Google und YouTube wollen Nutzer gegen Desinformation schützen

Die Google-Tochter Jigsaw hat mit "Prebunking" eine Technik weiterentwickelt, um Manipulationsversuchen im Internet vorzubeugen.

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(Bild: Dilok Klaisataporn/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl
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Mit neuen technischen Ansätzen wollen Google und YouTube die Gesellschaft besser auf schädliche Online-Phänomene wie Fehl- und Desinformation vorbereiten. "Wir sollten das Spiel ändern", erklärte Yasmin Green, Chefin der Google-Tochter Jigsaw, am Dienstag auf der Konferenz "Fighting Misinformation Online" des Suchmaschinenriesen und des zu ihm gehörenden Videoportals in Brüssel. Die Nutzer müssten befähigt werden, sich eine "mentale Rüstung" gegen Propaganda anzulegen.

Green setzt dabei vor allem auf das sogenannte Prebunking, um User etwa mit aufklärenden Video-Clips gegen Desinformation zu "immunisieren": "Falschinformation ist vorhersehbar", erklärte die gebürtige Iranerin. "Wir können so die Menschen erreichen, bevor sich Fehlinformationen durchsetzen, und ihre Widerstandsfähigkeit stärken." Das funktioniere wie eine Impfung: die Leute erhielten eine kleine Dosis eines "Erregers", der sofort widerlegt werde.

Die Managerin verwies dazu auf eine Videokampagne in Polen und anderen osteuropäischen Ländern, die typische Vorbehalte gegen ukrainische Flüchtlingen aufgreift und Argumente dagegen bringt. Entsprechende Verfahren habe Jigsaw drei Jahre lang mit Wissenschaftlern und Testläufen in Labors und im Netz vorbereitet. Es sei auch geplant, die dabei entwickelte Technik als Open Source mit der Universität Cambridge und der BBC zu veröffentlichen.

"Wir müssen aus der Verteidigung in die Offensive", betonte Green. Schon heute gebe es rund 100 Millionen Flüchtlinge weltweit. Länder wie Belarus, Libyen und die Türkei stellten Migrationsströme gezielt her, um die EU zu erpressen oder Bilder von gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften zu produzieren, die wiederum als Propaganda gegen die Staatengemeinschaft verwendet werden könnten. Der Kreml habe ganze Multimedia-Imperien für die Verbreitung von Desinformation aufgebaut. Migration stehe zudem im Zentrum einer Verschwörungserzählung von Neonazis, die hier gern mit der Zeitbomben-Metapher agierten.

Jigsaw startete daher im Rahmen der Konferenz die Webseite Info Interventions. Dort stellt die Firma mehrere forschungsbasierte Ansätze vor, um die Gesellschaft auf schädliche Online-Phänomene wie Fehl- und Desinformation besser vorzubereiten und deren Auswirkungen zu reduzieren. Dazu zählen neben Prebunking etwa die von YouTube bereits seit Längerem angewandte Redirect-Methode oder Rückmeldungen zur Autorschaft von Artikeln und Clips.

Desinformationskampagnen bezögen sich in jüngster Zeit auch verstärkt auf die Inflation, steigende Energiepreise, potenzielle Engpässe und ganz allgemein den wirtschaftlichen Abschwung, führte die für Werte zuständige Kommissionsvizepräsidentin Věra Jourová in einer Videobotschaft aus. "Der russische Staat führt einen Informationskrieg, der mit seiner militärischen Aggression einhergeht. Es ist klar, dass wir nicht tatenlos zusehen können, wie sich solche schädlichen Narrative durchsetzen. Wir dürfen das Feld nicht denjenigen überlassen, die ein Interesse daran haben, Angst und Spaltung zu säen und die demokratische Debatte zu untergraben."

Faktenchecker und Forscher hätten sich daher in der Europäischen Beobachtungsstelle für digitale Medien (EDMO) zusammengeschlossen, führte Jourová aus. Diese habe allein rund um den Krieg in der Ukraine mehr als 1600 Fälle von Fehlinformationen festgestellt und mit Schnellanalysen sowie Recherchen dagegengehalten. Die Kommission plane, regionale Zentren zu eröffnen und die EDMO-Aktivitäten auf die ganze EU auszuweiten. Die Institution steht aber in der Kritik, da sie viele Verbindungen zu Tech-Konzernen hat.

Jourová verwies zudem auf den im Juni verschärften EU-Kodex gegen Desinformation, der zusammen mit dem Digital Services Act (DSA) die Plattformen stärker in die Pflicht nehme. Ferner sei es wichtig, mit dem umstrittenen European Media Act auch jene Quellen zu stärken, "die zuverlässige und vertrauenswürdige Informationen liefern". Nach dem Schutz der kritischen Infrastruktur werde es mit dem avisierten Paket zur Demokratieverteidigung zudem künftig auch stärker um das Absichern europäischer Werte.

Die Plattformbetreiber sollten mehr Anreize einführen, "die Wahrheit zu teilen", forderte die Londoner Verhaltenspsychologin Tali Sharot. In einem Planspiel hätten sie und Kollegen etwa statt eines Like- einen Vertrauensbutton und einen Gegenpart dazu getestet. Die Probanden hätten damit sehr stark interagiert, was zu mehr akkuraten Postings geführt habe. An sich sei Desinformation, die auf die eigenen Erwartungen zugeschnitten sei, sehr verführerisch, da sie etwa Vorurteile verstärke.

"Viele unsere Institutionen haben Vertrauen verloren oder es nie besessen", erläuterte Ryan Merkley vom Aspen-Institut den Glaubwürdigkeitsverlust traditioneller Instanzen. Trotzdem agierten sie unbeirrt weiter. Auch Medien müssten mehr Transparenz wagen, Plattformen Forschern Zugang zu ihren Rohdaten geben.

Die gefährlichste Desinformation gehe von populistischen Politikern aus, warnte der Oxforder Medienwissenschaftler Rasmus Kleis Nielsen. Eigentlich sei es nicht die Rolle von Plattformbetreibern, darüber zu entscheiden, wer auf ihren Foren sprechen dürfe. Sie müssten dazu aber eigene Standards einhalten auf Basis allgemeiner ethischer Empfehlungen. Diese Vorgaben sollten das Gemeinwohl stärken, ergänzte Alexander Stubb vom Europäischen Hochschulinstitut (EUI). Der frühere Ministerpräsident Finnlands warf die Frage auf, ob seine Nation oder Google mächtiger sei.

YouTube hat am Rand der Konferenz die Initiative "Klicke Pause" online gestellt, um Medienkompetenz zu fördern. Nutzer finden darüber etwa Tipps, um Manipulationstaktiken besser zu verstehen. Google teilte mit, einem globalen Fonds des International Fact-Checking Network (IFCN) 13,2 Millionen US-Dollar zuzuschießen. Er soll ab 2023 ein Netzwerk von 135 Faktencheck-Organisationen aus 65 Ländern in 80 Sprachen unterstützen.

In Mittel- und Osteuropa stellt Google.org Zuschüsse von 2,5 Millionen US-Dollar für das Netzwerk TechSoup Europe zur Verfügung. Dieser Topf soll zivilgesellschaftliche Organisationen im Kampf gegen Desinformation beflügeln.

(axk)