Glosse: Professionelle Bildbearbeitung unter Linux? Theoretisch schon!

Beinharte Open-Source-Ideologen sehen Photoshop und Lightroom kritisch, denn kommerzielles Gewinnstreben gilt in diesen Kreisen als politisch unkorrekt. Freie Software wie Gimp und Darktable ist ethisch unbedenklich, aber sie hat ihre Tücken.

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Von
  • Sascha Steinhoff

Jede neue Darktable-Version wird im Heise-Forum inbrünstig als die bessere Alternative zu Lightroom gepriesen. Ähnliches war früher auch über Gimp zu hören, das eine echte Photoshop-Alternative werden sollte. Und natürlich über Linux, das lange als kommende Windows-Alternative gehandelt wurde. Auf dem Desktop, soviel ist sicher, ist Linux nach wie vor ein Nischenphänomen. Anspruchsvolle grafiklastige Anwendungen laufen nach wie vor auf Macs oder Windows-PCs. Gimp ist ein ordentlicher Bildeditor. Der Vergleich mit Photoshop CC ist allerdings so unfair wie ein Wettrennen zwischen Dacia Duster und Porsche Panamera.

Ein Kommentar von Sascha Steinhoff

Sascha Steinhoff ist Redakteur bei c't Digitale Fotografie und schreibt seit 2008 regelmäßig über techniklastige Fotothemen. Privat ist er seit analogen Zeiten bekennender Nikon-Fanboy, beruflich ist er da flexibler. Als Softwarespezialist kümmert er sich insbesondere um die Themen Raw-Konvertierung, Bildbearbeitung und Bildarchivierung.

Bei Darktable weiß man noch nicht so recht, wo die Reise hingeht. Das Programm hat Potenzial, bei unserem zugegebenermaßen nicht mehr ganz aktuellen Test lag bei Stabilität und vor allem auch beim Workflow Einiges im Argen. Wenn man eine Anwendung nur gelegentlich braucht, sind derlei Einschränkungen verschmerzbar. Für Technikliebhaber sind Darktable & Co. fantastische Spielzeuge. Mehr aber auch nicht.

Bildbearbeitungs-Profis brauchen stabile Werkzeuge die einen hohen Durchsatz ermöglichen. Effiziente Workflows stehen ganz oben auf der Anforderungsliste. Ein Lightroom ist sicherlich nicht in jeder Teildisziplin das beste Programm, das Gesamtpaket steht trotzdem nach wie vor ohne gleichwertige Alternative da. Es wäre eine sehr große Überraschung, wenn sich das mit dem neuen Darktable-Release urplötzlich ändern sollte.

Open-Source ist immer dann stark, wenn Technik-Geeks für andere Technik-Geeks Anwendungen programmieren. Bei Datenbanken, Webservern und Content-Management-Systemen konnte freie Software beachtliche Marktanteile erobern. Sobald benutzerfreundliche und an den normalen Anwender gerichtete Software gefragt ist, wie bei der Bildbearbeitung, wird es bei Open-Source zappenduster. Ausnahmen wie der Siegeszug von Android bei den Mobiltelefonen bestätigen diese Regel nur. Android basiert zwar auf dem Linux-Kernel, aber erst das dollarschwere Engagement der Datenkrake Google hat für eine alltagstaugliche Benutzbarkeit gesorgt.

Professionelle Bildbearbeitung unter Linux: Das ist eine schöne Idee, die in Foren oft in den zartesten Rosatönen ausgemalt wird. In der schnöden Realität führt an Adobe kaum ein Weg vorbei. Oder kennen Sie etwa ein Grafikstudio, das zugunsten von Gimp und Darktable auf Photoshop und Lightroom verzichtet?

[Update 19.12.2014:] An dieser Stelle erst einmal herzlichen Dank für die vielen engagierten Forenbeiträge! Zu Klarstellung: In dieser Glosse geht es wirklich ausschließlich darum, ob Linux-/Open-Source für die professionelle Bildbearbeitung geeignete Werkzeuge bietet. Freie Software zur Bildbearbeitung auf dem Desktop spielt betriebssystemunabhängig weder in der Heftproduktion bei Heise, noch bei den uns bekannten Grafikstudios eine tragende Rolle. Wenn Sie ein Unternehmen (kein Kleinstunternehmen) kennen, das in diesem speziellen Bereich konsequent und wirtschaftlich erfolgreich auf Open-Source setzt, würden wir uns über eine Mitteilung freuen. (sts)