. Seit Langem diskutieren Forscher darüber, wie hoch der genetische Anteil ist. Nun scannten Forscher das Genom von mehr als 720.000 Menschen. 490.000 von ihnen waren gesunde Kontrollprobanden, dazu kamen mehr als 230.000 Menschen, die unter mindestens einer von acht psychischen Erkrankungen litten.

Das Ergebnis: Offenbar haben die einzelnen Erkrankungen genetisch mehr miteinander gemeinsam, als die psychiatrischen Diagnoseschubladen bisher nahelegen, denn es existiert kein einzelnes Depressions- oder Schizophrenie-Gen. Einzelne Genvarianten leisten jeweils winzige Beiträge dazu, das Risiko einer seelischen Störung in die Höhe zu treiben. Die Forscher fanden zahlreiche sogenannte Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP), die gleich mit mehreren psychiatrischen Erkrankungen in Zusammenhang stehen.

Aber eine wichtige Frage können die Wissenschaftler nach wie vor nicht beantworten: Wie viel Anteil an der Krankheit geht auf das Konto der Gene und wie viel auf das Konto der Umwelt? Beispiel Schizophrenie: Alle mit Schizophrenie assoziierten Genvarianten zusammen erklären derzeit lediglich rund 20 Prozent der Unterschiede zwischen erkrankten und gesunden Probanden. Aber laut Zwillingsstudien beträgt die Erblichkeit bis zu 80 Prozent. Wo also verbergen sich die restlichen 60 Prozent?

Die Wissenschaft bietet gleich mehrere Erklärungen für dieses Missverhältnis. Eine Möglichkeit: Die Zwillingsstudien gehen von falschen Annahmen aus und führen in die Irre. Der Psychobiologe Turhan Canli von der Stony Brook University sieht allerdings noch eine andere Möglichkeit, warum genetische Studien bislang keine vollständige Erklärung für die Erblichkeit von psychischen Störungen finden können. Die genetischen Analysen würden schlicht weite Gebiete der menschlichen DNA von der Untersuchung ausschließen. Dabei denkt er vor allem an die rund acht Prozent unserer DNA, die dort eigentlich nichts verloren haben: Gene und Genfragmente von Viren, genauer gesagt humanen endogenen Retroviren. Sie befinden sich in unserem Genom, weil unsere Vorfahren vor Millionen von Jahren einmal mit ihnen infiziert wurden. Die Erreger haben ihre Chance genutzt und sich unwiderruflich in das Genom ihres Wirts eingeschrieben.

Forscher vermuten in den Retroviren ein Bindeglied zwischen Umweltfaktoren wie Infektionen, dem Lebensstil oder Stress und der langfristigen Fehlregulation von Risikogenen für psychische Störungen. Wie diese Retroviren-Genfragmente psychische Leiden beeinflussen könnten, zeigen verschiedene Studien – und in der Nachbarschaft mancher humanen endogenen Retroviren liegen ausgerechnet die Gene, die als Risikofaktoren für Schizophrenie bekannt sind.

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(jsc)