Google Pixel Watch in der Analyse: Runde Sache mit Ecken und Kanten

Mit der Pixel Watch scheint Google das Wearable-Business diesmal ernsthaft angehen zu wollen. Doch wie stehen die Chancen, mit der Apple Watch gleichzuziehen?

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(Bild: Google)

Von
  • Alexander Spier

Nach jahrelangen Gerüchten, Prototypen und wieder verworfenen Modellen hat Google tatsächlich seine erste eigene Smartwatch vorgestellt. Die Pixel Watch soll ab Herbst die passende Ergänzung für das kommende Google Pixel 7 sein und Wear OS am Handgelenk endlich zum Durchbruch verhelfen. Doch wie groß stehen beim dritten Anlauf die Erfolgschancen, wenn etwa das überarbeitete Wear OS 3.0 nach einem Jahr gerade mal zwei unterstützte Geräte vorzuweisen hat?

Der entscheidende Unterschied zu den vorherigen Versuchen ist die Pixel Watch selbst. Nicht unbedingt, weil diese technisch der Konkurrenz überlegen ist oder viel überraschend neues bieten wird. Nicht einmal im Vergleich zu den bisherigen Android-Uhren trifft das zu. Google hat viel mehr unter Schmerzen von Apple gelernt, dass das eigene Ökosystem am besten funktioniert, wenn man alle Aspekte, von der Hardware bis zur Software unter seiner direkten Kontrolle hat.

Was vorher mit den Hardwarepartnern nur leidlich funktionierte, lässt sich nun ganz offensiv bewerben: Schaut her, wir haben hier eine perfekte Ergänzung zu eurem Smartphone. Das natürlich von Google kommt, wie auch die Kopfhörer und möglicherweise das Tablet und das Notebook. Je mehr der Kunde in das Ökosystem investiert ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er schnell wieder abspringt. Als Bindeglied sind Wearables wie die Pixel Watch ideal, weil der Kunde sich damit auch nach außen hin identifiziert und zudem ständig im Blick hat.

Während der Präsentation gab es nur einen funktionslosen Prototypen zu sehen.

(Bild: Google)

Und noch etwas hat Google begriffen: Wearables sind zuallererst ein Lifestyle-Produkt. Natürlich zeigen sie auch Information vom Smartphone an, sicherlich haben sie die ein oder andere nützliche App. Doch wer die Pixel Watch am Handgelenk trägt, soll damit auch etwas nach außen zeigen. Eine Apple Watch gehört inzwischen oft völlig selbstverständlich ans Handgelenk diverser Promis und der allgemeine Wiedererkennungswert ist hoch. Genau das will auch die Pixel Watch mit ihrem ungewöhnlich gewölbtem Displayglas und der auffälligen Krone erreichen. Man darf davon ausgehen, dass einiges an Entwicklungszeit in das Design floss.

Viel hat Google bisher nicht zu den technischen Daten verraten. Was ebenfalls zeigt, welche Richtung Google mit der Uhr einschlägt. Unter der schicken Oberfläche stecken mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnliche Sensoren wie bei nahezu allen ernsthaften Konkurrenten. Ohne den Fitnessaspekt, ohne eine dauerhafte Überwachung der Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und ähnlichem mehr, fällt es eben doch schwer eine Smartwatch zu verkaufen. Man darf wohl ebenfalls davon ausgehen, dass der Akku maximal ein bis zwei Tage hält, sonst würde Google offensiv mit der Laufzeit werben.

Die relativ dicken Ränder werden insbesondere bei solchen Listen deutlich, ebenso wie der eingeschränkte Platz für die Einträge außerhalb der Mitte des runden Displays.

(Bild: Google)

So schick und klassisch Uhren-haft das runde Display daher kommt, zum Transportieren von vielen Informationen ist es nicht ideal. Die bereits veröffentlichten Screenshots zeigen das eindrucksvoll: Was nicht mittig angeordnet ist, wird abgeschnitten. Die ein oder andere clevere Animation verschleiert das Problem beim Wischen durch Listen. Doch anders als etwa bei den alten Galaxy Watches von Samsung scheint die Anpassung an runde Displays weiter eher halbherzig zu sein. Zu sehr muss man wohl zugunsten der anderen Partner beide Formfaktoren berücksichtigen.

Das ist insofern bedauerlich, als der Bildschirm ohnehin verhältnismäßig klein erscheint. Das vermeintlich randlose Design ist wie üblich Marketing, schon als Rick Osterloh die Uhr auf der Bühne aus dem Ärmel schüttelte, war der Übergang vom relativ breiten Rand zum Display gut sichtbar. In den meisten der gezeigten Grafiken war die Größe des Displays jedoch nicht so entscheidend, da die Inhalte einerseits groß und anderseits aufs wesentliche reduziert erschienen.

Dass sich Google der Probleme der meisten bisherigen Wear-OS-Geräte bewusst ist, zeigte die Präsentation ebenfalls. Die Bedienung soll flüssiger werden und die Oberfläche generell übersichtlicher. Dass letzteres funktioniert, zeigt bereits die Galaxy Watch 4 von Samsung, die auf den gleichen Samsung-Prozessor und als einzige Uhr auch schon auf Wear OS 3.0 setzt.

Ohnehin scheint die Pixel Watch nach dem aktuellen Stand der Dinge recht nah dran zu sein an Samsungs Uhr. Geht man von deren Preisgestaltung aus, könnte die Pixel Watch mit ihrem Edelstahlgehäuse für rund 300 bis höchstens 400 Euro (mit LTE) in den Handel kommen. Falls Google deutlich mehr verlangen wollte und Preise wie bei der Apple Watch 7 (Test) anstrebt, müsste man hingegen in einigen Punkten nachlegen.

Ob die Pixel Watch damit ein Verkaufserfolg wird, ob das Konzept am Ende für die Kunden funktioniert, muss der Herbst zeigen. Google hat immer wieder gezeigt, dass man zwar die Zeichen der Zeit erkennt, aber dann bei den Details patzt. Auch wenn man sich einiges von der Apple Watch abgeschaut hat, dürfte diese derzeit kaum der Maßstab sein. Viel mehr muss die Pixel Watch zunächst zeigen, dass Google tatsächlich eine reibungslos funktionierende Zusammenarbeit mit dem Smartphone hinbekommt und eine gut bedienbare Uhr erschaffen kann. (asp)