Gigantische Megakonstellation: Ruanda schlägt Netz aus 330.000 Satelliten vor

Schon aktuelle Pläne für mehrere Zehntausend Internet-Satelliten wirken gigantisch. Ein kleiner Staat stellt sie nun in den Schatten. Realistisch ist das nicht.

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(Bild: CG Alex/Shutterstock.com/heise online)

Von
  • Martin Holland

Die erst wenige Monate alte Raumfahrtagentur Ruandas will angeblich eine Megakonstellation aus fast 330.000 Satelliten errichten. Das jedenfalls steht in einem Antrag aus dem zentralafrikanischen Staat an die Internationale Fernmeldeunion ITU. Die genannte Zahl von je 12.960 Satelliten in 27 Ebenen, die nur 100 Metern auseinander liegen, liegen nicht nur immens über der Zahl der aktuell aktiven Satelliten, sondern auch weit über den bereits öffentlichen Plänen für weltumspannende Internet-Satellitenkonstellationen. Auch weil Ruanda bislang lediglich zwei Cubesats gefertigt hat, gehen Beobachter nicht davon aus, dass der Antrag ernst gemeint ist und eher ein Versuch sein dürfte, den Ansprüchen westlicher Staaten und Raumfahrtunternehmen etwas entgegenzusetzen.

Der erste ruandische Satellit, ein Cubesat namens RwaSat-1, wurde erst 2019 gestartet und liefert dem Landwirtschaftsministerium des Landes wichtige Daten, erklärt der Geschäftsführer der Rwanda Space Agency nun in einem Zeitungsbeitrag. Über einen zweiten Satelliten namens "Icyerekezo" wurde eine Schule im Kivusee an das Internet angeschlossen. Damit enden die aktuellen Raumfahrtaktivitäten des Staates auch schon, aber dabei soll es nicht bleiben, versichert Francis Ngabo. Die Eingabe an die ITU sei ein wichtiger Schritt. Der Weltraum sei nicht mehr für eine Handvoll Staaten reserviert, wie es im 20. Jahrhundert der Fall gewesen sei. Der vorgestellte Plan unterstreiche die eigenen Ambitionen.

Wie realistisch der vorgelegte Plan ist, zeigen aber Vergleichszahlen. Aktuell sind in der Erdumlaufbahn weniger als 5000 Satelliten aktiv, insgesamt kreisen rund 24.000 künstliche Objekte um die Erde. Für geplante Megakonstellationen, über die abgelegene Regionen Internet bekommen sollen, sind rund 65.000 Satelliten geplant. Ob Starlink, OneWeb, Kuiper das aber auch tatsächlich umsetzen, ist noch nicht abzusehen. Die fast 330.000 Satelliten, von denen Ruanda nun spricht, sind eine ganz andere Größenordnung. Hugh Lewis von der Astronautics Research Group der Universität Southampton weist auf Twitter darauf hin, dass allein um die genannte Zahl an Satelliten einmal stabil zu halten, jährlich über 33.000 gestartet werden müssten – beziehungsweise 90 pro Tag. Das sei für keine Nation und kein Unternehmen durchführbar.

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Auch wenn Francis Ngabo von der Rwanda Space Agency das in seinem Gastbeitrag in der New Times höchstens andeutet, könnte der eigentliche Sinn der Eingabe darin liegen, den Vormachtanspruch westlicher Staaten und Unternehmen zu kritisieren. So werde der Gesamtwert der Raumfahrtindustrie weltweit auf 400 Milliarden US-Dollar taxiert, von denen lediglich sieben Milliarden auf den Kontinent Afrika entfallen. Im Zuge des Vorgehens von SpaceX beim Aufbau von Starlink gibt es derweil schon länger Kritik daran, dass das Unternehmen von Elon Musk hierbei Fakten schaffe, bevor sich die Welt auf Regeln geeinigt habe. Bislang kommt die schärfste Kritik dabei aus der Wissenschaft, aber nicht nur Astronomen und Astronominnen fürchten um den Zugang zum Nachthimmel, sollten tatsächlich einmal Zehntausende Satelliten in niedrigem Erdorbit kreisen.

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(mho)